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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.07.2010

Von "Mietmäulern" und "Expertokratie"

"Netzwerk Recherche" traf sich in Hamburg

Von Michael Meyer

Thomas Leif (2. von r.) mit Kollegen von Netzwerk Recherche auf einem Archivbild.  (K. Lötzsch)
Thomas Leif (2. von r.) mit Kollegen von Netzwerk Recherche auf einem Archivbild. (K. Lötzsch)

Über 800 Journalisten diskutierten unter dem Titel "Fakten für Fiktionen – Wenn Experten die Wirklichkeit dran glauben lassen" auf der Jahrestagung der Vereinigung "Netzwerk Recherche" den Status Quo des bundesdeutschen Journalismus.

"Erklären Sie uns das!" – Diesen Satz hört man oft in den Medien. Ein Experte soll ein komplexes Thema durchdringen und es verständlich den Laien erklären. Diese Methodik ist in den Medien geradezu epidemisch geworden, gerade in den letzten Monaten, als in der Finanzkrise, in der Eurokrise und der drohenden Griechenlandpleite Experten oft mehrmals am Tag die Situation erklären mussten.

Doch das immer dieselben Experten herangezogen werden, ist nicht unproblematisch, konstatiert Thomas Leif, Chefreporter beim SWR und Vorsitzender des "Netzwerk Recherche":

"Die meisten wollen funktionierende Menschen haben, die etwa im Hörfunk ganz knapp formulieren oder im Fernsehen 'gesichtsbekannt' sind, das ist aber eine Sackgasse, weil man das neue Wissen, den neuen Sachverstand, all das produktive Kenntnisse, das hinzugekommen ist, nicht mehr abdeckt. Etwa in der Parteienforschung, da kann man sehen, dass bestimmte Leute immer wieder reden, sogar 'Hauskommentatoren' ganzer Senderketten sind, aber das es viel bessere und jüngere Wissenschaftler gibt, die nicht zum Zuge kommen – das ist der Ausgangspunkt. Der zweite Aspekt ist, dass über diese 'Expertokratie' auch PR und instrumentelle Haltungen, sogenannte 'Mietmäuler' in die Zeitungen, in die Medien kommen, und da wollen wir einen Schlussstrich ziehen."

Doch das ist gar nicht so einfach, denn: Sich die neuesten wissenschaftlichen Publikationen anzusehen, neue Experten auszuprobieren, dazu braucht es Zeit – Zeit, die in den Redaktionen oft nicht vorhanden ist.

Wie schlecht es zum Teil um den Bereich Recherche bestellt ist, beleuchtete eine Diskussion, die "Vom Elend des Lokaljournalismus" betitelt war. Der Lokaljournalismus ist, obwohl bei den Lesern und Medienkonsumenten sehr beliebt, das Stiefkind vieler Redaktionen. Schlecht bezahlt und mit kaum intellektueller Tiefe ausgestattet, wird er oft Praktikanten oder Volontären überlassen, oder, wie ein Verleger aus Mecklenburg-Vorpommern sagte, auch "Rentnern und Hausfrauen". Dass so kein guter Lokaljournalismus entstehen kann, ist klar. Das ist aber für die Demokratie nicht ungefährlich, meint der Medienwissenschaftler Michael Haller:

"Das Wichtigste scheint zu sein, dass der real existierende Lokaljournalismus gar nicht die Sichtweise, die Fragen der Menschen, die in dieser Stadt leben, versteht. Der Lokaljournalismus ist nach wie vor, wie wir das nennen, Veranstalter-orientiert, diese ganzen Berichterstattungen über die ewig gleichen Feste – das ist nicht das, was die Menschen beschäftigt. Und da ist der Lokaljournalismus nach wie vor fixiert auf diese ursprünglich aus der Chronistenrolle kommenden Sichtweise ( ... .) Berichterstattung ist schon richtig, aber man muss anders fragen."

Eben: Aus der Sicht des Lesers und nicht des Veranstalters. Doch nicht nur im Lokaljournalismus sind neue Ideen gesucht, zu fragen ist auch, wie im Journalismus aufwendige Recherchen künftig noch bezahlt werden können. Einige Medienhäuser, wie die "WAZ" in Essen machen bereits wieder zweistellige Umsatzrenditen – kein Wunder angesichts der Entlassung von 300 Redakteuren in den letzten Jahren. Doch Entlassungen allein können wohl kaum ein Zukunftskonzept sein, ebenso wenig, wie beim "Stern" geschehen, der Verzicht auf fast alle freien Mitarbeiter.

Andererseits gibt es in einigen Redaktionen auch wieder die Bereitschaft, in kleine, schlagkräftige Teams zu investieren: So geschehen bei der "Süddeutschen Zeitung", ab diesen Sommer auch bei der "Welt" und bei der neuen Nachrichtenagentur dapd in Berlin. Doch ist das alles nur ein PR-Gag, weil die Medienhäuser spüren, dass es ihrem Image besser tut, wenn sie solche Redaktionen haben? Diese Sichtweise ist dem Journalisten Volker Lilienthal zu einseitig:

"Das finde ich nicht gut, man kann nicht mehr Recherche fordern, und wenn dann Verlagshäuser nach vorne gehen und solche Teams einrichten oder auch Förderfonds auflegen, dann sollte man das begrüßen und erst mal vom besten ausgehen. Ich glaube, die großen Qualitätshäuser haben erkannt, dass investigativer Journalismus kein Selbstzweck ist, sondern dass es darum geht, erstens die Funktion in der Demokratie, sprich Kritik und Kontrolle wirklich wahrzunehmen und b) weiß man auch, dass gute investigative Geschichten einfach auch Lesestücke sind, die spannend zu lesen sind."

Wie schwer es ist, ein komplexes Thema zu durchdringen, merken Journalisten immer dann, wenn eine Seite sich Anfragen und Interviews verweigert – die besonders hartnäckigen Fälle prämiert der Verein jedes Jahr mit seinem Preis der "Verschlossenen Auster". Die "Verschlossene Auster" geht in diesem Jahr an die Deutsche Bischofskonferenz, die stellvertretend für die katholische Kirche den Preis entgegennahm. In den letzten Monaten, so die Begründung, habe die Bischofskonferenz Interviewwünsche abgesagt, verzögert, Fakten verschleiert und das ihre dazu getan, möglichst wenig Aufklärung in die Missbrauchsdebatte zu bringen. Der Innenpolitikchef der "Süddeutschen Zeitung" hielt anlässlich der Verleihung des Preises eine brillante Rede, in der er der katholischen Kirche vorwarf, durch ihre Verschleierungstaktik "Demission" statt "Mission" zu betreiben. Prantl weiter:

"Eine Gemeinschaft, die vom Wort lebt, hat die Sprache verloren. Sie ist sprach- und sprechunfähig geworden, nicht nur, aber vor allem, wenn es um ihr Verhältnis zur Sexualität geht. Die Institution, die diese Tabus aufgestellt hat, geht den heiklen Fragen aus dem Weg, weil sie keine Antworten geben will. Und wenn die Fragen gleichwohl drängend werden, schlagen die Antworten Haken wie Hasen auf der Flucht."

Die Rede Heribert Prantls wurde mit langem Applaus quittiert – sie wird in den nächsten Tagen mit Sicherheit noch weiter diskutiert werden. Immerhin: Der Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz nahm persönlich den Preis entgegen und gelobte Besserung - auf dass die katholische Kirche nicht noch einmal als "Informationsblockierer des Jahres" ausgezeichnet werde.

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Leif: Medien sind auf falsche Experten und "Mietmäuler" fixiert

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