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Interview | Beitrag vom 26.07.2019

Von Menschen und Zügen "Ein besseres Lesen als daheim im Sessel"

Helmut Böttiger im Gespräch mit Dieter Kassel

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Eine Frau liest im Zug (CandyBox/picture alliance )
In Zügen wird immer noch viel gelesen, und viele Romanciers haben die Eisenbahnfahrt als Sujet gewählt. (CandyBox/picture alliance )

Bücher und Züge – das gehört irgendwie zusammen. Bei der Bahnfahrt wird gerne gelesen, aber auch für die Literatur ist das Bahnfahren ein wiederkehrendes Sujet, sagt der Literaturkritiker Helmut Böttiger.

Literaturkritiker Helmut Böttiger findet, dass es sich in Zügen am besten lesen lässt: "Wenn die Landschaft so beruhigend an einem vorüberrauscht und man sich in ein Buch vertiefen kann. Das ist wie das Gefühl, das besser ist als daheim im Sessel, weil man ist abgeschirmt und man ist trotzdem unterwegs", sagte Böttiger im Deutschlandfunk Kultur. "Es entspricht dem Lesevorgang an sich."

Zugfahren als neue Erfahrung

Seitdem 1834 die erste deutsche Bahnstrecke eröffnete, ist das Zugfahren auch Gegenstand der Literatur. So schrieb der romantische Dichter Joseph von Eichendorff an einer autobiografischen Novelle, in der es heißt: "An einem schönen warmen Herbstmorgen kam ich auf der Eisenbahn vom andern Ende Deutschlands mit einer Vehemenz dahergefahren, als käme es bei Lebensstrafe darauf an, dem Reisen, das doch mein alleiniger Zweck war, auf das allerschleunigste ein Ende zu machen, die Dampffahrten rütteln die Welt, die eigentlich nur noch aus Bahnhöfen besteht, unermüdlich durcheinander wie ein Kaleidoskop, wo die vorüberjagenden Landschaften, ehe man noch irgendeine Physiognomie gefasst, immer neue Gesichter schneiden."

Langeweile in der Bahn

Es dauerte Jahrzehnte, bis man sich an diese neue Welt gewöhnte. Die Irritation hielt an. Der Schriftsteller Gustave Flaubert, dessen Schlüsselszenen, wie bei "Madame Bovary", noch eher in der Pferdekutsche spielen, empfand das Reisen mit der Eisenbahn als extrem langweilig. Wenn er aus dem Abteilfenster blicke, erkenne er nichts, so dass er "nach fünf Minuten vor Stumpfsinn zu heulen" beginne. Eine Ahnung davon schwingt noch in Thomas Manns Erzählung "Das Eisenbahnunglück" aus dem Jahr 1909 mit. Man fühlt sich zwar inzwischen im Zugabteil ganz gut aufgehoben, die Staatsmacht in Form von uniformierten, Kaiser-Wilhelm-Bart-tragenden Wagenschaffnern gibt Sicherheit – aber in dem Moment, in dem der Zug entgleist, ist das alles außer Kraft gesetzt und plötzlich ist man ungreifbaren, schicksalhaften Mächten ausgeliefert.

Bürgerliche Konservation

Es gibt aber auch die Möglichkeit bürgerlicher Konversation im Abteil, das Kennenlernen fremder Menschen, die Anbahnung von Beziehungen. In Theodor Fontanes "Irrungen, Wirrungen" etwa werden dabei unterhand die Klassenunterschiede zwischen Wirtschaftsbürgertum und Adel deutlich.

In Lew Tolstois "Anna Karenina" geht die Romanhandlung in einem großen Bogen von einem Bahnhof aus und endet mit dramatischem Gestus auf den Gleisen. Am Anfang begegnet die unglücklich verheiratete Karenina dem kraftstrotzenden Offizier Graf Wronski, am Ende wirft sie sich auf die Schienen und kommt um. Die Eisenbahn steht als großes Symbol des zeitgenössischen Lebens über dieser menschlichen Tragödie. Russland ist überhaupt Schauplatz großer Eisenbahndramen: Die langen Fahrten in Boris Pasternaks "Doktor Schiwago" mit der transsibirischen Eisenbahn können sinnbildlich dafür stehen.

Szene aus dem Film: Mord im Orient-Express, (MURDER ON THE ORIENT EXPRESS) GB 1974, Regie: Sidney Lumet, ALBERT FINNEY, JOHN GIELGUD, JEAN-PIERRE CASSEL, MARTIN BALSAM (United Archives/Impress/picture alliance )Vor allem für den Krimi war der Zug ein idealer Ort des Geschehens, wie hier in "Mord im Orient-Express". (United Archives/Impress/picture alliance )

Langsam wurde die Eisenbahn zu einer selbstverständlichen Umgebung, das heißt: auch zum Hintergrund für Kriminalromane. Agatha Christies "Mord im Orientexpress" oder Patricia Highsmiths "Zwei Fremde im Zug" zeigen das Zugabteil als idealen Ort für eine klassische Encounter-Szenerie. Heimito von Doderers geheimnisvoller Roman "Ein Mord, den jeder begeht", dreht sich um einen düsteren Eisenbahntunnel zwischen Lauffen und Heilbronn.

Kreuz und quer durch Deutschland

In der neueren deutschen Literatur ist wohl Uwe Johnsons "Mutmaßungen über Jakob" der Roman über das Eisenbahnwesen, der die politischen Dimensionen dieser Errungenschaft der großen industriellen Revolution programmatisch zum Ausdruck bringt. Sten Nadolnys Roman "Netzkarte" aus dem Jahr 1981 nimmt ein Grundmotiv von Joseph von Eichendorff wieder auf, nur hat sich die Eisenbahn mittlerweile an die Stelle romantischer Wanderungen gesetzt: Ein junger verträumter Taugenichts reist voller Sehnsüchte mit der Bahn kreuz und quer durch Deutschland.

Der Bahnhof als Schutzraum

Und in Markus Werners hinreißendem Roman "Zündels Abgang" aus dem Jahr 1984 ist die Eisenbahn endgültig zum vertrauten Hort gegen die Unübersichtlichkeiten der hektischen Gegenwart geworden: Der Held verlässt in Genua den Hauptbahnhof nur für einen Umkreis von ein paar hundert Metern, um in Notfall wieder dahin zu flüchten und Sicherheit zu gewinnen.

(gem/böt)

Gustave Flaubert: Madame Bovary, Hanser Verlag 2012, 36 Euro.  

Theodor Fontane: Irrungen, Wirrungen, Reclam Verlag 2010, 3,60 Euro.

Lew Tolstoi: Anna Karenina, Hanser Verlag 2009, 39,90 Euro.  

Boris Pasternak: Doktor Schiwago, S. Fischer Verlag 2015, 20 Euro.  

Agatha Christie: Mord im Orientexpress, Atlantik Verlag 2017, 20 Euro.

Patricia Highsmith: Zwei Fremde im Zug, Diogenes Verlag 2002, 21,90.

Heimito von Doderer: Ein Mord, den jeder begeht, C.H. Beck Verlag, 24.90 Euro.

Uwe Johnson: Mutmaßungen über Jakob, Edition Suhrkamp 1992, 10 Euro.

Markus Werner: Zündels Abgang, Fischer Verlag 2011, 11 Euro.

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