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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 19.07.2013

Von "Massel" und "Schlamassel"

Jiddisch in der deutschen Alltagssprache

Von Hannelore Becker-Willhardt

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Manche Begriffe, die jiddisch klingen, haben tatsächlich hebräischen Ursprung. (picture alliance / dpa / epa / Olivier Fitoussi)
Manche Begriffe, die jiddisch klingen, haben tatsächlich hebräischen Ursprung. (picture alliance / dpa / epa / Olivier Fitoussi)

Jiddisch ist eine eigenständige Sprache und hat mitnichten etwas mit der Eindeutschung hebräischer Begriffe zu tun. Spuren vom Jiddischen sind in der deutschen Umgangssprache allgegenwärtig. Aber nicht alles, was jiddisch klingt, ist es auch.

Ane Kleine-Engel von der Universität Luxemburg hat sich den Zeitraum von 1990 bis 2012 vorgenommen. Ihre Quellen: 90 Bundestagsdebatten, an die 18 Millionen Zeitungs- und Zeitschriftenseiten und vor allem 830 Internetforen, die sie mit Hilfe spezieller Suchmaschinen und Programmen der Computer-Linguistik ausgewertet hat.

Das sind zwar alles gedruckte Medien. Aber gerade Internet-Foren, so schreibt sie in ihrem Aufsatz ”Dibbern im Chat" - also ”Reden im Chat" - bieten eine neue Form von Öffentlichkeit:

"”Internetforen sind so etwas wie digitale Pin-Wände, an die jeder Mensch Mitteilungen pinnen kann. Bei meinen Recherchen war ich erstaunt, dass es so viele Foren gibt, die sich explizit dem jiddischen Wortgut widmen.""

Und mit der Herleitung von deutschen Wörtern aus dem Jiddischen. Doch das ist oft nicht so einfach wie meist angenommen wird.

Dass ”Massel" für ”Glück" steht, ist gemeinhin bekannt, und das Wort ”Schlamassel" für ”Pech haben". Beide klingen typisch Jiddisch. Dabei geht ”Schlamassel" aber auf das jiddische Wort ”Schlimm-Massel" zurück - und setzt sich aus dem deutschen Wort ”schlimm" und dem hebräischen Wort ”Massel" zusammen - ”schlimmes Glück" eben. ”Schlimm" wurde umgangssprachlich dann zu ”Schlamm", in dem man stecken bleiben kann. Im ”Schlam-Massel" also.

Bekannt ist auch, dass ein ”meschugger" Mensch 'verwirrt' ist und ”Moos" für Geld steht. Umgangssprachlich ganz gebräuchlich ist ”koscher" für 'in Ordnung', ”stiekum" für 'ganz heimlich', die ”Maloche" für 'schwere Arbeit', der ”Reibach" für einen 'hohen Gewinn' und - zumindest im Ruhrgebiet - ”Schickse" und ”Ische" für 'Mädchen'.

Der ”Tinnef", im Jiddischen ursprünglich 'Kot' und 'Unflat', bezeichnet eine 'wertlose Ware', für die man mit einem ”Heiermann", mit '5-Mark' also, bezahlt. Man spricht vom ”Schmusekurs" der Regierung und von ”Schmu-Zetteln" bei Klassenarbeiten. Es gibt ”mieses" Wetter und gut ”betuchte", also 'vermögende' Verwandte.

Es wird ”gezockt", ”gemauschelt" und ”Stuss" oder ”Tacheles" geredet. Ganz geläufig ist auch der ”Pleitegeier", der über einem bankrotten Geschäft kreist: Dieser scheinbar mythologische Vogel entpuppt sich indes im Jiddischen als ein ”Pleite-Geher", der vor seinen Gläubigern flieht. Und in letzter Zeit ist das jiddische Wort für ”Frechheit" oder ”Dreistigkeit" beliebt geworden: die ”Chuzpe".

Alles was komisch klingt, muss jiddisch sein

Das Interesse am Einfluss jiddischer Wörter auf die deutsche Alltagssprache ist seit einigen Jahren groß, so die Erfahrung von Ane Kleine-Engel, und die Diskussion in den Internet-Foren sehr rege.

"Teilweise sogar so sehr, dass der Wunsch, etwas Jiddisches gefunden zu haben, größer ist, als die Daten hergeben. Man möchte bisweilen glauben, dass es die Faustregel gibt: 'Alles was komisch klingt, muss jiddisch sein.'"

Darunter, so kritisiert Ane Kleine-Engel, befinden sich Wörter und Redewendungen, die ihrer Meinung nach auf keinen Fall einen jiddischen Ursprung haben. Die wohl aber aus dem Hebräischen hergeleitet werden können. Wie zum Beispiel ”Es zieht wie Hechtsuppe", gemeint ist ein starker Luftzug, oder auch ”Kokolores" für Unfug. Dann auch ”flöten gehen" für 'verloren gehen' und das ”Blau machen", das aus dem Hebräischen abgeleitet für ”nichts machen", hier also ”der Arbeit fernbleiben" steht und auch zum ”Blauen Montag" wurde. Und dann der Neujahrswunsch der ”gute Rutsch", gerne abgeleitet vom hebräischen ”Rosch-ha-schana", dem jüdischen Neujahrstag. Aber:

"”Es gibt keinen jiddischen Neujahrswunsch, der das Wort 'Rosch' enthielte. Desgleichen mag es zwar im Hebräischen das”hech supha für 'Hechtsuppe' geben, doch ist es in keiner Form und zu keiner Zeit im Jiddischen belegt.""

Ein wichtiges Argument. Denn viele jiddische Wörter stammen aus dem Hebräischen. Wenn nun aber Redewendungen aus der deutschen Umgangsprache Ähnlichkeiten mit hebräisch klingenden Wörtern haben, dann müssen sie nicht zwangsläufig auch im Jiddischen, also in der jüdischen Alltagssprache vorkommen. Schließlich ist Jiddisch eine eigenständige Sprache mit eigener Entwicklung - und kein deutscher oder hebräischer Dialekt.

Rund 30 Wörter aus dem Jiddischen hat die Luxemburger Sprachwissenschaftlerin ausgemacht, die in deutschsprachigen Medien heute aktiv gebraucht werden. An der Spitze dieser 'Hitliste' stehen ”Pleite", ”mies", ”Stuss" ”Schlamassel" und ”Mauscheln". Oft in einem abwertenden Ton.

Aber nicht mehr immer. So fand Ane Kleine-Engel Wörter wie ”baldowern" und ”ausbaldowern" auch in Berichten über das Planen günstiger Ausflugsfahrten oder das ”Austüfteln geeigneter Techniken" in der Raumfahrt. Und die ”Mischpoche" scheint als Begriff für neue Familienformen attraktiv zu werden.

"”Alles wird neu: Zwei Väter, zwei Mütter in einer Familie, Kinder mit zwei Vätern und einer Mutter, Zwei-Mütter-ein-Kind-Familie. Was mag daraus folgen? Mischpoche.""

1100 Wörter und Redewendungen stehen im ”Kleinen Lexikon deutscher Wörter jiddischer Herkunft". Rund 30 davon, so hat die Luxemburger Sprachwissenschaftlerin herausgefunden, werden heute aktiv gebraucht. Für Ane Kleine-Engel ist das freilich kein Problem. Ihr Fazit:

"”Wichtiger als das 'Wie viel' scheint mir zu sein, wie selbstverständlich diese - wenn auch wenigen - hochfrequenten Jiddismen in der aktuellen Umgangsprache verankert sind.""

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