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Religionen | Beitrag vom 26.08.2018

Von Lebens- und WeltzyklenWiedergeburt im Hinduismus und Buddhismus

Michael von Brück im Gespräch mit Anne Françoise Weber

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Eine Frau meditiert vor einem Sonnenuntergang. (imago/stock&people/UIG)
Wer die Erleuchtung durch Meditation nicht im Diesseits erlangt, muss auf die Wiedergeburt und sein nächstes Leben hoffen. (imago/stock&people/UIG)

In den ältesten Schriften Indiens findet die Wiedergeburt keine Erwähnung. Erst im fünften Jahrhundert vor Christus kam der Gedanke vom zyklischen Leben auf, sagt Zen-Lehrer Michael von Brück. Welche Vorstellungen von Leben und Tod stehen dahinter?

Anne Francoise Weber: Ullambana heißt auf Sanskrit das Fest zum Gedenken an die Vorfahren, das viele Buddhisten mit unterschiedlichen Gaben und Bräuchen am 25. August gefeiert haben. Sie erinnern dabei an die Geschichte eines Buddha-Schülers, der mit Hilfe seines Meisters gerade noch seine verstorbene Mutter aus der Unterwelt befreien konnte. Wir wollen jetzt genauer auf den Umgang mit dem Tod im Buddhismus schauen – und auf das Konzept der Wiedergeburt, das der Buddhismus aus dem Hinduismus übernommen und weiterentwickelt hat. Welche Jenseitsvorstellungen stehen dahinter? Und wieviel hat die Wiedergeburt eigentlich mit dem vorherigen Leben zu tun?

Einer, der sich bestens mit diesen Fragen auskennt, ist Michael von Brück, Professor der Religionswissenschaft an der Universität München, studierter evangelischer Theologe und ausgebildeter Zen- und Yogalehrer. Ich habe ihn zunächst nach den Anfängen gefragt: Ist denn abzuschätzen, wann und in welchem Kontext die Vorstellung von Wiedergeburt überhaupt im indischen Raum aufkam?

Michael von Brück: Ja, genau wissen wir das nicht. Es ist interessant zu sehen, dass in den ältesten uns überlieferten Schriften, also in den Veden die Wiedergeburt nicht vorkommt, sondern sie hat etwa in der Zeit der mittleren Upanischaden – man kann das immer sehr schwer datieren, also vielleicht im fünften, sechsten Jahrhundert vor Christus – angefangen. Und deshalb hat man auch vermutet, ohne es beweisen zu können, dass die Wiedergeburtsvorstellungen in Indien mit denen im alten Griechenland, also bei Pythagoras vor allem, irgendwie zusammenhängen.

Wiedergeburt in Indien und im alten Griechenland

Nun gibt es beide Thesen, die einen vermuten, Griechenland könnte der Ursprung sein und nach Indien die Vorstellung exportiert haben, andere meinen, es kommt von Indien und ist dann nach Griechenland gekommen. Wir wissen das nicht genau.

Weber: Das heißt, da muss noch weiter geforscht werden. Mit welchen Argumenten wird denn diese Wiedergeburtslehre vertreten? Also, es ist natürlich immer schwierig, logisch zu argumentieren bei allem, was Glaubensvorstellungen sind, aber trotzdem, so aus der alltäglichen Anschauung, würde ich sagen, kommt man ja nun nicht darauf, dass nach dem Tod ein zweites Leben kommt. Oder ist das jetzt mein christlich-europäischer Blick auf die Sache?

von Brück: Ich vermute, ja. Denn zunächst einmal ist die Vorstellung ja sicherlich die: Leben ist zyklisch. Wir erleben in der Natur das Wachsen, Aufblühen und Vergehen und das Neuerblühen im nächsten Frühjahr. Und das ist ja ein Zyklus und ein Rhythmus in der Natur, den natürlich Menschen, die mit der Natur leben, genau beobachten, so dass sie durchaus mit guten Argumenten oder Vermutungen sagen können: Beim tierischen und menschlichen Leben ist es ähnlich. Wir können es zwar nur bei der Pflanze direkt sehen, aber bei Tieren und Menschen könnte das auch so sein.

Jeder Gedanke hat seine Wirkung

Das andere Argument, das vor allem dann in der indischen Kultur sehr stark geworden ist, ist die Karmalehre. Und die Karmalehre bedeutet, dass alles, was ist, Ursachen hat, dass diese Ursachen das hervorbringen, was wir jetzt erleben, und zwar nicht nur im Bereich der physikalischen oder der naturhaften Erscheinungen, sondern auch der moralischen. Denn jeder Gedanke, jeder Gedankenimpuls, jedes Wort und jede Tat, die dann aus diesem Gedanken kommt, hat ihre Wirkung und muss ausgeglichen werden, jede Wirkung muss ausgeglichen werden.

Das Interessante ist, dass die Karmalehre bedeutet, dass es, ich sage gerne: eine reziproke Kausalität gibt. Das heißt, eine Handlung oder ein Gedanke oder eine Tat wirkt nicht nach außen allein, sondern wirkt auch nach innen. Das heißt, der Täter – oder derjenige, der einen Gedanken fasst – prägt sich selbst durch diesen Gedanken. Prägung heißt ja auf Griechisch: Charakter. Also, der Charakter ist nicht etwas, was irgendwo vom Himmel gefallen ist, sondern ist das, was wir im Laufe unseres Lebens erwerben.

Weber: Als schönes anschauliches Beispiel habe ich da bei Ihnen gefunden, dass der Mann, der einen Sohn bekommt, oder die Frau, die eine Tochter bekommt, sich auch verändert, weil er Vater oder sie Mutter wird.

von Brück: Genau dieses Beispiel kommt in den asiatischen Kulturen vor. Und das ist anschaulich und das ist selbstverständlich. Also, diese Karmalehre ist eigentlich die Vorstellung vom Ausgleich aller Dinge: Alles, was etwas bewirkt, hat seine Wirkung nach innen und nach außen. Und nun ist offensichtlich Ungerechtigkeit in der Welt: Der Gerechte – wir lesen das ganz genauso in anderen Schriften, also etwa in der Weisheitsliteratur der hebräischen Bibel –, der Gerechte, der gerecht lebt, erfährt in seinem eigenen Leben nicht immer Gerechtigkeit, und der Ungerechte, der ungerecht lebt, der Böses tut, kann dennoch in Saus und Braus leben. Das ist eine Erfahrung, die nicht nur wir machen, sondern die offensichtlich in allen Kulturen jahrtausendelang zurückreicht.

Ausgleichende Gerechtigkeit durch Wiedergeburt

Nun ist die Vorstellung: Das muss ausgeglichen werden, sonst ist die ganze Welt nicht in Ordnung, sonst ist die Welt nicht gesetzmäßig aufgebaut. Und das ist im Hinduismus undenkbar und auch im Buddhismus. Daher die Vorstellung: Es muss ausgeglichen werden. Wie kann es ausgeglichen werden? Indem eben viele Leben durchlaufen werden und der Mensch dadurch überhaupt erst zur Reifung kommt, eigentlich zu dem kommt, was er potenziell hat und ist.

Weber: Aber Sie sagen jetzt, der Mensch kommt zur Reifung. Das heißt, es gibt etwas, was sich hinüberrettet von einem Leben ins andere?

von Brück: Ja, das ist genau die Vorstellung. Und was das ist, was nun vom einen Leben ins andere geht, das ist höchst strittig. Denn das hängt natürlich an der Vorstellung von Seele, Bewusstsein, Charaktereigenschaften, die irgendwie ja dann gebündelt sein müssen. Personale Identität – all diese Fragen sind äußerst schwierig und sind im Laufe der indischen Geschichte ganz unterschiedlich beantwortet worden. Und da gibt es nun eben auch die große Differenz zwischen Hinduismus und Buddhismus.

Weber: Weil der Buddhismus weniger um das Selbst kreist? Kann man das so sagen, vereinfacht?

von Brück: Ja, mehr noch eigentlich, das Markenzeichen des Buddhismus ist genau dies, dass er sagt: Nichts ist permanent, anitya, und nichts hat ein Selbst, anatman oder anatta auf Pali. Das unterscheidet den Buddhismus von den anderen indischen Religionen und philosophischen Strömungen.

Buddhismus ist ja mitten in der ganzen indischen Debattenkultur über die Fragen, die wir jetzt gerade erläutern, entstanden, und das ist sein Markenzeichen. Und dann ist natürlich das Problem zu fragen: Ja, wenn es keine Seele gibt, keine permanente Seele, was wird dann eigentlich wiedergeboren? Und genau das ist seit, ja, 2300 Jahren, seit der Buddhismus in Indien existiert, das große, strittige Problem, was von unterschiedlichen buddhistischen Schulen und Philosophien auch unterschiedlich beantwortet wird.

Weber: Halten aber alle diese Schulen noch an der Idee der Wiedergeburt fest, oder ist es dann nicht die logische Konsequenz, irgendwann zu sagen: Dann kann es eigentlich auch keine Wiedergeburt geben in dieser Form, wenn wir da kein Selbst haben, das wiedergeboren werden kann?

von Brück: Also, der Buddhismus steckt da in einem gewissen Dilemma. Wenn er sagen würde, es gibt kein Selbst, kein permanentes Ich und damit auch keine längerfristige personale Identität, dann kann es auch keine Wiedergeburt geben. Dann ist aber der ganze buddhistische Weg sinnlos. Denn offenkundig erreichen ja die meisten Menschen das Ziel, nämlich zur Erleuchtung zu gelangen, also Buddhaschaft zu erlangen, in diesem Leben nicht.

Wiedergeburt contra Leben im Hier und Jetzt

Also würde der Buddhismus sich selbst ad absurdum führen, wenn er diese Wiedergeburtslehre aufgäbe. Aber er muss nun einen Weg finden, personale Identität über den Tod hinweg und die Vorstellung von einem Nichtselbst im klassischen Sinne, indischen Sinne miteinander zu verbinden. Übrigens, Sie fragen nach anderen buddhistischen Schulen: Diese Wiedergeburtslehre spielt im chinesischen und japanischen und dann auch koreanischen Buddhismus längst nicht so eine große Rolle wie im indischen und tibetischen.

Weber: Weil es da vorher nicht so angelegt war, wie es schon im indischen Denken angelegt war?

von Brück: Ja, genau. Die indische Kultur denkt in vielen Zeitzyklen und Jahrmilliarden von Lebenszyklen und Weltzyklen und so weiter. Die chinesische Kultur, die ja dann eben auch ganz Ostasien beeinflusst hat, denkt viel pragmatischer, jetzt und hier und in diesem Leben muss es passieren.

Und in dem berühmten Zen-Buddhismus, den ich ja selbst auch praktiziere und lehre, spielt zwar theoretisch die Wiedergeburtslehre auch eine Rolle, aber praktisch nicht. Man redet wenig davon, also man sagt: Alles kommt darauf an, dass du jetzt in diesem Augenblick dein Leben vervollkommnest und zum Erwachen kommst, und alle Gedanken an zukünftige Leben und dergleichen lenken nur ab.

Weber: Das heißt, Jenseits wird auch irrelevant. Also die Frage, was nach dem Tod kommt, ist eigentlich nicht so wichtig wie die Frage: Wie komme ich im jetzigen Augenblick zur Erleuchtung.

von Brück: Ja, wie komme ich jetzt zurecht. Das ist das Charakteristische des Zen, und Zen hat natürlich die ostasiatische Kultur sehr stark geprägt. Aber es ist, wenn man so will, doch eine gewisse Elitekultur immer gewesen und auch heute noch.

Erleuchtung durch Meditation

Der weitreichende Volksbuddhismus redet nicht von Wiedergeburt, da geht es darum, dass man in diesem Leben möglichst Gutes tut, also möglichst die Mönchsgemeinde unterstützt und betet und die grundlegenden moralischen Regeln des Lebens beachtet. Aber zur Erleuchtung kommt man meistens nicht, dazu haben die meisten Menschen gar nicht die Gelegenheit, sondern durch gute Taten, indem man also gutes Karma anhäuft, hofft man dann auf eine gute Wiedergeburt in einem nächsten Leben, die dann so günstig ist, dass man dann die Meditation so praktizieren kann, dass man also tatsächlich zum Erwachen kommt. Das ist dann im Volksbuddhismus, ganz besonders auch in Japan durchaus der Fall.

Weber: Gibt es in diesem Volksbuddhismus auch die Suche danach, einen Wiedergeborenen zu erkennen? Das könnte man sich ja vorstellen, dass man denkt: Okay, meine Großmutter ist verstorben, aber ich kann ihr Wesen in diesem Kind hier erkennen oder so. Oder ist das zu abwegig?

von Brück: Nein, das gibt es durchaus. Also, in den klassischen Ländern des Buddhismus – Sri Lanka etwa oder heute Myanmar oder Thailand, also Südostasien – gibt es immer wieder solche Fälle, wo spontan Kinder oder Jugendliche dann behaupten, sie seien die Wiedergeburt von dem und dem. Und dann gibt es auch entsprechende Prüfungen und dergleichen. Aber daraus folgt nicht allzu viel.

Weber: Außer beim Dalai Lama, oder?

von Brück: Außer im tibetischen Buddhismus. Der tibetische Buddhismus hat aus den Wiedergeburtsvorstellungen eine soziale Institution gemacht. Das heißt, die Wiedergeburten des vorigen Menschen bekommen die gleiche soziale Macht oder auch religiöse Macht, wie sie der Vorgänger hatte.

Weber: Jetzt haben wir viel über Vorstellungen geredet, aber Religion besteht ja eigentlich auch aus Ritualen. Man könnte sich vorstellen, dass es auch Rituale gibt, um Sterbende auf diese Wiedergeburt vorzubereiten oder um vielleicht gerade Verstorbenen auch die möglichst gute Wiedergeburt zu ermöglichen?

von Brück: Ja, das spielt eine ganz große Rolle. Also, ich habe ja dieses Buch geschrieben über Rituale in Indien, "Leben in der Kraft der Rituale". Und dort habe ich ganz genau beschrieben, wie die Totenrituale eine Rolle spielen, um die gute nächste Geburt zu ermöglichen. Ganz ausgeprägt ist das auch im tibetischen Buddhismus, dort wird der Sterbeprozess entsprechend begleitet, bis ins kleinste Detail sitzt ein Lama neben dem Sterbenden und flüstert ihm ins Ohr, dass er sich wieder erinnert an das, was er natürlich sein Leben lang schon gelernt hat, nämlich die einzelnen Phasen des Sterbeprozesses.

Sterben ohne Angst oder Unklarheit

Und wenn der Sterbende durch diese Phasen friedvoll, ohne Anhaftung, ohne Angst und so weiter geht, dann bleibt das Bewusstsein rein und klar. Im Sterbemoment selbst oder in diesem Sterbeprozess – das ist nicht ein Moment, sondern geht ziemlich lange –, und dann ist auch das Bewusstsein so klar und rein, dass es leichter eine gute Wiedergeburt erlangen kann, als wenn jemand mit Angst oder Unklarheit oder dämonischen Fantasien und so weiter stirbt. Aber das ist im ganzen indischen Kulturraum und auch im tibetischen so.

Weber: Das heißt, entscheidend ist das richtige Verhalten das ganze Leben hindurch, aber entscheidend ist auch, in welchem Zustand ich in den Tod eintrete?

von Brück: Richtig, genau. Dieser Todeszeitpunkt oder der Sterbeprozess ist für diese Kulturen noch einmal eine ganz große Gelegenheit, vieles, was im Leben vielleicht auch schiefgelaufen ist oder noch nicht erledigt ist, noch zu korrigieren und dort das Bewusstsein noch zu einer Reifung zu führen, wie es vielleicht während des Lebens noch nicht gelungen ist.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Buch zum Thema:

Michael von Brück: Ewiges Leben und Wiedergeburt. Sterben, Tod und Jenseitshoffnung in europäischen und asiatischen Kulturen
Herder, Freiburg 2007, 318 Seiten,  24,95 Euro

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