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Elektronische Welten / Archiv | Beitrag vom 09.08.2011

Von klobigen Schweinchen mit viereckigen Stampfebeinchen

Ein Schwede erobert mit seinem Online-Rollenspiel im Retro-Look die Spielebranche

Von Agnes Bührig

Screenshot vom Online-Spiel Minecraft: Retro-Grafik. (minecraft.net)
Screenshot vom Online-Spiel Minecraft: Retro-Grafik. (minecraft.net)

Man nehme einen Baukasten voller Steine, ein paar Funktionsprinzipien, eine leere Ebene und jede Menge Kreativität - fertig ist die Bauanleitung von Minecraft, mit dem Spieleprogrammierer Markus Persson aus Schweden derzeit sehr erfolgreich ist. Knapp 2,7 Millionen Anwender haben sich das Spiel bereits gekauft, knapp 10 Millionen haben sich als Interessenten registriert - und das, obwohl sich Minecraft noch in der Betaversion befindet.

Markus Persson erinnert ein bisschen an einen gemütlichen Fernsehkommissar aus den 70ern: Schlapphut, langer Mantel, Bart. Doch sein Arbeitsplatz ist keinesfalls ein aufgeräumtes Büro. In einem Altbau im Kreativviertel Södermalm hat er mit seiner Firma Mojang ein paar Räume angemietet. Ein knappes Dutzend junger Programmierer drängt sich um zwei Reihen Bildschirme, Elektrosmog nicht ausgeschlossen.

"Es ist cool, seinen eigenen Arbeitsplatz gestalten zu können, aber ich will nicht Chef sein, sondern Spieldesigner und -programmierer. Für die Leitungsaufgaben habe ich deshalb Personal eingestellt. Als Eigentümer einer Aktiengesellschaft müsste ich daran interessiert sein, groß zu werden. Aber das ist nicht mein Ziel. Ich möchte nicht mehr als 10 bis 12 Mitarbeiter haben. Mir geht es darum, dass wir weiterhin Spiele entwickeln und zwar die, die wir selber gern spielen."

Markus Persson ist auf dem Teppich geblieben, obwohl sich sein Computerspiel inzwischen etwa 2,7 Millionen Mal verkauft hat. 14,95 Euro kostet die Betaversion, die derzeit auf dem Markt ist, an der Releaseversion arbeiten er und seine Kollegen derzeit fleißig, erzählt der Schwede während er in maschinengleicher Geschwindigkeit mit seiner unbeschrifteten Tastatur an Änderungen des Spiels arbeitet.

Auf den beiden riesigen Bildschirmen an seinem Arbeitsplatz hat er seine eigene Minecraft-Version geöffnet. Eine virtuelle Welt mit Strand, Bergen und
Sonnenauf- und -untergang, eckig gebaut aus unzähligen Steinen, die an Lego erinnern. Der Spieler muss sie erkunden und sich in ihr einrichten, um sein Überleben zu sichern.

Tastaturklicken. Im Untergrund liegen Bodenschätze. Markus Persson lenkt seine Abenteurerfigur in ein Labyrinth aus kantigen grauen Steinen. An der Oberfläche ein Schrebergarten, um den klobige Schweinchen mit lustigen viereckigen Stampfebeinchen hüpfen.

Persson klickt eine virtuelle Werkzeugkiste auf und baut sich eine Axt:

"Man überlegt sich vorher, was man braucht und gibt das in der Werkzeugkiste vor. Hier habe ich zum Beispiel gerade ein Brot gebacken, indem ich drei Getreidehalme aus dem Schrebergarten zu der Arbeitsstation getragen und nebeneinander gelegt habe. So ist ein Brotlaib dabei herausgekommen."

Minecraft ist ein Phänomen. Wo sonst riesige Grafikabteilungen Wochen und Monate an durchgestylten Datenwelten feilen, wie etwa bei Megaspielen wie "World of Warcraft", kommt Markus Persson mit einem kantigen Retro-Look aus.

Das Spiel hat weder eine vorgegebene Handlung noch den Zwang, durch hohe Punktzahlen zum Sieg zu kommen. Dafür kann man seiner Kreativität freien Lauf lassen. Das zieht viele Spieler an. Doch auch die Offenheit des Programmierers spielt eine Rolle, vermutet Martin Lindell, Experte mit Fokus auf die schwedische Computerspielbranche:

"Das Besondere bei Minecraft ist wohl, dass es zum Thema in der Spielecommunity im Internet geworden ist. Die Leute, die das spielen, bauen alles Mögliche. Jeder kann in seinem eigenen Maßstab tätig werden, ob es nun ein Raumschiff wird oder was auch immer. Über Youtube tauschen sich die Anwender dann aus und schicken sich Links, wo man die Werke bestaunen kann. Das ist wie eine Welle, die immer größer wird."

Anwender Gronkh erklärt in seinem Video bei Youtube die Bauanleitung für einen Eisenbahntunnel: Unten die Schienen, links und rechts eine Gittereinrahmung, dahinter fließt gefährliche Lava. In einem anderen Video kann man auf einem schmalen Pfad im Weltraum um eine virtuelle Erdkugel spazieren.

Markus Persson: "Als Kind habe ich sehr viel mit Lego gespielt. Das war keine bewusste Inspiration für Minecraft, da waren andere Computerspiele wichtiger. Von 'Dwarf Fortress' zum Beispiel habe ich die Regel übernommen, Stoffe zu sammeln, aus denen sich etwas bauen lässt. Das Spiel ist aber ziemlich kompliziert, da muss eine Schar von Zwergen ein Fort bauen. Ich wollte ein ähnliches Spiel machen, aber auf meine Weise."

Nachdem er das erste turbulente Jahr nach seiner Firmengründung hinter sich hat, komme er jetzt wieder mehr zum Programmieren, sagt Markus Persson und macht sich an den Quellencode von Minecraft, um ein Problem zu lösen: Beim Öffnen einer Kiste läuft Lava aus einem Eimer, den die Spielfigur in der Hand hat.

Die Releaseversion soll im November auf den Markt kommen - wenn alles klappt wie geplant, sagt der 32-Jährige:

"Ich habe total viele Ideen, was man noch verbessern kann. Und ich bekomme viele E-Mails von Eltern, die das Spiel mit ihren Kindern spielen und Tipps haben. Das finde ich lustig. Die Betaversion verstehe ich als ein Versprechen, dass noch mehr kommt. An Minecraft werde ich wohl noch lange sitzen."


Webseite des Computerspiels Minecraft
Herstellerfirma des Computerspiels Minecraft

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