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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 16.08.2008

Von Klaus Pokatzky

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"Das ist Wahnsinn! Unfassbar! Ich kann es noch gar nicht fassen! Wahnsinn!"

Der Berliner TAGESSPIEGEL hat aufgelistet, was aus dem Fernseher dringt, wenn die Olympiareporter Siege vermelden. In der Zeitung gedruckt sieht das ja noch relativ harmlos aus. Wenn man es in Radio und Fernsehen gekreischt und geschrien hört, fragt man sich schon, wo die Unterschiede sind zwischen öffentlich-rechtlichem und privatem Rundfunkwesen.

"Das ist Wahnsinn! Unfassbar! Ich kann es noch gar nicht fassen! Wahnsinn!"

Erwähnt werden muss auch der Dialog zwischen dem Olympiamoderator, der immer Waldi genannt wird, und dem deutschen Dressurreiter Hinrich Romeike, der im Zivilberuf übrigens Zahnarzt ist:

"Wie lange haben Sie nicht geschlafen?"
"Na, so 42 Stunden."
"Und wie lange sind Sie jetzt auf den Beinen?"
"Na, so 42 Stunden!"

Einfach Wahnsinn. Der Waldi hat auch einen Nachnamen. Der TAGESSPIEGEL verschweigt den grundsätzlich. Vielleicht, damit seine Familie in Deutschland, die ja auch Hartmann heißt, sich nicht so genieren muss. "Ja. Der Waldi," lesen wir in der neuen FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG:

"Ich kann mich nicht mehr über Waldemar Hartmann aufregen. Ein bisschen bräsig und gemütlich, kumpelhaft bei Athleten, onkelhaft bei Athletinnen, eher Fan als Journalist."

Das können wir dann nicht so richtig fassen - wenn wir daran denken, dass wir den China-Fantrip von Waldi mit unseren GEZ-Gebühren sponsern dürfen. Und all die anderen natürlich auch, die offenbar reichlich von der journalistische Rolle sind. Stefan Niggemeier in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG:

"Deshalb haben sie in der ARD am Freitag auch aus der sensationellen Tatsache, dass ein australischer Boxer 'Brad Pitt' heißt, einen mehrminütigen Film darüber gestrickt, dass der Hollywoodstar überraschend angereist sei, inklusive einer Straßenumfrage unter Amerikanern, wie sie das denn fänden (sensationell)."

Das ist Wahnsinn! Unfassbar!

Da China nun dank der Olympischen Spiele das Land der Stunde ist, richtet sich das Feuilleton in diesen Tagen nach dem Motto des früheren schwäbischen Bundeskanzlers Kurt Georg Kiesinger, der bekanntlich auch nur sagte: "China, China, China". Kina - oder China, wie wir Nicht-Schwaben sagen – ist "auch in der Kochkunst" "die aufstrebende Nation", wie uns die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG mitteilte, die damit aber nicht den China-Imbiss bei uns um die Ecke meinte:

"Europäische Meister schwärmen von den Möglichkeiten der chinesischen Küche."

Unfassbar!

"Die jährlichen Zuwachsraten des chinesischen Süßigkeitenverzehrs liegen zwischen 10 und 15 Prozent."

Das teilte uns die FRANKFURTER RUNDSCHAU mit - und sah schon wieder einen neuen Wachstumsmarkt für die deutsche Industrie.

"Junge Chinesen lassen immer häufiger und immer lieber süße Schokowaren auf der Zunge zergehen."

Wie auch die kleinen chinesischen Mädchen Lin Miaoke und Yang Peiyi. Kennen Sie die? Eine von beiden kennen immerhin zwei Milliarden Menschen. Denn:

"Fast ein Drittel der Weltbevölkerung - etwa zwei Milliarden Menschen - haben die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Peking am Fernseher verfolgt", wie der TAGESSPIEGEL mitteilte. Das war diese Feier, wo es dann hinterher diese Ungereimtheiten mit dem Feuerwerk gab, bei dem die Chinesen und die Kinesinnen wahre Meister sind.

"Das Feuerwerk der ästhetischen Reize bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele fand international viel Anerkennung und hat auch chinesische Skeptiker überrascht," lobte erst einmal die FRANKFURTER ALLGEMEINE. "Die leuchtenden 'Fußstapfen' des Feuerwerks über dem Olympiastadion waren nicht real vom Hubschrauber aufgenommen, sondern vom Computer programmiert," ernüchterte uns dann die FRANKFURTER RUNDSCHAU.

"Weil die Realität den Verantwortlichen zu riskant war."

Zu Riskant war den Verantwortlichen aber auch die Sache mit den kleinen chinesischen Mädchen Lin Miaoke und Yang Peiyi. "Die Chinesen haben bei der Eröffnungsfeier wieder geschummelt", lasen wir im TAGESSPIEGEL: "Das kleine singende Mädchen, das vielen Zuschauern das Herz geöffnet hat, kann gar nicht so gut singen", schrieb Markus Ehrenberg:

"Die Organisatoren haben zugegeben, dass Lin Miaoke nur die Lippen bewegte - die Neunjährige kam wegen ihres Aussehens zum großen Auftritt. Wahre Sängerin war die kleine Yang Peiyi - etwas zu dick, schiefe Zähne, einem Politbüro-Funktionär nicht hübsch genug."

Yang Peiyi hat wahrscheinlich einfach zu viel Schokolade gegessen. Wahnsinn!

"In Peking ist gerade alles perfekt organisiert. Jedenfalls für Journalisten, die keine weiteren Fragen haben," bilanziert ernüchtert in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG Peer Schader. "Chinesische Journalisten berichten über eine Verschärfung der Zensur während der Olympischen Spiele," hieß es in der FRANKFURTER RUNDSCHAU über die Lage der Kollegen aus Kina.

"Laut South China Morning Post gibt es für die Spiele ein Programm von 21-Punkten für die Zensur."

Vergessen wir das Doping nicht. "ARD-Doping-Experte Hajo Seppelt äußerte sich in einem Interview mit dem Sender Phoenix kritisch," hieß es in der FRANKFURTER RUNDSCHAU - und das zitieren wir deshalb gern, weil es zeigt, dass es auch öffentlich-rechtliche Fernsehvertreter gibt, die sich mehr als Journalisten sehen und weniger als Fans.

"Die Aussagekraft von Dopingkontrollen während der Spiele nannte Seppelt ein 'Muster ohne Wert', da Kontrollen im Wettkampf und in der unmittelbaren Vorbereitung 'nicht viel Aussagekraft haben' könnten. Wer sich auf die Spiele vorbereite, der dope schon vorher im Training."

In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN schrieb Gert G. Wagner, ein Professor für Volkswirtschaftslehre - was beim Thema Doping, wo es ums Geld geht, ja auch passt:

"Um in den Grenzen des Erlaubten zu bleiben, ist es zum Beispiel auch nützlich, wenn einem Athleten eine Asthma-Erkrankung attestiert wird. Denn dann kann er leistungssteigernde Medikamente nehmen, die bei einem gesunden Athleten verboten wären."

Das ist Wahnsinn! Unfassbar! Wahnsinn!

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