Seit 21:30 Uhr Alte Musik

Mittwoch, 13.11.2019
 
Seit 21:30 Uhr Alte Musik

Politisches Feuilleton | Beitrag vom 23.10.2019

Von Katalonien bis BrexitNationalismus, ein Zeugnis narzisstischer Unreife

Ein Kommentar von Klaus Englert

Beitrag hören Podcast abonnieren
Demonstranten haben eine Frauenstatue auf der Plaxa Catalunya in Barcelona in eine katalonische Flagge eingewickelt. (Imago / ZUMA Press / Paco Freire)
Nachdem spanische Gerichte die Anführer der katalonischen Separatisten zu Haftstrafen verurteilt hatten, gingen tausende Demonstranten auf die Straße. (Imago / ZUMA Press / Paco Freire)

Erneut ist es im Kampf um eine autonome Region Katalonien zu Unruhen in Spanien gekommen. Dabei wäre der Umbau zu einem unabhängigen Mini-Staat keineswegs zukunftsweisend, meint der Publizist Klaus Englert, sondern ein Zeugnis von Narzissmus.

Die katalanischen Separatisten hängen einem Unabhängigkeitsmythos an, der von Größe und Macht, von Niederlage und Demütigung geprägt ist. Ein Dazwischen gibt es nicht. Weil dieses Beziehungsgeflecht niemals wirklich aufgearbeitet worden ist, hat es sich in den letzten Jahren zu einem übermächtigen Phantasma verdichtet. Es gründet auf der Sehnsucht nach den vermeintlich glorreichen Zeiten des mächtigen Königreichs Aragón, das im Mittelalter die Region politisch und militärisch beherrschte. In der Hauptstadt Barcelona wurde jene Flotte gebaut, mit der die Habsburger den legendären Sieg über die Osmanen bei Lepanto errangen. Später erreichten die katalanischen Institutionen politische Eigenständigkeit. Aber 1714 verlor Katalonien nach dem Spanischen Erbfolgekrieg seine Unabhängigkeit. Die Region erreichte seitdem nie mehr die Autonomie, für die sich katalanische Separatisten seitdem einsetzen. 

Abhängigkeiten und Widersprüche werden ausgeblendet

Die Separatisten lassen sich von einem trotzigen "Wir schaffen es selbst!" leiten. Das ist die Losung so mancher Autonomiebewegung, die ihre Kraft aus der vermeintlichen nationalen Souveränität gewinnt und dabei übersieht, dass wir in einer Welt zunehmender Interdependenzen leben. Vielfältige Abhängigkeiten und Widersprüche ausblenden sowie die nationale Souveränität zum wahren Akteur erheben – das ist der Kern dieser Strömungen. Das "Taking back control" der Brexiteers tut so, als sei ein Rückgang zum glorreichen Empire möglich, in dem es noch wahre Helden gab. Gleiches gilt für die neo-osmanischen Träume eines Recep Tayyip Erdogan, die großserbischen Phantasien in Ex-Jugoslawien oder die Vision vom mythischen Rus, für dessen Verwirklichung Vladimir Putin dauerhafte militärische Konflikte riskiert. Verlust und Zersplitterung dieser Reiche werden als Gefahr und Kränkung erlebt. Die Wiederherstellung eines ursprünglichen, zumeist ethnisch gesäuberten Großreiches – diese gefährlichen Phantasien sind bis heute nicht ausgeträumt.

Narzisstische Größen- und Allmachtsphantasien

Das Heil wird aus ungeteilter Souveränität gespeist, psychoanalytisch: aus Selbstgründung und Selbstbezug. Die Projektionsbilder, die eine bruchlose Einheit vorspiegeln, verweisen dabei auf die individuelle Entwicklung des Kleinkindes, das sich im Spiegelbild als etwas Homogenes wahrnimmt. Es erlebt sich als mächtig und autonom, auch wenn es real noch völlig von seiner Umgebung abhängt. Dieser Entwicklungsstand ist Grund narzisstischer Größen- und Allmachtsfantasien, die alle Widersprüche ausblenden und nur das Bild körperlicher Einheit wahrnehmen. Dieses frühkindliche Stadium ist entwicklungspsychologisch notwendig. Es ist Ausdruck körperlicher Reife, wenn der Heranwachsende diese Einheit als Täuschung erlebt. Er wird erfahren, dass seine Abhängigkeit von Anderen wesentlich zur Anerkennung des Realitätsprinzips gehört. Geschieht das nicht, dann entsteht eine Regression auf ein eigentlich überwundenes Stadium.

Das Reich der "Zwischenfarben" anerkennen

So wie das von Sigmund Freud beschriebene "Größen-Selbst" sich selbst verkennt, so sind Großreiche keine nationalen Gebilde mehr, die mit der globalen Entwicklung im 21. Jahrhundert standhalten können. Abhängigkeiten zwischen Staaten und Kulturen zu verkennen, um den eigenen Machtanspruch zu festigen, ist ein probates, aber unzeitgemäßes Mittel von Herrschaftssicherung. Im Gegenzug, alles aus der eigenen Kraft schöpfen zu wollen, entfernt von jeder Rationalität.

Wenn am Ende das Phantasma stärker wird als die Realität, ist die Vernunft besiegt. Als Gegenmittel empfahl Friedrich Nietzsche einmal, endlich das Reich der "Zwischenfarben" anzuerkennen. Das bedeutet: Die "Alles-oder-Nichts"-Option der katalanischen Separatisten wird keine Lösung bringen.

Klaus Englert steht im Freien vor grünen Bäumen und blickt in die Kamera. (Quelle: privat)Klaus Englert (Quelle: privat)Klaus Englert ist Journalist und Buchautor. Er schreibt für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und den Hörfunk, vornehmlich über architektonische und philosophische Themen. Des Weiteren ist er als Kurator für Architektur-Ausstellungen tätig. 2019 ist bei Reclam sein neues Buch erschienen: "Wie wir wohnen werden: Die Entwicklung der Wohnung und die Architektur von morgen".

Mehr zum Thema

Vor der Parlamentswahl in Spanien - Hoffnung und Sorge in Katalonien
(Deutschlandfunk Kultur, Studio 9, 27.04.2019)

Katalonien ein Jahr nach der Abstimmung - Gewählt, gezählt, verzockt
(Deutschlandfunk Kultur, Weltzeit, 27.09.2018)

Katalonien-Konflikt - Wollte Puigdemont in Deutschland verhaftet werden?
(Deutschlandfunk Kultur, Studio 9, 26.03.2018)

Politisches Feuilleton

Negative SchlagzeilenStoppt die Überflutung!
Ein Mann liegt im Dunkeln auf seinem Bett und schaut auf den Monitor eines aufgeklappten Laptops. (Eyeem / Joanna Czerniawski)

Täglich prasseln schlechte Nachrichten auf uns ein. Selbst Menschen, die sich eigentlich für Neuigkeiten interessieren, können die Dauerbefeuerung kaum noch ertragen. Sind sie nur zu empfindlich? Nein, meint die Neurowissenschaftlerin Maren Urner.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur