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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.09.2008

Von Kannibalen und Schrumpfköpfen

Carsten Jensen: "Wir Ertrunkenen", Knaus Verlag, München 2008, 784 Seiten

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Wahres Lesefutter (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Wahres Lesefutter (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Anhand von vier Figuren erzählt der dänische Autor Carsten Jensen die Geschichte seiner Heimatstadt Marstal und die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts. "Wir Ertrunkenen" ist ein Seefahrerroman, der mit allem aufwartet: mit Abenteuern, fremden Ländern, Schiffsuntergängen, Kriegsgreuel und der Liebe von jungen Mädchen und einer verbitterten Mutter, gewieft und spannend geschrieben, wahres Lesefutter.

Dies ist ein sehr dickes Buch mit vielen Abenteuern und zahlreichen Figuren, es ist der Roman einer ganzen Stadt und ihrer Bewohner, Marstal auf dem dänischen Inselchen Ærø, und eines ganzen Jahrhunderts, vom ersten deutsch-dänischen Krieg 1848 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945.

Im Grunde aber erzählt der Roman die Geschichte von vier Personen: Laurids Madsen, der eigentlich tot sein müsste, der seine Familie verlässt und in der Südsee eine neue gründet; Albert, sein Sohn, der den Vater sucht und ihn findet, enttäuscht zurückkehrt und ein reicher Reeder wird; die junge Klara Friis, die Seemannswitwe, die die Frau des alt gewordenen Albert werden sollte; und Knud Erik, ihr Sohn, der Alberts Ziehsohn wird und zur See geht, obwohl die Mutter dagegen ist.

Carsten Jensen, geboren 1952 in eben jenem Marstal, von dem hier alles ausgeht, benutzt einen Wir-Erzähler, der überdies tot ist: "Wir Ertrunkenen". Er wollte damit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: nämlich das Problem der Allwissenheit lösen, wie er in einem Interview sagte, weil in einer kleinen Stadt eben alle alles wissen, und das Problem mit dem Tod, weil zwar die einzelnen Menschen sterben, aber nicht eine ganze Einwohnerschaft. In der deutschen Literatur hat der große Gert Hofmann den Wir-Erzähler eingeführt, im Gegensatz zu ihm ist Jensen nicht sehr konsequent: Ein allwissender Erzähler wechselt sich mit dem Wir-Erzähler ab, und mittendrin gibt es die lange Ich-Erzählung "Die Reise", Alberts Suche nach dem Vater, vielleicht die packendste Episode des Buchs.

"Wir Ertrunkenen" schöpft aus der langen Liste berühmter Seefahrer- und Meeresromane, wir erkennen Elemente aus Herman Melvilles "Moby Dick", aus Stevensons und Joseph Conrads Romanen, stilistisch erinnert er zuweilen an Frank Schätzings "Der Schwarm". Der Roman erfüllt jeden Jungentraum von Abenteuern aus echtem Seemannsgarn, er bietet exotische Länder, Kannibalen und Schrumpfköpfe, Schiffskatastrophen und Kriegsgräuel, prügelnde Lehrer aus Zeiten, die keiner mehr kennt, eine verwirrende erste Liebe und ein unverhofftes Wiedersehen und nicht zuletzt die Hassliebe einer verbitterten Mutter – daheim herrscht die Melodramatik, auf See die reinste Action. Da Carsten Jensen ein ungemein gewiefter Autor ist und die Kunst des dramatischen Pathos beherrscht, das dem Leser den Atem verschlägt, ist dieses Buch in all seiner Schönheit und all seinem Kitsch der Inbegriff eines Schmökers, es ist der Schmöker dieses Herbstes.

Rezensiert von Peter Urban-Halle

Carsten Jensen: Wir Ertrunkenen
Roman
Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg
Knaus Verlag, München 2008
784 Seiten, 24,95 Euro

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