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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.09.2013

Von Hüten und Dieben

Jon Klassen: "Das ist nicht mein Hut" und Susana Sutherland de la Cruz/Rafael Vivas: "Der Huträuber"

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Ein Zylinder. Wann man den nochmal trägt? Die Bücher geben Antwort. (picture alliance / dpa / Heiko Wolfraum)
Ein Zylinder. Wann man den nochmal trägt? Die Bücher geben Antwort. (picture alliance / dpa / Heiko Wolfraum)

Hüte sind für Kinder darum interessant, weil sie nur noch zu ganz besonderen Anlässen oder Kostümen getragen werden. Hüte sind lustig, und Hutgedichte, Hutlieder und Hutgeschichten meist auch. Wie zwei neue Hut-Bilderbücher: "Das ist nicht mein Hut" und "Der Huträuber".

"Dieser Hut gehört nicht mir. Ich hab ihn einfach gestohlen." Eine Geschichte, die so beginnt, verspricht spannend zu werden. Erst recht, wenn der Huträuber ein Mini-Fisch ist, der Bestohlene aber ein tonnenförmiges Riesenexemplar. Der freche kleine Dieb haut schnell ab, versteckt sich selbst im Seepflanzen-Gebüsch und seine Angst hinter selbstbewussten Floskeln: "Ich hab gewusst, dass ich es schaffe!" sind seine letzten Worte, ab dann erzählen nur noch die Bilder: Am Schluss schwimmt der große dicke Fisch gelassen davon – mit Hut. Wo der Kleine nun steckt, im Gebüsch oder im Bauch, bleibt offen.

Der amerikanische Bilderbuchmacher Jon Klassen hat nach "Wo ist mein Hut" (nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2013) wieder ein geniales kleines Gesamtkunstwerk geschaffen. Aus einer flotten Idee, einem ganz knappen, pointierten Text und vielen ebenso kuriosen wie eindrücklichen Bildern ist ein subtiles Bilderbuch entstanden, das den Kopf beschäftigt und zu Herzen geht. Großartig sind die Unterwasser-Ansichten, das schwarze Meer mit den Fischen und Pflanzen in typischem Klassen-Farben: gedämpft und doch leicht leuchtend, zart und stark zugleich.

Ganz anders dagegen "Der Huträuber" von Susana Sutherland de La Cruz und Rafael Vivas. Weiß ist hier die vorherrschende Farbe, leicht grotesk sind die Bilder, wimmelig und bunt. Und der Text bewegt sich in den verschiedensten Schrifttypen über und durch die Bilder, schlängelt sich dünn oder macht sich breit, steht schräg im Raum oder explodiert förmlich über eine ganze Seite. Wo Jon Klassen reduziert, setzt Raffael Vivas Farben und Formen in Bewegung. Dass er auch Cartoonist ist, sieht man jeder seiner originell gestalteten Buchseiten an.

So schwungvoll die Bilder sind, so dynamisch ist auch der Text. "Der Huträuber" – der Wind nämlich - lässt gleich Hunderte von Hüten verschwinden: Melonen, Zylinder, Strohhüte, Brautschleier, Mützen und ein Turban fliegen durch die Luft. Irgendwo über einem abgebrannten Wald "regnen" sie wieder herunter, um den heimatlos gewordenen Vögeln jeweils als individuelles Nest zu dienen. Eine ebenso skurrile wie schöne Idee, die damit endet, dass "Mama Kolibri" es sich in dem kleinen Blumenkranz des Schleiers gemütlich macht und einschläft.

Wer sich Zeit lässt, kann in diesen beiden Bilderbüchern vieles entdecken: Wie sich im Auge des bestohlenen dicken Fisches sein Charakter spiegelt. Wie wunderbar sich Jon Klassens leises Grün und Braun vor dem schwarzen Hintergrund abheben. Wie traurig Rafael Vivas verbrannter Wald seine dürren grauen Äste in die weiße Leere streckt und wie zart die herabsegelnden Hüte ihre Bewohner "behüten". Hüte sind eben mehr als Kopfbedeckungen! Sie können – klein aber oho! - auch Verstecke, Nester, Heimat oder Kunstwerke sein!

Besprochen von Sylvia Schwab

Jon Klassen: Das ist nicht mein Hut
Aus dem Englischen von Thomas Bodmer
Nord/Süd Verlag, Zürich 2013
40 Seiten, 14,95 Euro, ab 4 Jahren

Susana Sutherland de la Cruz/Rafael Vivas: Der Huträuber
Aus dem Spanischen von Rosemarie Griebel-Kruip
mixtvision Verlag, München 2013
32 Seiten, 13,90 Euro, ab 3 Jahren

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