Von der Wuhle nach Brooklyn

Von Tobias Wenzel · 25.08.2009
In der Regel wird der Peter-Huchel-Preis an Dichter vergeben, die Jahrzehnte im Geschäft sind. 2006 erhielt die damals 27-jährige Uljana Wolf den renommierten Preis für ihr Lyrikdebüt "kochanie ich habe brot gekauft". Ende August wird die gebürtige Berlinerin ihren neuen Gedichtband "Falsche Freunde" vorlegen.
Bettina und Achim von Arnim halten sich eng umschlungen, mitten in einem kleinen Park im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Einen Steinwurf von der überdimensionierten Plastik des Schriftstellerpaares entfernt, sitzt die Dichterin Uljana Wolf auf einer Bank, eine zierliche, 30-jährige Frau mit dunklen Haaren und Pagenschnitt:

"A
apart
art

am anfang war, oder zu beginn, welche art laut, oder leise, listen, when they begin the beguine, und wann ist das. und muss, wer a sagt, gar nichts, wer b sagt, der lippen sich gewiss (gebiss erst etwas später) und sein: sei sprechen dann die art of falling aus einander, der stille, dem rahmen, immer apart, so ausgefallen wie nur eben ein."

Während Uljana Wolf aus ihrem zweiten Lyrikband "Falsche Freunde" ein Gedicht vorträgt, hält sie in der rechten Hand eine Zigarette. Beim Vortrag nicht zu rauchen, das ginge. Anders beim Schreiben.

"Da rauche ich wie verrückt. Ich hab's auch mal ohne versucht, aber das hat nicht funktioniert. Ich komme in so einen nervösen Zustand rein, dass ich mich nicht mehr aufs Gedichte-Schreiben konzentrieren kann (lacht)."

Hat sie noch andere Laster als das Rauchen?

"Also, das ist ’ne blöde Frage eigentlich (lacht), ja!"

Uljana Wolf sagt, was sie denkt. Die Freundlichkeit ihrer Stimme kann dann schon mal im Gegensatz zu ihren Worten stehen oder zu dem, was mitschwingt. Als uns ein Mann mit einem Ansteckschild anspricht – will er eine Umfrage machen oder vielleicht Geld für einen Tierschutzverein sammeln? - sagt sie nur einen Satz, freundlich wie immer: sie sei gerade im Gespräch. Punkt. Das zeigt Wirkung. Der Mann macht schweigend einen Rückzieher.

Uljana Wolf wurde 1979 in Ost-Berlin geboren und wuchs im Stadtteil Hellersdorf auf:
"Vor unserem Haus gab es so eine Art Brache. Da fließt die Wuhle durch, kein Fluss, es ist auch kein Kanal, das ist einfach nur ein sehr trauriges Wasser. Aber das war so eine Art Naturareal, sehr verkorkst. Ich war vielleicht 14 oder so und in einer sehr aufgewühlten Stimmung. Und ich hatte gerade mit der Schule ein Theaterstück gesehen und bin durch dieses Stück zurückgelaufen. Und da kam es über mich. Und da habe ich mein erstes, sehr schreckliches Gedicht geschrieben."

Sie las bald Else Lasker-Schüler, Trakl und andere Dichter, schrieb auch Prosa, schließlich aber nur noch Gedichte. Fragt sich, wie man den Eltern erklärt, dass man keinen klassischen Beruf ausüben, sondern Gedichte schreiben möchte:

"Indem man ihnen immer wieder welche gibt. Also ich habe nie eine Gedichtaussprache mit meinen Eltern gehabt sozusagen, sondern ich glaube, dass sie genauso wie ich vielleicht da reingewachsen sind."

Vom Dichten leben kann und konnte Uljana Wolf nicht. Sie arbeitete in einer Buchhandlung in Berlin und veröffentlichte im winzigen Verlag kookbooks 2006 ihren ersten Gedichtband. Im gleichen Jahr erhielt sie den Peter-Huchel-Preis. Plötzlich waren alle Blicke der deutschen Lyrik-Liebhaber auf sie gerichtet. Sie erhielt weitere Preise, heiratete den US-amerikanischen Dichter Christian Hawkey und lebt mit ihm in New York, hat aber auch eine Wohnung in Berlin:

"Also, eigentlich kann ich mir es sehr gut vorstellen, weiter zu pendeln. Das liegt mir eigentlich ziemlich gut. Es wär nicht schwer, sich für New York zu entscheiden, einfach wenn man New York ansieht. Aber es wäre schwer, auf Berlin zu verzichten."

In New York wohnt sie im Stadtteil Brooklyn. Die Stadt überhaupt fasziniert sie, als ein Ort, an dem die ganze Welt zusammenkommt - zum Beispiel als sie neulich ein Café in ihrer Nachbarschaft entdeckte, der Inhaber ein Tscheche:

"Und ganz hinten über'm Kühlschrank hing ein Fernseher, auf dem 'Der kleine Maulwurf' lief, was wiederum eins meiner absoluten Kindheitserlebnisse ist. Und da sitze ich nun plötzlich in Brooklyn und sehe den 'Kleinen Maulwurf' laufen. Und davor saßen zwei tschechische Mädchen und haben sich amüsiert. Das war schon irgendwie ziemlich New York, fand ich."

Das Vertraute in der Fremde, das Fremde im Vertrauten – ein wiederkehrendes Motiv in ihren Gedichten. Uljana Wolf ist gerne an verschiedenen Orten, liebt es zu reisen, um einen neuen Geisteszustand zu erzeugen, wie sie sagt. Einen Zustand, in dem neue Gedichte entstehen können. Manchmal allerdings ist ihr Geisteszustand ein ganz besonders chaotischer. Sie ist nämlich äußerst vergesslich:

"Also, ich bin auf jeden Fall noch dabei, herauszufinden, inwiefern mir meine Vergesslichkeit nutzt. Ich glaube, dass sie einen Nutzen hat. Sonst hätte sie sich nicht so lange erhalten oder wäre nicht ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich glaube, Vergesslichkeit kann einem dabei helfen, dass man viele Sachen immer wieder als neu entdeckt und davor steht und einfach staunt. Und dieses Staunen ist sehr wichtig."

Für sie selbst und für das Schreiben.

"mein flurbuch

I

meine väter
sind einfache männer

sie haben töchter
wie ich eine bin

wir fragen geschickt
wir tragen gesickt

unseres vaters wort
noch in die dunkelsten wälder"