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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.04.2008

Von der Grausamkeit hinter der Fassade

Edward St. Aubyn: "Nette Aussichten", DuMont, Köln 2008, 188 Seiten

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Die feine englische Gesellschaft, hier beim Pferderennen in Ascot - Edward St. Aubyn analysiert sie gnadenlos. (AP Archiv)
Die feine englische Gesellschaft, hier beim Pferderennen in Ascot - Edward St. Aubyn analysiert sie gnadenlos. (AP Archiv)

Eher gehässige Einblicke in die Welt der englischen Oberschicht gibt Edward St. Aubyn in seinem Roman "Nette Aussichten". Ebenso lustvoll wie eisig seziert der Autor das snobistische und moralisch verkommene Verhalten einer Gesellschaft, hinter deren aristokratischer Maske Gewalt, Menschenverachtung und Missbrauch lauern.

Ein Fest auf dem Land. Geladen ist die seit Jahrhunderten nobel gelangweilte englische Oberschicht. Eine ziemlich geschlossene Gesellschaft. Nur ein paar Exoten -"Parasiten, Schwule, Juden", wie der Gastgeber seufzt - lud man zur Belebung des gediegenen Bildes. Man ist adlig, snobistisch, reich, moralisch verkommen - und oft ziemlich hohlköpfig.

Im Mittelpunkt des Jahrmarktes der Eitelkeiten: die königliche Prinzessin Margaret. Eine herrschsüchtige Närrin, die in jeder normalen Gesellschaft ein Mauerblümchen wäre, hier jedoch heuchlerisch und mit Verve hofiert wird. Wie sie alle einander umtänzeln und kaum einer den anderen mag.

Man lebt Fassade. Man ist Fassade. Bewegt sich höchst geschmeidig durch das Minenfeld der Konvention. Wirft mit tückischen Komplimenten um sich, übt sich in der Meisterschaft der opportunistischen Gefälligkeiten und boshaften Nachreden.

Das ist ein wahres Lesevergnügen. Denn Edward St. Aubyn schreibt so elegant wie scharfkantig über ein Sujet, das er bestens kennt. Kommt er doch selber aus der Klasse, die er so berückend gnadenlos bloßstellt.

Er ist aufgewachsen in der seelenlosen Leere dieses kalten Glitzers, kennt seine Grausamkeiten. Denn hinter den aristokratischen Masken lauern nicht nur Dekadenz, Dummheit und Lüge. Es lauern Gewalt, Menschenverachtung und Missbrauch. Und was als erlesene Gesellschaftssatire daherkommt, ist auch ein beklemmendes, ein feinnerviges Buch über menschliche Verderbnis und Zerstörung.

Patrick Melrose heißt der Held, den wir nun schon im dritten Band auf seinem Lebensweg begleiten. Im ersten Band wurde Patrick als Knabe von seinem - natürlich allseits geachteten - Vater vergewaltigt und gedemütigt. Ein atemraubendes Buch, weil St.Aubyn mit glaskaltem Blick verstörende Szenen schreibt.

Im zweiten war der nunmehr junge Mann gefangen und gefesselt im Drogenwahn. Daraus hat er sich derweil - der Vater ist endlich tot - gelöst. Er ist clean, ernährt sich "von Mineralwasser und fettarmer Kost", und ist nun - im letzten Band der Trilogie - willens und entschlossen, sich auch von seinem Hass, seinem Selbstekel zu befreien, die Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Kurz bevor sie gemeinsam auf das große Fest gehen, erzählt Patrick seinem besten Freund, was ihm als Kind angetan wurde. Er überwindet seine Scham und spricht. Und nichts passiert. Die Katharsis bleibt aus. Aber er hat es getan. Den Anfang gemacht.

St. Aubyn hat sich in diesem Buch einer besonderen Herausforderung gestellt. Nicht über Dämonen zu schreiben, sondern über Zuversicht, Zukunft. Keine einfache Aufgabe für einen, der so lustvoll wie eisig seziert. Und so ist es vielleicht nicht erstaunlich, dass die Gesellschaft, in der Patrick Melrose lebt, in diesem Roman einen breiteren Raum einnimmt als der Held der Geschichte selber. Da weiß St. Aubyn sich auf vertrautem Terrain. Weiß, wie man den Code der angeblich feinen Gesellschaft mit boshaftem Vergnügen entschlüsselt.

Doch für das mögliche Glück eines womöglich befreiten Lebens hat St. Aubyn hier noch keinen Ton gefunden, bleibt im ungewohnt frohen Gefilde verblüffend beliebig und farblos in Bildern und Wortwahl. Noch fehlt ihm eine Sprache der Zärtlichkeit, der Freiheit.

Rezensiert Gabriele von Arnim

Edward St. Aubyn: Nette Aussichten
Übersetzung von Dirk van Gunsteren
DuMont, Köln 2008
188 Seiten, 17,90 Euro

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