Von der Frau, die nichts mehr sagte

07.01.2011
Ein Hörspiel über das Schweigen - das erfordert Mut. Paul Plamper wagt das Experiment und hat ein Stück über eine Frau inszeniert, die aufhört zu sprechen. Langeweile kommt nicht dabei auf, wohl aber ein großes Unbehagen.
"Tacet", so lautet eine Spielanweisung in der klassischen Musik. Sie gebietet dem jeweiligen Musiker zu schweigen und sein Instrument ruhen zu lassen. "Tacet (Ruhe 2)" heißt nun auch das neue Hörspiel des Theaterdramaturgen und Hörspielmachers Paul Plamper. Für seine erste Auseinandersetzung mit dem Thema Schweigen wurde Plamper im letzten Jahr – nachdem er 2002 bereits mit dem renommierten Prix Europa ausgezeichnet wurde – der Hörspielpreis der Kriegsblinden verliehen. Worum es nun in seinem neuen Stück geht, und wie Plamper das Schweigen in Szene gesetzt hat, verrät uns Tobias Lehmkuhl.

"Therese… Therese, was ist denn los?… Komm wir gehen mal raus… Ist hier vielleicht zu voll oder die Luft nicht gut…Keine Ahnung… Sie sagt nichts, sie sagt einfach nichts…"

Eine Frau hört auf zu sprechen. Eben noch war sie mit Freunden im Konzert, plötzlich aber, ohne jede Vorwarnung, stellt sie die Kommunikation ein. Was auch immer man ihr sagt, sie macht den Mund nicht mehr auf. Das ist die Versuchsanordnung, die sich der 1972 in Ulm geborene Plamper zurecht gelegt hat. Die Frage, die er sich in "Tacet" stellt: Was passiert, wenn man schweigt und überhaupt aufhört, seiner Umgebung Signale zu senden? Kein Sprechen, kein Schreiben, kein Nicken oder Kopfschütteln, nicht einmal mehr ein Blick, der eine klare Deutung zuließe. Was geschieht mit einem Menschen, der so radikal jede Interaktion verweigert? Wie lange dauert es, bis er aus der Gesellschaft ausgeschlossen wird?

" Wie es denn mit Lesen? Also Lesen tust du ja, kannst du ruhig zugeben…Also ich glaube, dass du liest, wenn wir nicht da sind… Also ich bin noch da, von meiner Seite hat sich das nicht… Also ich gebe ja zu, dass ich den ganzen lieben langen Tag nichts als Mist rede, aber man braucht das, um Zeit zu strukturieren. Fällst du da nicht in ein Loch?"

Im Radio können Sekunden des Schweigens wie Stunden wirken, und so hat sich Plamper mit seinem Hörspiel die denkbar schwerste radiophone Aufgabe gestellt: Um das Schweigen der Therese Rhan hörbar zu machen, reicht es eben nicht, ihre Freunde, ihre Familie, die Arbeitskollegen und Psychologen über ihre Kommunikationsverweigerung reden zu lassen, man muss ihr immer auch wieder Zeit geben, NICHT zu antworten.

Plamper ist das Wagnis eingegangen und hat seine Schauspieler immer wieder schweigen lassen, für zehn, manchmal fast zwanzig Sekunden. Vollständig still es dabei freilich nie: Man hört das ganze Arsenal alltäglicher atmosphärische Geräusche: Atmen, Schniefen, Zähneputzen, hallende Gänge und trockene Wohnzimmer, knarrende Dielen, Vogelzwitschern, Insektenbrummen, das Klingeln der Supermarktkasse, das Rasseln von Schlüsseln, Verkehrgeräusche, Geschirrklirren, Tastenklappern, den Zug an der Zigarette…

"Therese, ich weiß es nicht, ich brauch' eine Antwort, ich mein, ich bin nicht gläubig, aber ich glaube, so ist es, wenn die zu Gott beten, da kommt dann nichts zurück, und das ist echt schlimm, da muss man viel projizieren, damit man denkt, dass da echt noch was da ist."

Akustisch also gelingt es Plamper vortrefflich, keine Langeweile aufkommen zu lassen. Das Ambiente ist abwechslungsreich und doch zugleich sehr natürlich. Auch dramaturgisch ist "Tacet" ausgefeilt und schlüssig und dabei von großer Leichtigkeit: Anfangs wird Thereses Schweigen von ihrer Umgebung als vorübergehende Verstimmung wahrgenommen, man spricht mit ihr, gibt sich einfühlsam. Dann aber schickt man sie zum Psychologen, schließlich wird ein Gesprächskreis eingerichtet, in dem über die unhörbar Anwesende gesprochen wird – hier glänzt unter all den glänzenden Schauspielern, die Plamper engagieren konnte, besonders Angela Winkler in der Rolle der unsicher-überforderten Mutter:

" Nun wollst du mir doch bestimmt sagen, dass ich alles falsch gemacht habe, Therese, oder? Was ist das, willst du mich damit strafen, oder was?… Gut, warum glauben sie, schweigt Therese…Das ist das Allerschlimmste, was eine Tochter einer Mutter antun kann, wo wir alles miteinander gesprochen haben. Warum macht sie denn das, warum schaust du mich denn an die ganze Zeit?!"

"Man kann sich nicht NICHT verhalten", sagt eine der Figuren. Aber genau das tut Therese. Warum, dafür liefert das Stück keine Erklärung. Da sie keine Antwort erhalten, verlassen die Freunde Therese irgendwann. Ihre Arbeit hat sie zu diesem Zeitpunkt längst verloren. Auch die Mutter scheint sie nach einem hilflos-verzweifelten Besuch beim Schamanen aufzugeben.

Und den Hörer, der bei dem volksbühnenerprobten Lebenslauf des Regisseurs vielleicht erwartet hat, einen leicht verdaulichen Kommentar zu unserer verquatschten und Talk-Show-verseuchten Gegenwart geliefert zu bekommen, wird wenn das Hörspiel schon lange vorüber ist, noch immer das unheimliche Gefühl, ja die fast existentielle Verunsicherung begleiten, die das Schweigen der Therese auszulösen vermag: Bei allem Individualismus ziehen wir eine solch radikale Lösung eben lieber nicht in Betracht. Deswegen auch wollen alle Therese wieder auf die Seite der Sprechenden ziehen. Allein ihr Ex-Freund wagt zu hoffen, dass es da, wo sie schweigt, womöglich schön ist.

Besprochen von Tobias Lehmkuhl

Paul Plamper: Tacet (Ruhe 2)
Hörbuch
Sprecher: Matthias Maschke, Angela Winkler, Milan Peschel u.a.
Verlag Hörspielpark, 1 CD (2010)
59 Minuten, 12 Euro.

Die CD ist online zu bestellen bei hörspielpark.dehoerspielpark.de