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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.07.2010

Von der Fragilität des Lebens

Carol Bruneau: "Glasstimmen", mareverlag, Hamburg 2010, 463 Seiten

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Lucy kämpft um ihren Glauben als einzigen Halt.  (Stock.XCHNG / Jonathan Adrianzen)
Lucy kämpft um ihren Glauben als einzigen Halt. (Stock.XCHNG / Jonathan Adrianzen)

"Glasstimmen" ist konsequent aus der Perspektive Lucys erzählt, die mit ihrer Familie im kanadischen Halifax lebt und im Jahr 1969 Anfang 70 ist. 1969 stellt einen Wendepunkt ihres Lebens dar (und scheinbar in der Geschichte der Menschheit: die erste Mondlandung findet statt): Der Schlaganfall von Lucys Mann Harry ist das auslösende Ereignis des Romans.

Ein Erzählstrang spielt in der Gegenwart von 1969: Lucys Angst um Harry, das Bewusstsein der Fragilität des Lebens, ihre wieder ans Licht drängende Liebe zu dem Mann, mit dem sie mehr als 50 Jahre keineswegs glücklich verheiratet ist. Der schwierige Kontakt zu ihrem 50-jährigen Sohn, dessen Frau und dem einzigen Enkel, der ihrer Ansicht nach sein Leben vertrödelt, gehört auch dazu, das Familienleben also mit seiner Solidarität, aber auch den Gemeinheiten und Genervtheiten.

Der zweite Strang sind Lucys Erinnerungen an ihr Leben und dessen traumatische Ereignisse. 1917 ist im Hafen von Halifax ein Munitionsschiff explodiert, hat die Stadt zerstört und unzählige Menschenleben gekostet. Auch das Haus von Harry und Lucy ist ein Trümmerhaufen – und Lucys und Harrys kleine Tochter Helena ist verschwunden. Diesen Schmerz wird Lucy niemals mehr los. Mitten in der Katastrophe und den Trümmern und Explosionen findet auch die Geburt ihres Sohnes Jewel statt, die außerordentlich eindrücklich wie ein böser, chaotischer Traum erzählt wird.

Vor unseren Augen entfaltet sich das Leben einer tief katholischen Frau, die um ihren Glauben als dem einzigen Halt ihres Lebens kämpft, die mit Stolz und unter Aufbietung aller Kräfte ihr Leben und das der Familie zusammenhält, die ihren Mann erträgt, der sie betrügt, spielt, sich mit zwielichtigen Leuten herumtreibt, nie zu Lucy steht, mit dem nicht zu reden ist, der sich allem entzieht. Lucy ist unendlich einsam, aber von großartiger Loyalität, wenn sie auch zuweilen Wut und Verzweiflung erfassen. Ein einziges Mal lässt sie sich sogar zu einem "Fehltritt" hinreißen, der sie in tiefste Gewissensbisse stürzt und ihr doch so gut tut.

Ihr geliebter Sohn Jewel muss im Zweiten Weltkrieg als Soldat nach Europa. Er kommt verletzt und von Grund auf verändert zurück und heiratet ausgerechnet die Tochter der schlampigen, männerbesessenen Frau, mit der Harry vermutlich jahrelang ein Verhältnis gehabt hat. Jewel ist ihr vertraut und unendlich fremd zugleich, so wie Harry – dieser Roman erzählt von der (Un-)Möglichkeit, andere Menschen zu kennen, und von der Chance, sie (dennoch) zu lieben.

Kein einfaches Leben. Aber vielleicht mit seinen Alltäglichkeiten, mit seinen Verlusten und Schmerzen, Verzweiflungen aber auch glücklichen Phasen ein ganz gewöhnliches. Und alles erfahren wir aus Lucys Perspektive, wir erleben ihre Erinnerungen mit, bekommen ihre Gefühle zu spüren und sehen die Menschen aus ihrer Perspektive.

450 Seiten in erlebter Rede zu erzählen ist eine erzählerische Glanzleistung. Ein solcher Text scheint zunächst einmal mühsam zu lesen. Aber binnen Kurzem kommt man in diese Erzählweise hinein, die dann einen Sog entwickelt, dem man sich nicht mehr entziehen kann. Man kommt den Personen mit Respekt und Distanz näher, als man es im Leben jemals könnte. Und das macht wirklich nur gute Literatur möglich.

Besprochen von Gertrud Lehnert

Carol Bruneau: Glasstimmen
Roman. Aus dem kanadischen Englisch von Gregor Hens
Hamburg: mareverlag 2010
463 Seiten, 22 Euro

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