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Profil / Archiv | Beitrag vom 11.11.2005

Von der Dorfscheune auf die Weltbühne

Nach 40 Jahren wird der Maler Harald Noethen entdeckt

Von Stefanie Germann

Der Maler Harald Noethen (Stefanie Germann)
Der Maler Harald Noethen (Stefanie Germann)

Vierzig Jahre lang malte der 58-jährige Künstler Harald Noethen tagtäglich wie ein Besessener auf dem Speicher einer maroden Dorfscheune, aber kaum einer hat je seine Bilder zu Gesicht bekommen. Bis Noethen vor ein paar Wochen eher zufällig entdeckt wurde. Die Kunstwelt ist begeistert und feiert ihn als Sensation des Jahrzehnts - was den Künstler allerdings völlig unbeeindruckt lässt. Stefanie Germann hat den Maler im Atelier besucht.

Ein Blecheimer, Farbe, zwei Pinsel – und dann:

"Okay!"

Schon der Anblick treibt einem den Blutdruck in die Höhe. Harald Noethen, ein Hüne von Mann, breitschultrig und breitbeinig, springt die Leinwand vor ihm regelrecht an. Große Pinsel in beiden Händen, gestikuliert er damit wie ein Dirigent die tropfnasse schwarze Farbe auf die weiße Fläche. Dann traktiert er die triefenden Linien mit Kreide.

"Ich weiß nicht, wenn ich am Arbeiten bin, wo der Strich hingeht. Es könnt auch jetzt jemand geworden sein mit Smoking, der auf der Parkbank sitzt. Aber es ist halt eben mal das geworden. Das ergibt sich aus dem Prozess des Machens heraus."

Kein freundlicher Mann mit Smoking hockt da auf der Leinwand, sondern eine gespenstische Figur: mager wie ein Skelett, die Gelenke verknorpelt, die langen schwarzen Arme baumeln wie abgeknickte Äste am Körper, hohle Augen glotzen vorwurfsvoll den Betrachter an.

"Ich geh ans Bild und weiß nichts. Und dann fangen die Hände an zu arbeiten, und ich guck zu."

Und Noethens Hände arbeiten in atemberaubendem Tempo. Gerade mal ein paar Minuten dauert das ganze Spektakel – und das Bild ist fertig.

"Ja, das ist im Sinne von Rock 'n' Roll so richtig hergefetzt, 'ne? Für die Grundstruktur mit zwei Pinseln brauch ich hier fünf Minuten, leg das andere drüber Nass in Nass, noch mal acht Minuten, das ist in 15 Minuten fertig - Jetzt muss, 'ne, Zack!, was krachen! "

Eine Kunstsensation bahnt sich an: Der Maler Harald Noethen, ein herzlicher aber scheuer Künstler vom Typ Alt 68er, ist das, was man euphorisch ein "spät entdecktes Genie" nennt. Vierzig Jahre lang malte Noethen in einer staubigen Scheune in der Nähe von Andernach, zunächst realistisch, später immer mehr abstrakt. Doch zu sehen bekam die Bilder kaum jemand. Noethen unterrichtete zwar selbst jahrelang Malerei an Schulen und Universitäten, aber eigene Bilder ausstellen: Für ihn Zeitverschwendung.

"Der Drang unbedingt auszustellen und dafür alle Hebel in Bewegung zu setzen, diese Energie wollte ich einfach nicht aufbringen. Da war mir auch die Zeit zu schade. Ich bin auch kein Freund, der Klinken putzt. Das ist auch nicht meine Arbeit. Meine Arbeit ist wirklich, dass ich Zeichnen, Malen muss, und dabei einfach meine Selbstfindung, meine Freiheit äußern kann. "

Freiheit, das sind fünf, manchmal zehn Bilder - jeden Tag. Zigtausende Kunstwerke haben sich so im Laufe seines Lebens angesammelt, ein gemaltes Tagebuch: Zentnerschwere Stapel aus Naturstudien, menschlichen Köpfen, Tierkörpern, abstrakten Formen und immer wieder schonungslosen Selbstportraits. Seit zwanzig Jahren malt Noethen asynchron mit beiden Händen – geht schneller so:

"…wässrig arbeiten, pastos arbeiten, klein arbeiten, groß arbeiten, farbig arbeiten, farbbetont arbeiten, nicht farbbetont arbeiten, das ist ein Universum! Ein Universum! Das kann ewig so weitergehen, Figuren arbeiten, nicht Figuren arbeiten …"

… immer ohne Vorskizze, versteht sich - Kunst als Bewusstseinsstrom:

"Ich muss in einem dichten Fluss bleiben. Wenn ich das nicht bin, dann gerät alles ins Stocken. Und wenn es ins Stocken gerät, das ist wie eine Art Liebespiel, Liebesakt - wenn da ein Stopp von außen kommt und die innere Inspiration stört, ja dann stirbt das Bild, bricht es ab, zerfällt. "

Die Motive sind schmerzerfüllt und melancholisch, die Malweise enervierend und expressiv: "hingefetzt" eben. Dabei wird alles, was Noethen zwischen die Finger kommt, zur Kunst: Seidenpapier und Plakatwände, Verpackungsdeckel, Tapetenreste und Plunder vom Sperrmüll:

"Da bin ich ein Ungeheuer; das hab ich regelrecht verbraucht, zig Türen, zig Bretter, zig Kästen. Das Malfieber ist dann derart, dass ich dann " (lacht) "niemals gedacht habe, die Bilder kommen dann mal in irgendeine Ausstellung. Man sieht’s ja hier: " (läuft) "… Da sind die Nägel zu sehen, ich hab die einfach gelassen, ich hab ja nicht an irgendeine Ästhetik gedacht, wie man die jetzt schön ausstellen kann. Oder hier, gucken Sie mal, sieht aus wie mit dem Fuß rein getreten, ne? Wenn mal einer kommt, der richtig malt, auf Leinwand und allem, wenn der kommt und sieht diese Heftklammern und diese Löcher, sagt der doch zu mir: Das kauft doch kein Mensch ab!"

Von wegen! Denn vor einigen Wochen entdeckte ein Galerist zufällig ein paar Bilder, die Noethen einem Freund geschenkt hatte. Alles Weitere ging schnell: Kunstexperten von Rang und Namen kamen ins Atelier, um dann in seltener Einigkeit zu bestätigen, dass Noethens Kunst von der Dorfscheune auf die Weltbühne gehört.

Mittlerweile haben internationale Museen Interesse bekundet: Das Koblenzer Museum Ludwig, die Nationalgalerie in Kiew, Anfragen kommen aus Genf, Berlin, Brüssel, Amsterdam, Mailand, Baden-Baden. Sogar das MoMA in New York will Bilder aus Andernach. Noethen sieht den ganzen Trubel hingegen ziemlich gelassen:

"Ich bin zu alt, jetzt kurz vor 60, um mich jetzt groß jugendlich aufzuregen. Ja, es ändert eigentlich nicht viel, ich muss weitermalen, und jetzt hängen halt die Bilder, da oder dort. Sollen doch meine Bilder sprechen, ich muss ja nicht mitkleben wie ein Etikett ... ja? "

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