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Lesart / Archiv | Beitrag vom 25.08.2017

Von Beruf literarische DiplomatinWie man Gedichte lektoriert

Sabine Baumann im Gespräch mit Joachim Scholl

Sabine Baumann, Lektorin beim Schöffling Verlag (Kirsten Bucher)
Sabine Baumann: "Der Autor behält immer das letzte Wort." (Kirsten Bucher)

Zuerst kommt bei Sabine Baumann das Ohr zum Einsatz und danach der Stift. Sie lektoriert für den Schöffling Verlag neben Prosa auch Lyrik und liest sich Gedichte laut vor. Wenn ihr ein Wort wie "Augenschneiderameisen" nicht einleuchtet, feilt sie mit dem Autor am Text.

Joachim Scholl: "Der Panther" von Rainer Maria Rilke ist für mich eines der schönsten Gedichte überhaupt, aber bei einem Vers muss ich trotzdem immer ein bisschen grinsen – wenn sich nämlich "Stille" auf "Pupille" reimt. Wäre da nicht ein anderer Reim eventuell besser gewesen? Hätte man sich einen Lektor gewünscht, der gesagt hätte: Ach, lieber nicht, Herr Rilke? Diesen Gedanken professionell nachvollziehen kann Sabine Baumann. Sie ist Cheflektorin auch für Lyrik im Schöffling-Verlag in Frankfurt am Main, und dort ist sie uns zugeschaltet. Guten Tag, Frau Baumann!

Sabine Baumann: Guten Tag, Herr Scholl!

Scholl: So einem Rilke den Reim zu verändern, ist für den Laien eine witzige Vorstellung. Für den Profi wie Sie auch?

Baumann: Ja, für mich ist es auch eine witzige Vorstellung. Es wäre natürlich toll, mit Herrn Rilke zu diskutieren über Reime, und andererseits auch ein bisschen angsteinflößend, denn wer weiß, wie er reagiert hätte, und ob er gesagt hätte: So nicht, Frau Baumann, ich lasse mir nicht in meine Lyrik hineinreden! Das erfordert natürlich sehr viel Fingerspitzengefühl, und, wie das Lektorat bei allen Texten, zuallererst mal einen großen Respekt vor der Leistung der Autoren, die jahrelang an Texten arbeiten, die auch an Gedichten lange arbeiten, die oft Gedichte lange liegen lassen und immer wieder neu bearbeiten. Ein Autor von mir sagte mal, er hätte einen regelrechten Steinbruch von Gedichten, die er in Ordnern ablegt und dann immer wieder hervorholt. Das muss man natürlich immer im Hinterkopf behalten, bevor man den Stift zückt und ein Fragezeichen hinmalt oder eine Schlangenlinie - und nachfragt.

Scholl: Wie müssen wir uns das also konkret vorstellen? Was ist anders als bei einem Prosatext? Sie haben ein Gedicht, vielleicht hat es nur zehn Verse und es sind nur 20 Worte. Wie kommt hier der Stift zum Einsatz, Frau Baumann?

Baumann: Zuerst mal kommt nicht der Stift, sondern das Ohr zum Einsatz. Ich versuche, mir manchmal Gedichte sogar laut vorzulesen. Ich höre sie auf jeden Fall ganz stark im Innern, denn Gedichte sind ja einerseits Textkunstwerke, Sprachkunstwerke wie Prosatexte auch, aber sie kommen vom Lied her, sie sind in einer ganz anderen Tradition verwurzelt. Sie verdichten, sie klingen und bringen auch etwas im Leser zum Klingen, und das muss ich erst mal auf mich wirken lassen.

Lyrik ist Chefsache im Verlag

Scholl: Sie haben uns ein paar Beispiele rausgesucht, Frau Baumann, von konkreten Lektoratsarbeiten an Gedichten. Was wären das für welche?

Baumann: Dazu muss ich eins vorwegschicken: Bei uns im Schöffling-Verlag, bei Schöffling & Co. ist Lyrik Chefsache. Der Verleger Klaus Schöffling ist ein großer Entdecker, ein großer Leser, ein großer Förderer von lyrischen Talenten. Er hat ganz viele Autoren für den Verlag entdeckt, liest täglich ganz viele Gedichte, geht zu Lyrikwettbewerben, ist mit Lyrikern im engen Austausch, und mir wachsen bei Schöffling & Co. sozusagen diejenigen Autoren mit ihren Gedichten zu, die ich ohnehin schon in der Prosa betreue. Und ein Beispiel habe ich mitgebracht von Mirko Bonné, dessen Romane auch viel Lyrik enthalten, beispielsweise "Nie mehr Nacht" und der neue Roman "Lichter als der Tag". Das sind beides Gedichtzeilen. "Nie mehr Nacht" ist eine Gedichtzeile von Emily Dickinson in Mirko Bonnés eigener Übersetzung, denn er übersetzt auch Gedichte, eine besonders hohe Kunst, wie ich finde. Und "Lichter als der Tag" ist ein Vers von Gryphius. Und mit Mirko Bonné habe ich also zusammengearbeitet an dem Band "Trakl-Park". Da sieht man, Georg Trakl ist einer der Einflüsse, Inspirationen derjenigen Autoren, die Mirko Bonné viel liest. Und in diesem "Trakl-Park" gab es einen Gedichtzyklus "Die Luftmacumba", aus vier Gedichten bestehend. Das spielt in Rio – Macumba ist auch ein brasilianisches Musikinstrument, es ist eine Religion, es ist ein wunderbar klingendes Wort, das so musikalisch ist wie die Musik, die es macht. Und in diesem Gedicht, im dritten dieser Gedichte kamen "Augenschneiderameisen" vor. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, Augenschneiderameisen. Und im ersten Moment wusste ich natürlich überhaupt nicht, was das ist, das ist klar. Aber in Gedichten dürfen ja auch rätselhafte Worte vorkommen, Erfundenes, Neuschöpfungen – das ist ja auch gerade der Reiz. Aber dennoch hatte ich Mühe, mir dieses Bild – dieses Bild ist mir einfach nicht in meinem Kopf entstanden, und es muss natürlich auch zu einem Kopfkino beim Leser kommen. Und so habe ich mit dem Autor darüber gesprochen, ob er diesen Bildaufbau vielleicht noch mal anders versuchen kann. Und das hat er dann in der Tat gemacht, und ich lese das mal vor: "Von Blattschneiderameisen träumte ich auch. Aber kein Mandelbaumblatt, sondern ein Auge, ein zerlegtes Vogelauge schleppte der Staat über den Uferweg zu einem Nachtparkplatz an der Lagune. Augenschneiderameisen." Und dem geht voraus, in der Strophe davor: "Mit den Augen der Blattschneiderameisen rollten Omnibuskolonnen aus dem Centro nach Botafogo."

Scholl: Also sozusagen, in der ersten Fassung waren die Augenschneiderameisen, die kamen einfach, plötzlich waren sie da. Und jetzt sind sie sozusagen vorbereitet über die Blattschneiderameisen und mit dem Augenmotiv, und dann entsteht eine Art von lyrischer Motivkette, die dann verständlich ist. Aber man könnte ja auch argumentieren, oder Herr Bonné hätte sagen können, ich will dem Leser eben schlagartig die Augen öffnen mit meinen Ameisen. Der soll sich mal gefälligst nicht so haben, und Sie auch nicht, Frau Baumann.

Baumann: Dann hätte ich auch irgendwann aufgehört zu diskutieren natürlich, denn der Autor behält immer das letzte Wort, in der Lyrik wie in der Prosa. Aber so ein Austausch kann einfach manchmal fruchtbar sein. Und der Autor hat selbst gesagt, dass er eben findet, dass es jetzt auch eine andere Instrumentierung oder Orchestrierung in dem Gedicht ist, die ihm sehr gut gefällt und über die er froh ist.

Scholl: Das ist ein tolles Beispiel, und ich habe auch eins, Frau Baumann. Auf das hat mich meine Frau gebracht. Sie liebt nämlich Christian Morgenstern und kennt den berühmten Werwolf auswendig. Sie hat mich gebeten, Sie Frau Baumann, mal nach einem Wort zu fragen: Bei Morgenstern heißt es ja gleich zu Beginn, in der ersten Strophe: "Ein Werwolf eines Nachts entwich/ von Weib und Kind, und sich begab/ an eines Dorfschullehrers Grab/ und bat ihn, bitte beuge mich." Wundervoll natürlich gleich die ersten vier Verse. Und dann heißt es in der nächsten Zeile: "Der Dorfschulmeister stieg hinauf", und ganz am Ende kommt er noch mal, der Dorfschulmeister. Also erst ist es der Dorfschullehrer, dann zweimal der Meister im ganzen Gedicht. Was sagt die Lektorin jetzt dazu? Ist das gut, oder hat Herr Morgenstern ein bisschen geschlampt, und nun müsste man sagen, oh, Herr Morgenstern, so nicht?

Baumann: Auch Herrn Morgenstern würde ich natürlich nicht sagen: So nicht - obwohl es eine reizvolle Vorstellung wäre. In der Tat hätte ich hier den Bleistift gezückt und es unterschlängelt und gesagt, hätte das nicht ein Gleichklang sein sollen? Zumal ja dann eben tatsächlich gebeugt wird und dieses Schulmeisterhafte betont wird in dem Gedicht: "Der Werwolf, des Weswolfs, dem Wemwolf, den Wenwolf" – das ist ja auch eine Parodie oder ein scherzhaftes Gedicht über Grammatik und was man daraus lesen kann. Und wer weiß, was Herr Morgenstern gesagt hätte.

Arbeit als literarische Diplomatin

Scholl: Aber hier hätte eine Lektoratshand vielleicht etwas bewirken können. Ich meine, es ist ja auch eine reizvolle Vorstellung, sich mal die ganzen klassischen Gedichte anzuschauen und die eventuell zu lektorieren, zum Beispiel "Über allen Gipfeln ist Ruh". Aber Frau Baumann, noch mal zurück zu Ihrer Tätigkeit. Sie haben ja vorhin auch gesagt, stellen wir uns vor, man lektoriert Rilke, wie hätte er denn reagiert. Muss man nicht da auch besonders psychologisch geschult sein, eine literarische Diplomatin? Weil ja da doch die Haut vielleicht, die künstlerische Haut beim Dichten doch besonders dünn ist und der Autor, die Autorin doch leicht verletzt sind, wenn man dann kommt und sagt: Machen Sie es anders!

Baumann: Ja, das ist ja sowieso klar, dass es einer besonderen Vertrauensbeziehung bedarf beim Lektorieren allgemein. Denn Autoren arbeiten, wie ich ja vorhin auch schon sagte, jahrelang an ihren Texten. Sie arbeiten intensiv daran, sie bauen ein Werk auf, und als Lektor begleitet man sie darin, wie auch der Verleger sie natürlich darin begleitet und programmatisch entscheidet, wann kann das nächste Buch kommen, wie ermuntert man jemanden zum Schreiben. Da ist natürlich zuerst immer ein Gespräch über die Texte und die Auswahl der Gedichte vonnöten und ein Einverständnis, oder dass man sich überhaupt darüber austauscht, wie liest man das ganze Werk. Ich sehe mich da immer nur als begleitend, beratend, als erstes Feedback, als diejenige, bei der man auch mal was ausprobieren kann. Und wenn Sie möchten, ich habe noch ein Beispiel mitgebracht von Ulrike Almut Sandig, eine wunderbare junge Lyrikerin, die auch Performerin ist, ihre Texte in einer Art Sprechgesang oder auch singend vorträgt, mit Musik unterlegt. Sie hat einen wunderbaren Band geschrieben mit dem Titel "ich bin ein Feld voller Raps/verstecke die Rehe/und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt". Diesen Titel hat der Verleger ihr zugeraten, nachdem er das in einem der Gedichte gelesen hat und gesagt hat, das wäre ein toller Bandtitel. Er hat auch die erste Stufe der Texte sozusagen betreut und dann an mich übergeben, weil ich von Ulrike Almut Sandig einen Erzählungsband vorher betreut habe – "Buch gegen das Verschwinden". Und in diesem Band gab es wenig zu lektorieren an den Gedichten selbst, aber wir haben uns viel darüber ausgetauscht, wie werden sie angeordnet. Und am Ende hat Ulrike Almut Sandig dann diesen Gedichttitel, den Bandtitel sozusagen zerlegt und als Überschriften für einzelne Abschnitte gewählt. Diese Gedichte sind sehr politisch, das hört man dem Titel vielleicht nicht unmittelbar an. Aber sie behandeln die Wanderbewegungen der heutigen Zeit, die Flüchtlingskrise. Sie verwenden die Grimm'schen Märchen als Hintergrund, die ja teilweise sehr unheimlich sind, und denken nach über Deutschland.

Scholl: Wie lektoriert man Gedichte? Das war Sabine Baumann, Cheflektorin beim Schöffling-Verlag. Vielen Dank, Frau Baumann!

Baumann: Gern geschehen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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