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Konzert / Archiv | Beitrag vom 30.01.2018

Von Bach bis StrawinskyKlassisches und Klassizistisches

Aus dem Seglerhaus am Wannsee, Berlin

Seglerhaus am Wannsee (VSaW Archiv)
Seglerhaus am Wannsee (VSaW Archiv)

Zum Wannsee ohne Badehose, aber im Frack: Solisten des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin spielen im Seglerhaus am Wannsee Klassisches und Klassizistisches. Ein Hauskonzert für Liebhaber und alle, die es werden wollen.

Mit der Wiederentdeckung barocker Musik begann die große Karriere des Cembalos. Zu Zeiten von Johann Sebastian Bach war es eines unter diversen Tasteninstrumenten gewesen; im 20. Jahrhundert avancierte der charakteristisch angerissene Klang der Cembalosaiten zum Erkennungsmerkmal "Alter Musik" schlechthin. Das "Alte" dieser Musik wirkte zugleich so neu, dass sich auch zahlreiche Komponisten dafür interessierten – vor allem, als in den kargen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg die üppigen Mittel der Spätromantik unzeitgemäß wirkten. Der heutzutage so gut wie vergessene Komponist Walter Leigh war einer von ihnen; als Schüler von Paul Hindemith schuf er mit seinem kleinen Cembalo-Konzert ein typisches Beispiel des Neoklassizismus. Leighs Musik übersetzt Formen und Gesten aus der Barockzeit in die Moderne und ist zugleich um Spielbarkeit und Zugänglichkeit bemüht.

Diese Idee verfolgte in jener Zeit – den frühen 1930er Jahren – auch Béla Bartók mit seinen knapp gehaltenen Violinduos, die sich gleichfalls einer fremden Musiksprache annähern. Bartók fand seine Vorbilder allerdings nicht in der Vergangenheit, sondern in der zeitlosen Musik der Balkanvölker, die er in gleichsam undomestizierter Form in Musikzimmer und Konzertsäle brachte. Auch sein Zeitgenosse Igor Strawinsky verstand sich auf derlei musikalische "Importe" und war spätestens seit dem Skandalerfolg des Balletts "Le sacre du printemps" (1913) immer für ein Spektakel zu haben. Seine Elegie aber kommt mit noch weniger Mitteln als Bartóks puristisches Werk aus: Nur eine Viola benötigt Strawinsky, um den Zustand der Welt anno 1944 klingend auf den Punkt zu bringen.

Eingerahmt wird dieses "Hauskonzert" im Seglerhaus am Wannsee Berlin durch zwei klassische Meisterwerke: In seinem für Liebhaber geschriebenen Flötenquartett C-Dur balanciert Wolfgang Amadeus Mozart zwischen kompositorischer Raffinesse und unterhaltsamem Tonfall; in seinem 5. Brandenburgischen Konzert stellt Johann Sebastian Bach das Prinzip des Wettstreits verschiedener Instrumente auf eine neue Stufe, indem er aus dem barocken Concerto grosso ausbricht, das Cembalo von seiner Rolle als Begleitinstrument erlöst und das moderne Klavierkonzert erfindet.


Seglerhaus am Wannsee, Berlin

Aufzeichnung vom 28.01.2018


Wolfgang Amadeus Mozart

Quartett für Flöte, Violine, Viola und Violoncello C-Dur KV 285b

Walter Leigh

Concertino für Cembalo und Streicher

Igor Strawinsky

Elegie für Viola solo

Béla Bartók

Duos für zwei Violinen

Johann Sebastian Bach

Brandenburgisches Konzert Nr. 5 D-Dur BWV 1050


Solisten des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin:

Ulf-Dieter Schaaff, Flöte

Philipp Beckert, Violine

Andreas Neufeld, Violine

Andreas Willwohl, Viola (Gast)

Georg Boge, Violoncello

Hermann Stützer, Kontrabass

Frank Volke, Cembalo (Gast)

Moderation: Olaf Wilhelmer

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