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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 28.07.2012

Von Arno Orzessek

In der Serie "Sprechen Sie Feuilleton?" in der Tageszeitung DIE WELT ging es in dieser Woche um "T wie Tattoo". Oder - mit den sinnigen Worten Marc Reichweins - um "Kunst am Bauch":

"Herz, Kreuz und Anker, die klassisch simplen Symbole [ ... ] sind ja längst passé, 'Arschgeweih' und Bundespräsidentinnengattinnentattoo ebenso a. D. Heute sind semiotische Spezialkenntnisse gefragt: Wer blickt bei all den Tribals und Elhaz-Runen, den Punksignets und fotorealistischen Unterhaut-Tapeten noch durch? Müsste das Feuilleton [ ... ] nicht ein bisschen mehr Tattoo-Genrekunde liefern?"

… belustigte sich Marc Reichwein in der WELT.

Evgeny Nikitins Tattoos aus Jugendjahren, die ihm bei den Bayreuther Festspielen kurz vor der Premiere des "Fliegenden Holländers" den Rauswurf bescherten, ließen sich indessen ohne Genrekunde entschlüsseln. So ein Hakenkreuz wird ja überall leicht verstanden.

In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG beharrte Eleonore Büning darauf, dass die Festspielleitung schon lange von den Tattoos des russischen Bassbaritons gewusst haben müsse, und echauffierte sich gründlich:

"Versagt hat nicht der russische Sänger. Versagt haben, wieder einmal, die Festspiele. Auch noch 2012 ist der Mythos Bayreuth ein kranker Mythos, voller Flecken. Solange jedenfalls, wie noch Brekerbüsten im Park herumstehen, solange, wie die Familie der Wagners Briefe unter Verschluss hält und die Aufarbeitung der braunen Vergangenheit extern an Wissenschaftler delegiert; solange, wie man verdruckst, verkorst mit doppelter Zunge spricht und taktiert: Solange wird es in Bayreuth immer wieder hässlich stinken und krachen."

Dabei läuft der Opern-Betrieb allerdings verlässlich weiter. Der "Fliegende Holländer" - in dem Samuel Youn die vakant gewordene Hauptrolle sang - gefiel den Kritikern mehr oder minder gut. Aber nur, was die musikalischen Leistungen unter Dirigent Christian Thielemann angeht.

"Ideales Musiktheater", jubelte Frederik Hanssen im Berliner TAGESSPIEGEL.

Die Inszenierung von Jan Philipp Gloger wurde dagegen als Bauchlandung abgetan:

"In der Tat krankt Glogers Annäherung daran, die närrische Radikalität des Stoffes zu verfehlen und sich mehr und mehr in kleinen Gags und lächerlichen Effekten zu verzetteln. Fast symptomatisch dafür, wie der kühne Science-Fiction-Modernismus des Anfangs im Schlussakt durch altmodisch pyrotechnische Maßnahmen 'überboten' wird: mit einem abgefackelten Portalschleier; mit einem flammenzüngelnden Gruselgerät, in dem Geldscheine verbrannt werden. Einige Klischees werden vermieden; auf andere fällt Gloger erst recht herein …"

… mäkelte Hans-Klaus Jungheinrich in der FRANKFURTER RUNDSCHAU.

Nur "Sehnsucht aus Pappe" hatte Reinhard Brembeck auf der Bühne gesehen. Und weil der Autor der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG darob schlecht gelaunt war, rüffelte er gleich auch - den andernorts gelobten - Christian Thielemann. Und zwar weil dieser statt der beliebten Urfassung eine "späte, erlösungssatte Fassung" des "Holländers" spielen ließ:

"Die hat den Vorteil, dass die lyrisch sinnierenden Passagen in Bayreuth tatsächlich besser klingen, verführerischer. Dagegen verlieren die Sturm- und Chorszenen an unmittelbarer Wirkung. Einerseits wird der Sturm musikalisch nur noch als ein Aquarell angelegt, andererseits verschärft Thielemann die Chorszenen geradezu aufdringlich und derb gegen die aufs Spätwerk verweisenden filigranen Momente der Partitur. Dieser Kontrast ist verstörend."

So Reinhard Brembeck in der SZ.

Sollten die Bayreuth-Ignoranten unter Ihnen allmählich an der Off-Taste des Radios zu spielen beginnen: Drücken Sie nicht! Wir kommen geradewegs zur Beschneidung.

"Ohrfeigen sind verboten, aber Organe zerschneiden ist erlaubt?", staunte die TAZ.

Beschneidungs-Gegnerin Heide Östreich warnte die Regierenden in Berlin, die Debatte mit einem "Schnellschussgesetz" pro Beschneidung abzuwürgen:

"Stattdessen könnte in das Gesetz ein Moratorium eingebaut werden: Vorerst wird nicht bestraft, aber wir müssen uns in den nächsten Monaten und Jahren etwas überlegen. Mit dieser Zumutung müssen religiöse Minderheiten in Deutschland leben. Wenn sie die Debatte völlig abblocken, negieren sie ein fundamentales Menschenrecht. Das geht nicht. Denn die Religionsfreiheit wiegt viel - aber keineswegs mehr als das Recht, ein vollständiger Mensch zu sein."

Gegen solche weltlichen Positionen zog der Schriftsteller Feridun Zaimoglu in der FAZ heftig vom Leder:

"Für den, der den Muslim hasst, ist jedes Mittel recht. Gestern Feminist, heute Jäger der verlorenen Vorhaut. Himmel, es geht um das Stückchen Penisspitzenummantelung. Schnippschnapp, Läppchen weg, Knabe im Eimer? Blöd wäre es, das zu glauben …"

… donnerte Zaimoglu - und schloss ein Bekenntnis an:

"Die heutigen Akteure der Religionskritik sind Profilneurotiker. Sie wollen abschaffen, verfolgen, zerstören, verunglimpfen, zensieren. [ ... ] Die Beschneidung ist eine Prophetenvorgabe und damit nicht verhandelbar. Der Gläubige glaubt. Der Liberale biegt und beugt, bis die Gottesliebe zur bloßen Ideentapete verkommt."

Glauben Sie das wirklich, Herr Zaimoglu, dass der säkulare Staat eine "Prophetenvorgabe" - oder die Beschneidungs-Vorschriften der hebräischen Bibel - tatsächlich als "nicht verhandelbar" hinnehmen muss? Hoffentlich gehen Sie nie in die Politik! -

Den untilgbaren Zwist unter den Menschen und in den Menschen, den sie großartig verkörpert hat, er liegt für immer hinter ihr: Am Mittwoch verstarb die Schauspielerin Susanne Lothar. Jenseits jeglicher Nachruf-Routine herrschten in den Feuilletons Bestürzung und Trauer.

"Susanne Lothar war tatsächlich außergewöhnlich auf der Bühne und im Film [ ... ] - so extrem liebend, duldend, leidend und durchlässig für den Schmerz wie keine andere. Sie konnte ihrem Blick eine arktische Froststarre verleihen, ihr Gesicht zur Maske werden lassen, schockgefroren aus den Erfahrungen von Hass, Zorn und Leid. Sie war Schneekönigin, Medusa und ewig verletztes Kind …"

… trauerte in der SZ Christine Dössel.

Wir schließen uns an und sagen: Dann ruhe wenigstens sanft, Susanne Lothar!

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