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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.08.2012

Von allen angepöbelt

Sibylle Berg: "Vielen Dank für das Leben", Carl Hanser Verlag, München 2012, 400 Seiten

Wie seine Verfasserin kommt Toto im "Weißkohlmief der DDR" zur Welt. (AP)
Wie seine Verfasserin kommt Toto im "Weißkohlmief der DDR" zur Welt. (AP)

Wo sich Autoren anschicken, das Elend dieser Welt zu entlarven, benutzen sie seit jeher gern den Kunstgriff, es aus der Perspektive eines "tumben Toren", einer naiven, moralisch meist integeren Hauptfigur zu zeigen. Sibylle Berg schafft auf diese Weise in ihrem siebten, bislang umfangreichsten Roman mit ihrem Protagonisten Toto eine der ungewöhnlichsten und berührendsten Gestalten der Gegenwartsliteratur.

Vier Jahre jünger als seine Verfasserin kommt Toto 1966 zur Welt, im Weißkohlmief der DDR. Als "Kind mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen" ist er von Anfang an Außenseiter, und als seine Mutter, eine alkoholabhängige Altenpflegerin, wenige Jahre später stirbt, kommt Toto ins Heim. Seine Lebensgeschichte reicht bis in die Zukunft des Jahres 2030, und "Vielen Dank für das Leben" wäre kein Roman von Sibylle Berg, wenn ihm ein Happy End beschieden wäre. Ob unter den dürftigen Bedingungen des real existierenden DDR-Sozialismus oder angesichts der für manche glitzernden Konsumwelt der Bundesrepublik (wohin Toto in den 80er-Jahren auf abenteuerliche Weise gelangt) – nirgendwo sind die Werte gefragt, für die der von allen angepöbelte Toto auf seiner Odyssee des Leidens steht. Der gutmütige "Plüschbär" ist unfähig, an den (männlichen) Machtspielen teilzunehmen und reagiert auf alle Anfeindungen mit gleichbleibender Freundlichkeit.

"Und weiter" heißt eine der von Sibylle Berg häufig eingesetzten lapidaren Kapitelüberschriften – Zeichen dafür, dass dieses am Ende nach Paris führende Leben sich unweigerlich dem Abgrund entgegenbewegt. Ab und zu – wenn sich der mit einer markanten Stimme ausgestattete Toto Hoffnungen macht, an einer Musikschule aufgenommen zu werden, er einen Job in einer Bar findet, dem "Großen Missverständnis" der Liebe erliegt oder nach einer Operation als Frau durchs Leben geht – scheint es so, als könne sich Totos Leben zum Guten wenden, ein fataler Irrtum. Der "Untergang der westlichen Welt" ist beschlossene Sache, und die "Erhabenheit durch Verzicht" verkörpernde Unglücksfigur Toto kann dem nichts entgegnen.

Sibylle Berg erzählt in schwarz-weißen Szenen. Die politischen Ereignisse der Jahre, von denen sie erzählt, bleiben Schemen; "langweilig" und "uninteressant" ist ihr das meiste und der Unterschied zwischen altem Osten und neuem Westen nicht erheblich. Der Romanplot ist kaum der Rede wert: Kasimir, ein Wertpapierhändler, der mit Toto im selben DDR-Kinderheim war, sieht sich durch die Totos Güte provoziert und versucht ihn, um zur "absoluten Macht" zu gelangen, auszulöschen. Und wenn Sibylle Berg fremde Berufswelten erfindet, kann es schon einmal passieren, dass vom "Prorektor" geredet wird, wenn ein "Prodekan" gemeint ist.

Dennoch: "Vielen Dank für das Leben" setzt den Weg fort, den die Autorin 2009 mit "Der Mann schläft" eingeschlagen hat, und liefert eine scharfe, verhalten witzige, völlig einseitige und dennoch aus genauen Beobachtungen gespeiste Sicht unserer Gesellschaft – und ein fast versöhnlich stimmendes Gegenbild, das des guten Menschen Toto.

Besprochen von Rainer Moritz

Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben
Roman
Carl Hanser Verlag, München 2012
400 Seiten, 21,90 Euro

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