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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.04.2010

Vom Spinner zum gefeierten Anwalt

Mark Twain: "Knallkopf Wilson", Manesse Verlag, Zürich 2010, 320 Seiten

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Der Author Samuel Longhorne Clemens ist besser bekannt unter dem Namen Mark Twain.  (AP Archiv)
Der Author Samuel Longhorne Clemens ist besser bekannt unter dem Namen Mark Twain. (AP Archiv)

In der wiederentdeckten Tragikkomödie "Knallkopf Wilson" von 1894 porträtiert Mark Twain einen jungen Anwalt, der zunächst scheitert, dann aber groß rauskommt sowie ein italienisches Pärchen, das in ein verschlafenes amerikanisches Nest gerät.

Mark Twain wurde 1835 als Samuel Langhorne Clemens in Missouri geboren. Das Namens- Pseudonym ist ein Ausdruck aus der Seemannsprache (zwei Faden Wassertiefe) und erinnert an Twains Zeit als Steuermann auf dem Mississippi. Der Fluss und das Leben in den Südstaaten - für seine schwarzen ebenso wie seine weißen Bewohner - spielt eine zentrale Rolle in Twains Werk.

Weltweit berühmt wurde der realistische Erzähler und Satiriker durch seine Romane über Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Ernest Hemingway betrachtete Huckleberry Finn, mit seiner Perspektive der umgangssprachlichen Ich-Erzählung, als den Anfang aller modernen amerikanischen Literatur. Mark Twain starb vor 100 Jahren, am 21. April 1910.

Der Schauplatz dieser Geschichte im Zeitraum von 1830 - 1853 ist das fiktive Städtchen Dawson´s Landing, am Rande des Mississippi. Der junge Jurist David Wilson will in dieser Sklavenhalterstadt sein berufliches Glück finden, wird aber wegen einer dummen Bemerkung von seinen Mitbürgern nicht als Rechtsanwalt angenommen.

Wilson schlägt sich mit bescheideneren Arbeiten als Wirtschaftsprüfer und Landvermesser durch und frönt ansonsten seinen exzentrischen Hobbys, zu denen die Beschäftigung mit den Fingerabdrücken aller Bewohner des Städtchens gehört. Wilson gilt als schrullig, als leicht verrückt. Am Ende aber ist er nach einem filmreifen Showdown im Gerichtsaal der große Sieger, weil er einen Mörder überführen konnte.

Die Verlierer, die tragischen Figuren in dieser Tragikomödie, sind die Sklavin Roxana und ihr Sohn Chambers, den sie als Säugling mit dem gleichaltrigen Kind ihres Herrn vertauscht hat – aus Angst, ihr Sohn könnte in den Süden verkauft werden. Roxana ist nur zu einem 16. Teil schwarz, das ändert jedoch nichts daran, dass sie zu den "Niggern" gehört, genau wie ihr Sohn, der nur zu einem 32. Teil schwarz ist. Dieser nach außen hin weiße Sohn wächst nun als "Tom" heran, wird ein egoistischer und grausamer junger Mann. Seine wachsenden Spielschulden machen ihn bald zu einem Kleinkriminellen. Als ein adliges Zwillingspaar aus Italien - Angelo und Luigi Capello - nach Dawson´s Landing kommt, gerät die Handlung außer Kontrolle. In einem spannungsreichen, beschleunigten Erzähltempo kommt es zu Verwechslung, Betrug und zu einem Mord.

Mark Twain veröffentlichte seinen "Pudd´nhead Wilson. A tale " (so der amerikanische Originaltitel") im Jahre 1894 in gleich drei Versionen. Mal akzentuierte er im Titel die italienischen Zwillinge, dann wieder den Querkopf und Spinner Wilson, der zwar ein Verbrechen auflöst, tatsächlich aber nicht unbedingt die zentrale Figur in der Geschichte ist.

Auch gattungstechnisch ist die Erzählung vielschichtig. Mark Twain vermied den Begriff "Roman"; brachte stattdessen in einem ursprünglichen Buchtitel ("The tragedy of Pudd´nhead Wilson and the Comedy of those extraordinary twins") sowohl die Komödie als auch die Tragödie ins Spiel. Und beides lässt sich hier finden.

Einerseits wird in diesem Buch der gnadenlose Rassismus des Südens in der Zeit vor dem Bürgerkrieg thematisiert und verurteilt. Andererseits ist brillant und humorvoll ausgeschmückt, welche Komik entsteht, wenn ein exotisches Pärchen aus Italien in ein verschlafenes amerikanisches Nest gerät. Satire und Witz neben scharfer Gesellschaftskritik – diese scheinbar mühelose Verbindung ist die große Kunst von Mark Twain und es ist ihm auch mit diesem Buch virtuos gelungen, beides zu vereinen.

Insofern ist die Wiederentdeckung von ´"Pudd´nhead Wilson" sehr zu begrüßen. Vielleicht hätte man nur beim deutschen Titel dieser neu überarbeiteten Übersetzung von Reinhild Böhnke doch bei der ursprünglichen Version aus dem Jahr 1986 bleiben sollen. Da hieß das Buch noch etwas unprätentiöser "Wilson der Spinner".

Besprochen von Olga Hochweis

Mark Twain, Knallkopf Wilson,
aus dem Amerikanischen von Reinhild Böhnke, mit einem Nachwort von Manfred Pfister,
Manesse Verlag, Zürich 2010, 320 Seiten, 19,95 Euro

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