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Fazit / Archiv | Beitrag vom 16.06.2006

Vom Rinderzüchter zum Lyriker

André Schinkel erhält den Ringelnatz-Nachwuchspreis

Von Martina Nix

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Des Dichters Werkzeug (Stock.XCHNG / Christy Thompson)
Des Dichters Werkzeug (Stock.XCHNG / Christy Thompson)

Alle zwei Jahre wird der Joachim-Ringelnatz-Preis zusammen mit dem Nachwuchspreis in Cuxhaven verliehen. Die diesjährige Wahl für den Nachwuchspreis war eine Überraschung: Hauptpreisträger Wolf Biermann bestimmte Andrè Schinkel. In der DDR zum Rinderzüchter ausgebildet hat der Hallenser Lyriker mittlerweile zwölf Bücher veröffentlicht.

André Schinkel wohnt Parterre, mitten im denkmalgeschützten Paulus-Viertel in Halle. Vom Flur gleich rechts geht sein Arbeitszimmer ab, ein enger Schlauch – vielleicht vier mal zwei Meter. Auf dem schmalen Schreibtisch an der Wand, steht ein alter Computer. Hier sitzt André Schinkel oft, auch wenn er nicht schreibt. Denn die Arbeit eines Lyrikers besteht eben, wie er sagt, zu einem gewissen Teil aus Rumsitzen und Gedanken einfangen.

"Es gibt natürlich den gegenteiligen Fall, wo man gewillt ist, sich in der Welt zu vergnügen oder mal Luft zu holen und dann fallen einem Verse ein, die man unbedingt aufschreiben muss, und die schreibt man dann überall hin, wo was hinzuschreiben geht, wenn man gerade kein Papier in der Hand hat, das ist eben der andere Fall, dieses das Kontemplative völlig ausgeschaltet, wo es wirklich diese, dass man wie als Medium fungiert für den Ausnahmezustand im Kopf oder eben im Äther darüber, man will es ja gar nicht so genau wissen."

Mit 15 schrieb Schinkel– wie es sich für einen Pubertierenden gehört – aus Liebeskummer sein erstes Gedicht. Ans professionelle Schreiben dachte er da noch nicht. So begann er 1988 erstmal in Halle eine Lehre zum Rinderzüchter mit Abitur, eine spezielle Ausbildungsform der DDR. Als Schinkel drei Jahre später seinen Abschluss machte, gab es die DDR nicht mehr und auch keinen Arbeitsplatz für den Ausgebildeten. Zwar ahnte er da schon, dass das Schreiben immer wichtiger werden würde, hätte aber dennoch gern als Rinderzüchter gearbeitet, auch wenn das hieß um halb vier aufstehen, den Stall ausmisten und Kühe melken.

"Für mich war 89 ne wichtige Erfahrung, natürlich auch ne Emanzipierung des Kopfes, irgendwann muss man sich eben zur Freigeistigkeit entscheiden und dafür ist so ein Fanal am Ende der Kindheit und in der Blüte der Jugend was sehr Prägendes. Es ist, denke ich, in der Zeit das wichtigste Ereignis gewesen mit all seinen Problemen, die es mit sich bringt, Verwischungen und Verwacklungen, ja auch den Teilungen der Geteiltheit, dieser inneren Zerrissenheit, die das Land ja bis heute mit sich rumschleppt."

Der alte Sessel ächzt ein wenig als sich der kleine, füllige Lyriker hineinsetzt. Immer wieder streicht er mit seiner rechten Hand die braunen Haare zurück, während die Sätze beinahe druckreif in gleichmäßigem Ton aus ihm herausströmen. Dabei verzieht er kaum eine Miene. Nur ab und an blitzen seine braunen Augen auf.

"Letztlich geht's in der Lyrik nur um ganz wenige Dinge - die klassischen Themen: Liebe, Tod, Verfall, Sexualität, Sehnsucht nach Sexualität, natürlich, das sind ganz wichtige Dinge, da die Lyrik auch ein ganz sinnlicher Vorgang ist, und natürlich ganz fein eingesprenkelt und eingestreut auch Glücksmomente. Aber das Glück ist eigentlich keine Sache, die im Gedicht verhandelt werden muss. Wenn man glücklich ist, soll man Biertrinken gehen oder sich mit Freunden treffen."

Er will keine rein humorvollen Gedichte schreiben. So etwas interessiert den 1972 in Eilenburg bei Bitterfeld geborenen nicht. Genauso wenig will er den Zeitgeist in seinen Zeilen einfangen. Gegenwartsautoren wie Wolfgang Hilbig und Gerd Neumann haben ihn darin bestätigt, dass man auch heute noch Texte schreiben kann, die sich, wie er sagt, außerhalb der Zeit befinden. E-Mail- oder SMS-Gedichte sind seine Sache nicht.

"Augen die Alter"
"Das erstaunlichste ist, seine Kinder zu lieben ehe sie da sind und genervt sein von der eigenen Liebe, weil sie anders vorausgesagt war, dieses Leuchten der Lichtmeteore jenes unverlöschliche Blau, welches umkippt in Blaugrau …"

Während Schinkel liest, machen sich seine beiden Töchter, die siebenjährigen Zwillinge, bettfertig.

Ohne diese und seine Frau– so glaubt er heute – wäre er ein Dauerstudent im 67. Semester geworden und hätte sein Studium der Germanistik und Archäologie, das er 1992 in Halle aufnahm, nie beendet. Die schlanke Labor-Assistenten, die er vor zwölf Jahren kennen lernte, hat ihm beigebracht, sein alltägliches Leben zu organisieren. Durch sie und den familiären Alltag erhält er Einblicke ins Leben, wie er sagt, die allein am Schreibtisch gar nicht möglich wären.

Zwölf Bände hat Schinkel bisher veröffentlicht – hauptsächlich Lyrik, aber auch Essays und Prosa mit so viel versprechenden Titeln wie "Karawane des Schlafs", "Herzmondlegenden" oder eben "Nachricht von Fleisch der Götter".

Leben kann Schinkel von seinen Publikationen und Lesungen nicht. So arbeitet er außerdem als Redakteur für Literaturzeitschriften.

Auch wenn Schinkel stark in den Kulturbetrieb Halles eingebunden ist, den Austausch mit anderen Autoren pflegt, und jetzt durch den Ringelnatz-Nachwuchspreis auch bekannter werden wird, bleibt der Job eines Dichters, wie er sagt, doch ein sehr einsamer.

"Inzwischen ist es so, dass ich mit diesem Schicksal mal umgehen muss, wenn ich nun mal zur Literatur verdammt bin, dann bleibt mir auch nichts anderes übrig, dann hätte ich also vorher schon, viel, viel zeitiger abbiegen müssen und hätte die Sache aufgeben müssen und Bankkaufmann werden, dann muss man eben Lyriker bleiben, ist ja letztlich auch eine Gnade, eine Gnade mit dunklen Seiten, aber es gibt Schlimmeres."

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