Seit 11:05 Uhr Tonart

Mittwoch, 21.11.2018
 
Seit 11:05 Uhr Tonart

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.01.2012

Vom Netz auf die Straßen

Wael Ghonim: "Revolution 2.0", Econ, Berlin 2012, 382 Seiten

Podcast abonnieren
Vor allem junge Leute zogen zunächst auf den Tahrir-Platz, organisiert im Imnternet. (picture alliance / dpa)
Vor allem junge Leute zogen zunächst auf den Tahrir-Platz, organisiert im Imnternet. (picture alliance / dpa)

Wael Ghonim organisierte mit Hilfe von Facebook den Widerstand gegen das Mubarak-Regime. Pünktlich zum Jahrestag erscheint nun seine Rückschau auf diesen Umbruch als Buch, unter dem Titel: "Revolution 2.0", in der er seine Erfahrungen und Erlebnisse beschreibt.

Er war eine Schlüsselfigur in der ägyptischen Revolution: der Internet-Aktivist Wael Ghonim. Im Sommer 2010 gründete er die Facebook-Gruppe "We are all Khaled Said" - und organisierte von dort aus den Widerstand gegen das Mubarak-Regime. Pünktlich zum ersten Jahrestag des Sieges über die Diktatur hält er nun aus ganz persönlicher Sicht Rückschau auf den Umbruch in Ägypten.

Anfangs macht es Wael Ghonim dem Leser nicht leicht mitzugehen. Sein Bericht setzt weit vor dem Sturz Mubaraks an. Er lässt seine Kindheit Revue passieren, beschreibt die frühe Begeisterung für die Online-Welt und die letzten Jahre vor der Revolution, als er Informatik studierte, bei Internet-Startups mitmischte und schließlich als Marketingchef zu Google kam. Als "early adapter" des Internets hatte er sich - ohne es zu ahnen - die Kenntnisse für seinen späteren Netzaktivismus angeeignet. Seine persönlichen Schilderungen verknüpft er jedoch in den ersten Kapiteln mit langen Ausführungen über die Geschichte Ägyptens und die politischen Kräfteverhältnisse während der Mubarak-Herrschaft. Das ist trockener Geschichtsunterricht pur - gut gemeint, aber leider ohne neue Fakten und auch nicht spannend.

Mit der einsetzenden Dramatik der Ereignisse ab Mai 2010 nimmt jedoch auch Wael Ghonims Rückschau an Fahrt auf. Hier wird das Buch zum versprochenen Insiderbericht. Der brutale Mord am Blogger Khaled Said - erschütternde Fotos davon kursierten im Internet - hatte eine Zäsur im Leben Wael Ghomins gesetzt. Eindrucksvoll beschreibt er, wie er sich nach und nach vom unpolitischen Querdenker hin zum politischen Aktivisten wandelte. Fast minutiös lässt er den Leser teilhaben an seinen Aktivitäten auf Facebook, die schließlich ein halbes Jahr später in den entscheidenden Massenprotesten auf der Straße mündeten. Zu diesem Zeitpunkt ist Wael Ghonim bereits Gefangener der Staatssicherheit. Packend wie ein Thriller, aber auch erschreckend zu lesen, welchen Torturen er - als einer von vielen politischen Gefangenen - zwölf Tage lang im Kerker ausgeliefert war.

"Revolution 2.0" besticht durch seine Authentizität und durch das Charisma, das Wael Ghonim ausstrahlt. Immer wieder gibt er Einblick in sein Gefühlsleben und erklärt die Beweggründe für sein Handeln, schreibt von seinen Ängsten, das Regime könnte am Ende siegreich sein. Man spürt förmlich, wie er für seine Sache brennt. Faszinierend zu lesen, wie virtuos er sein Wissen um digitale Techniken, aber auch seine Marketing-Erfahrungen nutzen kann, um Massen zu mobilisieren und gleichzeitig die nötige Geheimhaltung zu wahren, um einzelne Menschen zu schützen - ein Glücksfall. Gleichzeitig zeichnet er eine Blaupause davon, wie eine Revolution mit Hilfe des Internets verlaufen könnte. Wael Ghonim ist inspirierend, sein Bericht macht Mut. Das ist gerade in diesen Tagen wichtig, in denen das Militär in Ägypten wieder brutal Demonstranten jagt und sich zeigt, dass der demokratische Prozess im Land erst am Anfang steht.

Besprochen von Vera Linß

Wael Ghonim: Revolution 2.0. Wie wir mit der ägyptischen Revolution die Welt verändern
Aus dem Amerikanischen von Stephan Gebauer und Barbara Kunz
Econ, Berlin 2012
382 Seiten, 18 Euro

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur