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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 21.01.2011

Vom Neonazi zum Israel-Erklärer

Wie ein früherer Rechtsextremer zum Judentum findet

Von Gerald Beyrodt

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Aus einem ehemaligen NPD-Anhänger wird ein Aufklärer (AP)
Aus einem ehemaligen NPD-Anhänger wird ein Aufklärer (AP)

Jörg Fischer-Aharon war als Jugendlicher Mitglied bei NPD und DVU, verteilte Handzettel und machte rechte Öffentlichkeitsarbeit. Heute bietet der 40-Jährige Seminare gegen Rechts an und gibt ein deutsch-israelisches Internetportal heraus.

Diesen Lebensweg hat sich Jörg Fischer nicht träumen lassen: von der NPD-Schülerzeitung zur deutsch-israelischen Internetplattform, von rechten Parolen zur jüdischen Religion. Mit 13 wurde Jörg Fischer für die NPD angeworben. Eigentlich wollte der Junge nur einen Antrag beim Versorgungsamt abgeben, weil er Diabetiker war. Dann fragte ihn der Sachbearbeiter aus, wie es denn in seinem Stadtviertel mit den Ausländern sei. Außerdem gab er ihm Zeitungen und Flugblätter der NPD mit und lud ihn später telefonisch zu einem Stammtisch der Jugendorganisation ein.

"Das Faszinierende war nicht das Ideologische, das Politische am Anfang, sondern es war so das Gefühl, das einem vermittelt wird: dieses Gefühl von Anerkennung, Dazugehören, und das war für mich als 13-Jährigen auch insofern besonders beeindruckend oder prägend oder faszinierend, weil dieses Gefühl wurde mir von Leuten gegeben, die alle ein paar Jahre älter waren. Also genau die Altersgruppe, von der man als 13-Jähriger Anerkennung will, wo man gerne dazugehören will."

1991 stieg Jörg Fischer aus der rechten Szene aus. Die Fernsehbilder von brennenden Asylbewerberheimen hatten den 19-Jährigen alarmiert. Hinzu kam, dass Jörg Fischer schwul war und dass Homosexualität in rechten Kreisen verachtet wurde. Der Ausstieg hat lange gedauert, erzählt der heutige Journalist, und sei so schwierig gewesen wie bei einer Sekte.

"Du musst ja nicht nur Überzeugungen überdenken, sondern du musst dich ja auch mit Gefühlen auseinandersetzen. Welches Gefühl habe ich, wenn ich auf der Straße jemanden sehe, der beispielsweise eine dunkle Hautfarbe hat? Habe ich ein Gefühl der Bedrohung? Oder habe ich schlicht und ergreifend gar kein Gefühl - als wenn jemand läuft mit einer hellen Hautfarbe."

Vier Jahre nach seinem Ausstieg aus der Szene fühlte sich Jörg Fischer so weit, öffentlich über seine Erfahrungen zu sprechen. Inzwischen hat er unzählige Podiumsdiskussionen, öffentliche Reden und Fernsehauftritte hinter sich. Wenn er über Politik spricht, ist die Erfahrung als Redner zu spüren. In den letzten Jahren wendet er sich besonders gegen islamistischen Antisemitismus und hat zum Beispiel Proteste gegen den Al Quds-Tag in Berlin zusammen mit anderen initiiert - den Tag, an dem Islamisten die muslimische Eroberung Jerusalems fordern.

"Das ist auch dahin gehend eine Herausforderung, weil diese Leute ja ein Gesellschaftssystem anstreben nach Vorbild des Irans und nach Vorbild des Gazastreifens, das schlicht und ergreifend mit einer demokratischen zivilisierten Gesellschaftsordnung nicht vereinbar ist. Es ist mit einer zivilisierten Gesellschaftsordnung nicht vereinbar, Frauen zu steinigen, Schwule aufzuhängen, Leuten die Hand abzuschlagen – und Leute, die so eine Gesellschaftsordnung anstreben, sind eine Herausforderung für die demokratische Zivilgesellschaft, mit der man sich auseinandersetzen muss."

Nach seinem Ausstieg aus der rechten Szene erfuhr Jörg Fischer von seiner Mutter, dass sein Großvater Jude war. Er war im Konzentrationslager umgekommen. Mehr wusste die Mutter nicht. Jörg Fischer fing an, Bücher über die jüdische Religion zu lesen und besuchte die Nürnberger Synagoge. Zwei ältere Gemeindemitglieder hatten noch Erinnerungen an den Großvater: Er war Kaufmann von Beruf und wanderte gerne.

Das Judentum hat Jörg Fischer-Aharon so sehr fasziniert, dass er sogar konvertieren möchte. Von seinem israelischen Lebenspartner hat er sich inzwischen getrennt, den Namen Aharon hat er behalten. Besonders gefällt ihm der Pluralismus am Judentum. Dass auf Talmudseiten oft kontroverse Diskussionen ausgetragen werden. Und ihm gefällt, dass die jüdische Religion jeden einzelnen Menschen zum Handeln auffordert.

"Dieses Sehen der Eigenverantwortlichkeit, auch das Sehen des einzelnen Menschen. Das findest du ja eigentlich sehr selten, also auch bei vielen Religionen ist immer so dieser Kollektivismus im Mittelpunkt Was überhaupt nicht zu der Vorstellung passt, dass es einen schöpfenden Gott gibt, dass er dann in Kollektiven denkt, also auch nicht unbedingt dieser leichte Weg, du musst einfach nur glauben und nachreden."

Und das sind Grundsätze, die auch für Jörg Fischer-Aharons politisches Engagement wichtig sind: Denn an die Verantwortung des Einzelnen appelliert er, wenn er Demonstrationen organisiert,
Reden hält und Seminare anbietet.

www.haolam.de

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