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Lesart / Archiv | Beitrag vom 09.04.2012

Vom Mythos leben, nicht von der Stückzahl

Der "März"-Verleger Jörg Schröder: "Immer radikal, niemals konsequent"

Rezensiert von Florian Felix Weyh

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Vom stressigen Buchgeschäft hat sich Jörg Schröder zurückgezogen, aber nicht vom Schreiben (AP)
Vom stressigen Buchgeschäft hat sich Jörg Schröder zurückgezogen, aber nicht vom Schreiben (AP)

Nirgendwo sonst wird die alte westliche Bundesrepublik so wenig moralinsauer und so liebevoll sarkastisch von links seziert wie bei Jörg Schröder, der den März Verlag gründete. Für alle, die diesen freien Kopf und anarchischen Geist nicht kennen, bietet ein Reader den passablen Einstieg.

"Wer Namen nennt, Institutionen provoziert, heilige Kühe schlachtet, eben nicht nur scheinbar gegen den Strom schwimmt, sondern dies aus Prinzip und Gewohnheit tut, kann keine sensationellen Umsätze erwarten."

Klingt so eine Bestseller-Spürnase, ein epochemachender Verleger, der in seiner großen Zeit weder Kritik noch Staatsanwälte fürchtete? Ja, wenn er das dritte Stadium seiner Karriere erreicht hat, die Gesundschrumpfung zu einem exklusiven Niedrigauflagen-Projekt. Seit über 20 Jahren publiziert Jörg Schröder mit Barbara Kalender zusammen »Schröder erzählt«, eine lediglich im Abonnement erhältliche Endlos-Chronologie des bundesdeutschen Gesellschaftslebens. Zu erzählen und zu enthüllen hat Schröder, der 1969 den März Verlag gründete und zum Flagschiff der Studentenbewegung machte, noch immer viel – so viel, dass selbst ein kleiner Ausschnitt in Buchform 300 faszinierende Seiten füllt. In jedem Antiquariat stechen noch immer die gelben März-Bücher – Romane, politische Traktate, sexuelle Revolutionspostillen – mit ihrer fetten roten Titulatur ins Auge – und zumindest ein Titel hat sehr weite Verbreitung gefunden:

Neulich, nach einer ›März Akte‹-Filmvorführung, kam ein Ehepaar auf mich zu, um die 65, sie eine nette kompakte Frau, er hatte ein buntes Ethnokäppchen auf der Birne und stellt sich vor: »Schmitz. Wissen Sie überhaupt, dass wir Ihnen unsere Aufklärung verdanken?«
»Nö, wieso?«
»Na, ›Sexfront‹!«
»Ach, Sie haben damals das Buch gekauft?«
»Nein, nein, unser Sohn ...«

Der war Pennäler, hatte ›Sexfront‹ unter der Bank gelesen und wurde vom Pauker erwischt: Pornografie! Man bestellte die Eltern zum Direktor, es gab Aufregung, weil ihr Christian etwas Obszönes in der Schule verbreitet hatte. Sie bekamen das Corpus delicti ausgehändigt, um dem Filius den Marsch zu blasen. »Und«, sagte Herr Schmitz, »wir haben ›Sexfront‹ gelesen! Seitdem hat sich unser Leben, das heißt, unser Verhältnis zur Sexualität, verändert. Wir sind also tatsächlich über unseren Sohn aufgeklärt worden.«


Cover "März Verlag" (Philo Fine Arts)Cover "März Verlag" (Philo Fine Arts)Der flapsige Duktus ist typisch für Schröders Erzählweise, die über den Literaturbetrieb als Spiegelbild der Gesellschaft eben nicht literarisch, sondern in der Manier der Oral History berichtet. Weil Jörg Schröder im Leben nicht nur ein Aufklärer gewesen ist, sondern als Quasi-Performance-Künstler keinem Schabernack abgeneigt blieb, liest man auch so herrliche Geschichten wie die von der Anklage wegen »Porto-Defraudation«. Lenin-Briefmarken hatte der Politverleger in Umlauf gebracht – freilich nicht, um sich zu bereichern, sondern als eine der üblichen 68er-Gesten zur Brüskierung des Establishments. Man liegt wohl nicht falsch, wenn man den ersten März-Verlag – es gab ihn nach einem frühen wirtschaftlichen Kollaps in insgesamt drei Stadien – als Projekt betrachtet, die alte Bundesrepublik gründlich durchzulüften und zu entstauben.

1968 war ein großes Spektakel, der Aufstand der gelangweilten Jugend gegen eine verkrustet-veraltete Nachkriegs- und Wirtschaftswundergesellschaft, bei dem eine Menge politischer Unsinn geredet, laute Musik gehört, viel geraucht und manch wildes – auch sexuelles – Abenteuer begonnen wurde.

… schreibt der erst 1977 geborene Herausgeber Jan-Frederik Bandel im Nachwort und belegt damit die nachhaltige Wirkung, die Jörg Schröder bis heute auf nachfolgende Generationen hat. Während die meisten 68er-Protagonisten von Jüngeren rasch als nervige Dauerjugendliche empfunden wurden, blieb der in Unehren ergraute Schröder das, was der Buchtitel keck behauptet: »Immer radikal, niemals konsequent«. Falsche Parteilichkeit ist ihm ebenso zuwider wie Denkfaulheit, die Verteidigung ideologischer Bastionen oder die Reinhaltung des eigenen Bildes durch Gedächtnisklitterung und Schönfärberei. Schröder hat als Verleger viele Fehler gemacht und berichtet lustvoll davon. Diese Erzähllust macht den Spaß an der Lektüre aus, während die jenseits des Aufklärungsbuchs »Sexfront« auf pure Lust zielende März-Pornografie der 68er-Jahre, heute fast putzig wirkt. Sie trug Schröder allerdings zahllose Prozesse ein, die er zuweilen durch kunsthistorische Volten gewann. Bei »Lucys Lustbuch« muss man sich einen Auftritt vor Gericht etwa so vorstellen:

Herr Professor Adrian wird nachweisen, dass das Buch ein Kunstwerk ist. Er wird über jede Seite Decker aus Pergamentpapier legen und mit Parabeln, Kreisen und Tangenten nachweisen, dass der formale Aufbau eines jeden ›Lucy‹-Bildes, die Gliederung, Reihung, Symmetrie und Anordnung, den Tableaus von Botticelli, Carpaccio, Caravaggio, Correggio oder Tintoretto entspricht. Er wird darauf hinweisen, dass die Anordnung der Figuren in der Diagonale oder im Dreieck sowie die Verhältnisse von Vorder-, Mittel- und Hintergrund kongruent sind mit Kompositionen von Brueghel, El Greco, Altdorfer oder mit Hans Baidung Grien korrespondieren.« Womit ich nicht einmal bluffte.

Als Jörg Schröder nach einem Herzinfarkt 1990 das verlegerische Mengengeschäft zugunsten des Abonnentenmodells aufgab, prägte er den Slogan: »Vom Mythos leben und nicht von der Stückzahl.« Dass ihm dies gelang, ist gar nicht erstaunlich, denn nirgendwo sonst wird die alte westliche Bundesrepublik so wenig moralinsauer und so liebevoll sarkastisch von links seziert. Für alle, die diesen freien Kopf und anarchischen Geist nicht kennen, bietet der vorliegende Reader einen passablen Einstieg. Nach der Lektüre ist man Schröder dann dankbar für die Einsicht der frühen Jugendjahre, das Wesentliche für einen Künstler sei der Entschluss, es zu werden, während die ästhetischen Realisate lediglich Grenznutzen dieser Entscheidung seien. Fürs Publikum besteht der Grenznutzen des schreibenden März-Verlegers aus einer Geschichtsschreibung, die erhellender als jede offizielle Verlautbarung ist.

Jan-Frederik Bandel, Barbara Kalender, Jörg Schröder: Immer radikal, niemals konsequent
Der März Verlag – erweitertes Verlegertum, postmoderne Literatur und Business Art
Philo Fine Arts, 332 Seiten, 20 Euro

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