Seit 01:05 Uhr Tonart

Mittwoch, 22.01.2020
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Lesart / Archiv | Beitrag vom 23.12.2012

Vom Monarchisten zum Bundesbürgerpräsidenten

Peter Merseburger: "Theodor Heuss: Der Bürger als Präsident"

Peter Merseburger im Gespräch mit Florian Felix Weyh

Podcast abonnieren
"Gut rasiert im zweiten Glied, s’ isch’s Beschte": Theodor Heuss, der erste Bundespräsident. (AP)
"Gut rasiert im zweiten Glied, s’ isch’s Beschte": Theodor Heuss, der erste Bundespräsident. (AP)

Theodor Heuss war in jungen Jahren Monarchist, stimmte für das Ermächtigungsgesetz der Nazis – und gab später dem demokratischen Deutschland ein Gesicht. Einen "typischen Deutschen" nennt Peter Merseburger das erste Staatsoberhaupt der Bundesrepublik. Seine umfassende Biografie von Theodor Heuss ist auch eine Geschichte des deutschen Liberalismus.

Florian Felix Weyh: Im Studio begrüße ich jetzt den Journalisten und Publizisten Peter Merseburger. Er ist Autor preisgekrönter Biografien. Geschrieben hat er über Kurt Schumacher, Willy Brandt, Rudolf Augstein. Und nun ist Theodor Heuss dazu gekommen. Schönen guten Tag, Herr Merseburger.

Peter Merseburger: Guten Tag, Herr Weyh.

Weyh: Zu Beginn der Sendung hörten wir Theodor Heuss’ Stimme und es war deutlich, dass er auch im Amt seine schwäbische Herkunft nicht so richtig verbergen konnte. Ein weiteres Zitat von Heuss in Ihrem Buch, Herr Merseburger – ich versuche es mal ganz authentisch wiederzugeben – lautet: "Gut rasiert im zweiten Glied, s’ isch’s Beschte".

War Heuss, wie Helmut Kohl, ein Mann der Provinz, der mit den Metropolen so ein bisschen fremdelte? Er war vielleicht sogar ein Mann, der gar nicht an die Spitze wollte. Das würde ihn dann von Kohl unterscheiden. Oder war er ein weltläufiger Geist, vielleicht sogar ein Intellektueller?

Cover Peter Merseburger: "Theodor Heuss. Der Bürger als Präsident" (DVA)Cover Peter Merseburger: "Theodor Heuss. Der Bürger als Präsident" (DVA)Merseburger: Er war kein Mann der Provinz, um das vorweg zu sagen. Er hat zu lange, viel zu lange in Berlin gelebt und hat ja als Journalist gearbeitet. Aber das Provinzlerische an Heuss, das man so gerne heraushebt, ist natürlich a) dieser – Augstein hat das mal den Sommerfrischedialekt genannt – Schwäbische, dieses Gemüthafte, vorgetragen mit einem Orphischen Bass. Das hat sich den Bundesbürgern natürlich eingeprägt. Man darf ja nicht vergessen, 1949 war die Demokratie nicht beliebt. Weimar war Vielen in Erinnerung als gescheitertes demokratisches Experiment und Symbol und Synonym für Parteienstreit und keine Ergebnisse. Dann kam die nationalsozialistische Indoktrination, die ja das ihre beigetragen hat, im Grunde die Demokratie verächtlich zu machen. Ganz sicher war Heuss der Mann, der im Grunde artikulationsfähig war, das war ja Adenauer nicht. Adenauer war kein Mann des Worts. Heuss war der Mann, der der Demokratie das Gesicht gegeben hat und der auch geholfen hat, dass sie Wurzeln schlug.

Weyh: Nun ist das ja interessant: Heuss, geboren 1884, war 30 Jahre alt, als der Erste Weltkrieg begann, also ein Mann, der komplett politisch, kulturell sozialisiert war im Kaiserreich. Und er war auch überzeugter Monarchist.

Merseburger: Das war er, aber das waren viele. Das war auch Max Weber, und das war das halbe Zentrum. Max Weber hatte die Theorie: 'Ich bin für eine konstitutionelle Monarchie britischen Musters. Dann kann nie Parteienstreit über die Staatsspitze kommen. Die Staatsspitze ist dann immer gut aufgehoben, aber regiert wird vom Volk.' Und so kann man natürlich auch Monarchist sein. In dem Sinn war Heuss Monarchist, hat aber 1918 sich sofort auf den Boden der Republik gestellt, weil er sah, dass dadurch, dass der Kaiser sich nach Holland verdrückt hatte, eigentlich der Gedanke der Monarchie so beschädigt war, dass es sinnlos war, irgendwie an ihm festzuhalten.

Weyh: Er war aber gleichzeitig immer schon als ganz junger Mann, 19-, 20-jähriger, ein Liberaler, also im Kern, im Nukleus tatsächlich auch ein Demokrat. Was ist das für eine Geschichte, wie hat ein so junger Mann den Weg dann auch sehr schnell nach Berlin und ins Zentrum der Politik geschafft?

Merseburger: Heuss ist im Grunde durch seinen großen Lehrmeister Friedrich Naumann nach Berlin gekommen und wurde dessen Redakteur bei einem Blatt namens "Hilfe". Friedrich Naumann ist eine etwas ambivalente Figur, ein Pastor, der sich in die Politik verirrte, würden Bösartige sagen. Er hat sich mehrfach gehäutet und wurde zu einem Liberalen. Aber er war gleichzeitig ein Mann, der so genannter liberaler Imperialist war.

Weyh: Diese Wortverbindung kann man sich heute gar nicht mehr denken. Was ist ein liberaler Imperialist, einer, der Kolonien haben will?

Merseburger: Genau, einer der Kolonien haben will, der deutsche Weltgeltung haben will und der auch die Vorstellung von einem sozialen Kaisertum hat.

Weyh: Dann war ja im Grunde, wenn man es so sehen will, die große Zeit der Liberalen tatsächlich die Weimarer Republik. Es gab immer eine Beteiligung der Liberalen an den politischen Geschehnissen. Es gab viel Input da. Gleichzeitig, wenn wir heute national-sozial hören, hören wir natürlich sofort das Wort nationalsozialistisch. Es lag alles ein bisschen viel enger beieinander, als man sich das heute vorstellen kann. Und dann kam der schlimme Lapsus in Heuss’ Leben. Er war im Reichstag 1933 noch als Splittergruppe gewählt, mit vier weiteren Kollegen, fünf Abgeordnete, auf der Liste der SPD, in einer Listenverbindung. Und er hat dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt – sein größter Fehler, wie er selber zugab.

Merseburger: Er hat gesagt, das ließe sich aus seinem Leben nie wieder auslöschen. Er wusste, als er dafür stimmte, dass er einen Fehler begeht, und dass der ihn sein Leben lang plagen wird. Aber er wollte nicht abweichen von der Mehrheit dieser kleinen winzigen Fünf-Mann-Fraktion. Und diese wieder wollte nicht als einzige bürgerliche Partei gegen das Ermächtigungsgesetz stimmen. Das Interessante ist, dass Heuss nach dem Krieg dann zwar eingestanden hat, dass er einen großen Fehler begangen hat, aber er wollte nicht anerkennen, dass dieses Ermächtigungsgesetz irgendetwas bedeutet hätte. Diese Abstimmung, hat er gesagt, hat niemandem geschadet. Meine Stimme hat nichts bewirkt.

Weyh: Nun könnte man ja denken, dass Heuss mit diesem Akt der Anpassung es hätte leichter haben können im Dritten Reich. Er hat aber trotzdem kurz vorher schon, 1932, ein Buch geschrieben über Hitlers Weg, ein sehr scharfes Buch, das selbst in Goebbels Tagebüchern auftaucht und wo Goebbels zugibt, das sei nicht dumm, aber es würde ihm ganz schön schaden. Dann schreiben Sie auch, mit Joseph Goebbels legt er sich an. Wenn er schreibt, "das Seelenbild des kleinen Rheinländers schreit nach Psychoanalyse", da macht man sich mächtige Feinde. Trotzdem ist ihm weniger passiert, als man annehmen könnte.

Merseburger: Das stimmt. Heuss hat das erste, wirklich gründliche Buch über Hitler geschrieben – weltweit. Und es wurde in mehrere Fremdsprachen übersetzt. In Deutschland war es schon verboten. Es wurde ja verbrannt mit einem anderen Buch von Heuss, in dem er Ebert gelobt hatte, und kam an den Schandpfahl bei der Bücherverbrennung. Also, Heuss war kein Freund der Nazis. Er hat auch im Reichstag mit ihnen abgerechnet in einer großen langen Rede, aber er hat in ihnen auch in seinem Buch das wirklich Kriminell-Gefährliche, Dynamische gesehen. Auch das Verführerische, das von dem Hitler ausging, das hat er nicht gesehen. Er war ein Mann der inneren Emigration, aber er war natürlich auch ein Großdeutscher, der wie alle Liberalen die Anfangserfolge der hitlerschen Außenpolitik, nämlich was die Revision von Versailles anging, die hat er bejaht. Und das hat eigentlich fast die Mehrheit aller bürgerlichen Deutschen bejaht. Insofern war Heuss, wenn Sie wollen, ein typischer Deutscher, aber ein Anti-Hitler-Mann.

Weyh: Wir könnten jetzt stundenlang weiterreden. Sie haben ein Buch von 670 Seiten geschrieben. Man lernt sehr viel auch über die Herkunft des Liberalismus und die Streitereien der einzelnen Flügel. Wenn man heute die FDP ansieht, hat man das Gefühl, das ist alles schon vor 100 Jahren sozusagen angelegt gewesen, dass der linke und der rechte Flügel nicht miteinander können. Wie immer hat ein Studiogast in der Lesart zwar keinen Wunsch, aber einen Tipp frei. Zu welcher Lektüre würden Sie unseren Hörern jetzt über die Weihnachtszeit raten, Peter Merseburger?

Merseburger: Auf die Gefahr hin, ein bisschen altmodisch zu erscheinen, würde ich Franz Werfels "Der Stern der Ungeborenen" empfehlen. Das ist eine Science-Fiction-Geschichte, wenn Sie so wollen, von Franz Werfel. Und sie spielt in Kalifornien nach der Erfindung des Nylon. Und Sie finden dort viele Dinge, die in die heutige Diskussion über die Entwicklung etwa des Weltklimas passt.

Weyh: Unser Studiogast Peter Merseburger empfahl Franz Werfels "Stern der Ungeborenen", als Taschenbuch erhältlich im S. Fischer Verlag. Und sein Buch, über das wir sprachen, heißt "Theodor Heuss. Der Bürger als Präsident", 670 Seiten ist es stark und in der Deutschen Verlagsanstalt erschienen.


Peter Merseburger: Theodor Heuss. Der Bürger als Präsident. Biographie
Deutsche Verlagsanstalt München

Lesart

weitere Beiträge

Buchkritik

Sigrid Nunez: "Der Freund"Auf den Hund gekommen
Das Bild zeigt das Cover von Sigrid Nunez neuem Roman "Der Freund", in dem die Autorin pointierte Seitenhiebe gegen die literarische Szene verteilt. (Aufbau Verlag / Deutschlandradio)

Nach dem Suizid eines Schriftstellers übernimmt dessen ehemalige Schülerin und Vertraute seinen Hund. In "Der Freund" bietet Sigrid Nunez eine ausgefeilte Handlung und starke Charaktere - ein Roman über Trauer, Freundschaft, Liebe, Erinnerungen und Vergessen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur