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Lesart / Archiv | Beitrag vom 27.03.2015

Vom guten Ansäen (5)Die Stille des Keimens

Von Steffen Kopetzky

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Fliege auf Blume (picture alliance / dpa / Ina Fassbender)
Fliege auf Blume (picture alliance / dpa / Ina Fassbender)

"Ein Garten kann auf alle mögliche Weise angelegt werden; die beste ist wohl die, einen Gärtner zu nehmen." Dieses Zitat von Karel Capek setzt der Schriftsteller Steffen Kopetzky an den Beginn seiner Originaltöne in dieser Woche.

Nach dem Aufstehen, in Pyjama und Morgenmantel, gehe ich nun, noch ohne Kaffee und Brot genossen zu haben, bettentstiegen zu meinen auf der hölzernen Samenbank ruhenden Schälchen, in denen Fenchel und Chilli und Wunderfrüh, Blutiger Metzger, Japanische Trüffel, Blauer Tiger und die Brissago-Tomaten keimen. Keimen sollen. Noch in der nächtlichen Dunkelheit der Dämmerung kontrolliere ich die walchenseestrombetriebene Heizmatte und freue mich über den Duft warmer Erde, der den Wintergarten erfüllt. Wieder nehme ich die, gleichfalls erwärmte Sprühflasche zur Hand und stäube über die Schälchen den fruchtenden Nebel, auf dem die sich langsam zersetzenden Fetzen Papiers liegen, mit deren Hilfe ich säte. Doch noch kann ich nicht sehen, ob das Ansäen glückt. Mehrmals am Vormittag kehre ich wieder, spähe hinab, ob sich irgendwo ein Papierlein leicht hebt oder nur ein winzig kleines Grün sich zeigt.

Die Fliege - die Energiesammlerin Gottes?

Doch zunächst gibt es nur eine Fliege, die in den Oleandern verkrochen sich hatte und über die Scheiben des Wintergartens nun surrt. Doch ihr den Weg ins Freie zu weisen wäre ihr Tod, den sie gewiss auch hinter der anderen Seite des Glases finden wird, also lass ich sie sirren und brummen und flügelhinanzerrend am Fenster entlangirren. War die Fliege nicht des Propheten Lorbers Lieblingstier? Die Energiesammlerin Gottes?

Auf einmal nehme ich die Fliege als die Ältere, die mich einlullen darf und so lege ich mich auf die selten benutzte Couch in die wärmende Sonne und blinzle einem Schlaf nach Mittag entgegen. Aufgestiegen aus der warmen Erde rinnt der eine oder andere Tropfen am freundlich dämmenden Glase hinab. Darüber döse ich ein.

Alles fast im Gartenjahr zu tuende und alles, was wir Gärtner erleben, ist schön, von den saftsaugenden Läusen des Frühlings und den Schnecken, den Allesverzehrern und Blindwütern, den leider zur Feindschaft uns bestimmten, will ich nun nicht noch einmal sprechen, aber so schön es im Ganzen auch ist, ein Gärtner zu sein, nichts ist geheimnisvoller, als die Zeit des Ansäens, in der wir nun sind.

Wann geht der Samen auf?

Wie tot waren die trockenen, dünnen, vom Wind fast verblasenen, als ich sie aus ihren Verpackungen nahm. Man mag, jedes Jahr wieder, fast nicht glauben, dass Wasser und Wärme allein ihren Aufgang vermögen. Doch bis es soweit ist, bis das Angesäte tatsächlich keimt, vergehen Tage. Jeden Morgen betrete ich, noch bevor ich hinausgehe zu den auf ihr Frühstück und das Ausgelassenwerden wartenden Kaninchen, nun den Wintergarten, den die Wärme der strombetriebenen Anzuchtmatte und das Wasserverdunsten aus den irdischen Anzuchtschalen eine dämpfig-heitere Atmosphäre verleiht.

Ich weiß, dass es ein wenig Zeit braucht, bis dass der Tag des Auskeimens kommt. Am ehesten noch kann man dies mit der Adventszeit vergleichen – wann gehen die Samen auf? Gehen sie überhaupt auf? Oder werden Fäule und Schimmel sie holen? Um dies zu verhindern lüfte ich den Wintergarten, hebe die Folien, mit denen die Schalen bedeckt sind und am granitenen Boden läuft ein dort stehender Ventilator. Doch meist herrscht die höchste Stille. Ich beuge das Ohr, schließe die Augen und manchmal vernehme ich ein Knistern – das sind die, in Wärme und Feuchtigkeit sich dehnenden Samen. Doch noch ist es nicht soweit, dass die Köpfchen der Keime sich zeigen. Nur das Knistern kann man vernehmen, das selige Tropfen und Knacken.

 

Steffen Kopetzky , aufgenommen am 15.10.2008 , auf der 60. Frankfurter Buchmesse in Frankfurt am Main (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)Der Autor Steffen Kopetzky (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)Steffen Kopetzky, der in München, Paris und Berlin Philosophie und Romanistik studierte und in seinen Romanen die ganze Welt bereiste, lebt seit etlichen Jahren wieder in Bayern auf dem Land, wo er auch als Kommunalpolitiker tätig ist. In diesem Frühjahr ist sein Roman "Risiko" erschienen.

Mehr zum Thema:

Originalton: Vom guten Ansäen - 1. Tag - Vom Erwachsen des Gärtners
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 23.3.2015)

Originalton "Vom guten Ansäen" - 2. Tag - Vom Bergen des Saatguts
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 24.3.2015)

Originalton: Vom guten Ansäen - 3. Tag - Von den Samen und ihren Namen
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 25.3.2015)

Vom guten Ansäen - 4. Tag - Erdeholen und Heizmattenanstecken
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 26.3.2015)

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