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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.05.2008

Vom Glück der Mönche

Wolf Singer/Matthieu Ricard: "Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog", Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2008, 80 Seiten

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Meditation - was bewirkt sie im Hirn?, fragen Wolf Singer und Matthieu Ricard. (AP Archiv)
Meditation - was bewirkt sie im Hirn?, fragen Wolf Singer und Matthieu Ricard. (AP Archiv)

Darüber, was die Meditation in Herz und Hirn bewirkt, diskutieren der Mönch Matthieu Ricard und der Hirnforscher Wolf Singer in ihrem Sachbuch. Trotz kluger Ausgangsfragen über die verschiedenen Zustände des Geistes bleiben die Kontroversen zwischen den beiden Freunden zuweilen an der Oberfläche und lassen vieles unbeantwortet.

Vor über 100 Jahren entstand die Psychologie als empirische Wissenschaft. Damals stritten Psychologen über zwei Erkenntniswege: den der Introspektion und den des Experimentes im Labor. Die Kontroverse wurde auch ausgetragen als die zwischen einer geistes- und einer naturwissenschaftlichen, einer verstehenden und einer erklärenden Psychologie. Dann galt, im Jahrhundert der Naturwissenschaften, der subjektive, verstehende Ansatz als erledigt.

In ihrem Buch über "Hirnforschung und Meditation" sprechen der Mönch Matthieu Ricard, ein ehemaliger Molekularbiologe, und der Hirnforscher Wolf Singer über diese beiden Wege, die Natur des Bewusstseins zu erkennen. Man freut sich zu lesen, mit welchem Respekt der naturwissenschaftliche Forscher dem Weg des meditierenden Mönches begegnet und mit welcher Offenheit der Mönch die Erkenntnisse der Hirnforschung aufnimmt.

Ricard stellt dabei klar: Er hält auch seinen Weg für Wissenschaft. Er versteht den Buddhismus nicht als Religion, weil dieser keinen Glauben kenne, sondern als eine Wissenschaft des Geistes und einen Weg der geistigen Transformation über innere Erfahrungen. Dieser Weg führe über die Schulung der Achtsamkeit dahin, in die hellen Tiefen des Geistes vorzudringen.

Beobachte man einfach alles, was den Geist bewegt, ohne darüber nachzudenken, dann begegne man ihm als reine Fähigkeit zu erkennen, die unabhängig von den geistigen Phänomenen, den Gedanken und Gefühlen, existiere. Die Inhalte des Bewusstseins seien vergänglich, aber nicht das Vermögen, sie zu beobachten.

Ein Bewusstsein unabhängig von dessen Inhalten kann sich Singer nicht vorstellen. Denn im Gehirn gebe es kein intentionales Ich, das sich der eigenen Funktionen bewusst werden könne. Neben diesen Einwand stellt Singer die Frage, ob die Kultivierung eines reinen Beobachters nicht ein gefährliches Experiment mit einer Dissoziation des Ichs sei - und das gilt in der Psychopathologie als Symptom einer Störung.

Beides bleibt in diesem Buch leider unbeantwortet. Kontroversen werden in dem Gespräch zwischen Freunden nicht vertieft. Auch die Frage von Singer, wie wir uns das kontrollierende Ich vorstellen, das willentlich versucht, "just das Organ zu verbessern, dem es sich verdankt", bleibt offen. Ricard bleibt bei der Subjektivität: Der Mönch müsse nicht einmal wissen, dass er ein Gehirn hat. Sei Weg sei ein subjektiver Weg der Geistesschulung und laute: "Üben, üben, üben", damit der Geist immer differenzierter die Gefühle und Gedanken wahrzunehmen vermag.

Singer ist offenkundig fasziniert davon, wie weit es die Mönche dabei bringen. Dazu referiert er Forschungsergebnisse: dass erfahrene Mönche im Labor weniger schreckhaft sind; dass sie sehr kurz dargebotene Reize erkennen können, die andere Versuchspersonen nicht erkennen; oder dass sie geistige Zustände willentlich erzeugen und verändern können, was die Forscher im Hirnscanner sehen.

Auch wurde gezeigt, dass bei Meditation Gamma-Wellen im Gehirn die Führung übernehmen, die einen Zustand konzentrierter Aufmerksamkeit kennzeichnen, während unter Entspannung Alpha-Wellen dominieren. Dabei werden verschiedene Bereiche des Gehirns im Rhythmus der Gamma-Wellen synchronisiert. Angetan von den Zuständen der Ruhe und des Glücks der Mönche spekuliert Singer, dass eine hohe Synchronizität womöglich im Gehirn ein Zeichen für Glück sei.

Singer würde solche Zustände gerne mit Mitteln der westlichen Wissenschaft herbeiführen, zum Beispiel, indem man durch Neurofeedback seine Gehirnwellen verändert. Ricard bezweifelt diese Möglichkeit. Denn Meditation sei mehr, als die Belohnungsmechanismen des Gehirns zu aktivieren. Meditation vermittle Mitgefühl und Altruismus, es gehe um Weisheit, echtes Glück und ein gutes Herz. Und so geht es in dem kleinen, klugen Buch auch um die Begegnung zwischen Wissenschaft und Weisheit, einer jahrtausendealten Weisheit der rechten Lebensführung.

Rezensiert von Ulfried Geuter

Wolf Singer/Matthieu Ricard, Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog
Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main, 2008
80 Seiten, 10,00 Euro

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