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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.02.2008

Vom Geheimtipp zum Klassiker

Tanzfestival "Schrittmacher" in Aachen

Von Nicole Strecker

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"Schrittmacher" huldigt seit Mitte der 90er Jahre den Traumwelten. (Stock.XCHNG / Wendy Cain)
"Schrittmacher" huldigt seit Mitte der 90er Jahre den Traumwelten. (Stock.XCHNG / Wendy Cain)

Seit 13 Jahren holt das Tanzfestival "Schrittmacher" Compagnien in das Aachener Ludwig Forum, um die internationalen Tendenzen dieses Genres zu präsentieren. Multimediatanz trifft hier auf Tribal Dance, Konzepttanz auf Hiphop und Tanztheater. In diesem Jahr sind Formationen aus Frankreich, Spanien, Schweiz und der USA zu Gast.

Showbiz-Musik, ein einzelner Scheinwerfer beleuchtet eine Frau im knappen Glitzerkostüm. Man erwartet, dass sie sich gleich in einen Schlangenmenschen verwandeln wird, die Gliedmaßen kompliziert verwringen, den schönen schlanken Körper in Posen verrenken wird. Doch sie tut es nicht. Sie geht nur ein wenig in die Knie, streckt einen Arm aus, lässt ihn sacht hin und her pendeln, fixiert mit finsterem Blick das Publikum – ein gefährliches Tier, das auf Beute lauert. Das ist die Schlangenfrau à la Philippe Saire. Der Schweizer Choreograf entführt in die Welt der Nachtclubs und Revuen, der Fernsehballette, Zirkusnummern, Magic Shows. Er lockt mit Glitter-Sexappeal und schmissigem Bigband-Sound, um dann doch nie die Schaulust zu befriedigen. Das Spektakel – eine Behauptung.

Eine Performance über Entertainment, die selbst kein Entertainment ist – das war die Konzeption, erklärt Philippe Saire, der sein Stück mit der höflichen Frage "Könnte ich deine Aufmerksamkeit mal eben auf die Kürze des Lebens lenken?" betitelt hat.

Saire: " Uns geht es um unser Verhältnis zur Zeit und wie wir sie nutzen. Wie Blaise Pascal, der französische Philosoph, haben wir über die Zerstreuung nachgedacht, die Unterhaltung – die vielleicht nur eine Form ist, um dem Tod zu entkommen. Deshalb sprechen wir von der Kürze des Lebens, denn es ist eine Sicht auf unsere Zeit. Ich glaube, dass wir im Zeitalter des Entertainments leben, aber zur gleichen Zeit verlieren wir anderes, wie die Religion oder den Glauben. Als Ausgleich müssen wir ständig Spaß haben. Mein Stück will das nicht kritisieren; ich möchte das nur zeigen und uns bewusst machen, was passiert. "

Am Ende von Saires Stück hat man alles gehabt: die schwebende Jungfrau und den furchteinflössenden Kettensprenger, den lustigen Jongleur und die atemberaubenden Akrobaten – allerdings nur in der Fantasie. Ein Stück wie eine Erinnerung an die vielen Stunden theatraler Lebensflucht - und damit ein großartiger Auftakt für ein Festival, das seit Mitte der 90er Jahre den Traumwelten huldigt: das Schrittmacher-Tanzforum.

Takvorian: " Ich verstehe unter Schönheit wirklich ein Greifen nach etwas, vielleicht in der Kunst, das ich nicht im Alltag erlebe oder im Leben erlebe. ... Was ich auch in meiner Arbeit versuche, wozu sind wir denn da: Wir sind letztlich dazu da, um einige Menschen unterwegs mit unserer Arbeit zu berühren, ihnen etwas auf den Weg zu geben. Wenn wir das tun, dann ist das schon sehr viel, finde ich. "

Das sagt Rick Takvorian, der das Tanzfestival vor bald 20 Jahren erfunden hat und - rückblickend - als einzigen gemeinsamen Nenner der mittlerweile 13 Ausgaben dieses Tanzforums das Streben nach Schönheit bezeichnet.

Ein Motto oder eine Themenklammer hat Schrittmacher nie gehabt. Takvorian wollte immer das Beste und Bekömmlichste für sein Publikum – mit erstaunlichem Erfolg.

Takvorian: " Am Anfang war diese Region, also Aachen und Umgebung war eigentlich auch Niemandsland in Sachen Tanz. Das gab es hier einfach nicht, es gab kein regelmäßiges Angebot. Es gab vor allem kein Angebot an internationalen Ereignissen in Sachen Tanz. "

Mittlerweile ist das Museum Ludwig Forum die erste Adresse in Sachen Tanz in der Region. Mit einem vergleichsweise schmalen Etat von 100.000 Euro hat Takvorian jährlich bis zu 15 Kompanien zum Festival eingeladen, stets in sensibler Mischung mit Choreografen aus Nordrhein-Westfalen, denen er eine Plattform und die Chance zum Vergleich mit internationalen Qualitäten bot. Bedauerlich, dass er in diesem Jahr von dieser Konzeption des Festivals abrückte: Für die 13. Ausgabe wollte Takvorian die Konzentration: Nur noch vier Gruppen aus vier Ländern. Darunter ist allerdings Weltklasse.

Sexy Tänzer, eine brillante Technik und Choreografien, die auf größtmögliche Virtuosität zielen – mit dieser Mixtur kommt die Hubbard Street Dance Company regelmäßig nach Deutschland. Sie ist neben der Alvin Ailey Company oder dem New York City Ballet eine der drei wichtigsten Kompanien in den USA. Nun gastiert Hubbard Street Dance 2, das Nachwuchs-Ensemble bei Schrittmacher.

Takvorian: " Zum ersten Mal seit einigen Jahren wieder etwas aus den USA: Die Amerikaner sind für mich immer interessant. Ich selber als Amerikaner, aber als einer, der seit 30 Jahren in Europa lebt und arbeitet, für mich ist der Tanzbegriff in Amerika in den letzten Jahren ein bisschen stehen geblieben. Weil, es haftet nach wie vor ein sehr starker Verlass per se auf den reinen Tanz, auf den klassischen modernen amerikanischen Tanz, also es ist fast so, als würde dort der Modern Dance so beherrschen, wie früher hier der klassische Tanz beherrscht hat. Das finde ich faszinierend. "

Jim Vincent: " Der größte Unterschied zu Europa ist, dass die Dinge eher kommerziell motiviert sind, es geht mehr um sofortigen Lohn. Und sie mögen die Tradition, die mehr im Broadway-Stil ist, in der Form frontalen Entertainments, bei dem man direkt angesprochen wird. Aber das ändert sich auch in Amerika. "

Das sagt der künstlerische Direktor von Hubbard Street, Jim Vincent, der mehrere Jahre beim Nederlands Dans Theater arbeitete und aus dem Chicagoer Ensemble wohl die europäischste amerikanische Kompanie gemacht hat.

Vincent: " Ich versuche, die Wahrnehmung der Company oder vom Tanz ganz allgemein zu verändern. Deshalb versuche ich in meinen Programmen, beides zu vereinen: Wer mehr in den Stücken sehen möchte, kann das tun. Wer sich einfach nur zurücklehnen, mit den Füßen wippen und sich unterhalten lassen will, kann das auch. Aber das Schwierige an meiner Arbeit ist, Choreografen zu finden, die Stücke machen, die beide Ebenen bedienen. "

Dieses Credo, die Verbindung von purer Lust am schön bewegten Körper und der kritisch-intellektuellen Reflexion verbindet wohl alle Arbeiten des diesjährigen Schrittmacher-Festivals.
Spanien präsentiert sich mit der hierzulande noch unbekannten Gruppe "Erre que erre", die ihre anspruchsvollen Choreografien auch schon mal in das Ambiente eines Horrorfilms oder eines Bordells platziert.

Aus Frankreich kommt die in Aachen längst etablierte Formation "Black Blanc Beur", die vor mehr als 20 Jahren den Beweis lieferte, dass HipHop auch als Bühnenkunst für die Bourgeoisie tauglich ist. Was der zeitgenössische Tanz heute ist –, das will Rick Takvorian stets aufs Neue für sein Publikum erkunden:

" Und auch ein bisschen darauf einzugehen, auf meine Hypothese, dass auch vieles, was im Bereich Tanz heutzutage passiert, ein Ersatz ist für das, was früher teilweise in anderen Bereichen, crossover-Kunst, Performance-Art, stattgefunden hat. Und dass der Tanz eine Art Welttheater geworden ist für viele interessante Entwicklungen im darstellenden Bereich. "

Rick Takvorian hat jahrelange Vertrauensarbeit geleistet. Die Innovation bewegte sich seit jeher in recht etablierten Grenzen, und das Publikum weiß: In Aachen wird man niemals mit allzu avantgardistischen Produktionen verschreckt.

Takvorian: " Einfach dem Publikum die Möglichkeit zu geben, in einem Kunstzusammenhang, an einem Kunstort, sich mit aktuellen, sehr unterschiedlichen Inszenierungen, Choreografien aus dem Bereich Tanz zu sehen. Und zu gucken, ob das Interesse da ist. Ob wir eine Basis schaffen können, ein Publikum aufbauen können. Einen Dialog mit den Künstlern aus aller Welt, dass es ein langes Leben hat. Und die Rechnung ist wohl aufgegangen. "

Vincent: " Der Tanz war immer eine Art schwarzes Schaf, weil die Leute glauben, dass sie ihn nicht verstehen. In Europa gibt es nicht so sehr das Bedürfnis, alles genau so zu verstehen wie die Story eines Musicals. In Amerika schon. Die Besucher sind unzufrieden, wenn sie aus dem Theater kommen und nicht verstanden haben, was sie sahen. "

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