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Thema / Archiv | Beitrag vom 12.07.2010

Vom alten Schinken bis zur Avantgarde

Bilder für den Bürger: Der Hamburger Kunstverein

Harald Falckenberg im Gespräch mit Jürgen König

Logo des Hamburger Kunstvereins. (Kunstverein in Hamburg)
Logo des Hamburger Kunstvereins. (Kunstverein in Hamburg)

Der Hamburger Kunstverein besteht seit 1817. Anfangs wurden die angekauften Bilder unter den Mitgliedern verlost. Heute engagiert sich der Verein ohne Quotendruck für die junge Kunst. "Da sind wir doch in einer glücklichen Position", sagt Vorstandsvorsitzender Harald Falckenberg.

Klaus Pokatzky: Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts gab es immer weniger Adelige, die ihre Salons zu Orten machten, wo man sich traf. Stattdessen wurde das Bürgertum immer wichtiger, auch wirtschaftlich bedeutender, und also kümmerten sich auch zunehmend Bürger um das, was bis dahin eine Sache des Adels gewesen war, nämlich um die Kunst. Kunstvereine gibt es in solcher Fülle und einer so langen und reichen Geschichte nur im deutschsprachigen Raum.

Wir wollen in einer fünfteiligen Gesprächsreihe diese reichen Landschaften mit all ihren Facetten näherbringen und beginnen heute mit der Geschichte. Jürgen König hat mit Harald Falckenberg gesprochen, einem der großen Kunstsammler Deutschlands und Vorsitzender im Vorstand des Hamburger Kunstvereins. Seit dem letzten Jahr zeigt sein Verein das Historische auch im Namen an: "Der Kunstverein, seit 1817", heißt er nun. Was genau soll damit betont werden, wollte Jürgen König als Erstes von Harald Falckenberg wissen.

Harald Falckenberg: Das hat sich unser Direktor so ausgedacht und er wollte damit zum Ausdruck bringen, dass auch jüngste Kunst ganz alte Wurzeln hat, dass man sich junge Kunst gar nicht ohne alte Kunst denken kann, ohne eine politische Tradition der Kunst denken kann. Dadurch unterscheidet sich ja junge Kunst. Es ist auch ein Hinweis darauf, dass alles über Privatinitiativen gestartet wurde, dass also der Kunstverein am Ende immer noch ein Verein ist und keine staatliche Institution.

Jürgen König: Wie war es 1817 zur Gründung des Vereins gekommen?

Falckenberg: Ja, Hamburg ist, glaube ich, der zweitälteste Kunstverein und das war eine Vereinigung von Bürgern, die eigentlich Kunst gemeinsam kauften von Einsätzen, die sie gegeben hatten und dann unter den Mitgliedern verlosten. Es war also im Grunde in den ersten Jahrzehnten ein Erwerbsverein, wenn man so will.

König: Also man legte Mitgliedsbeiträge zusammen, kaufte dafür Bilder zum Beispiel und dann wurde verlost, wer die bekam?

Falckenberg: So ist es, ja.

König: Für eine bestimmte Zeitperiode, also für ein Jahr oder …

Falckenberg: Ja, ja, die Kunstvereine haben lange so agiert.

König: Und so kam die Kunst dann in die bürgerlichen Wohnzimmer.

Falckenberg: So kam die Kunst in die bürgerlichen Wohnzimmer mit einem Schuss Werte dabei, ja.

König: Das heißt, die Kunst wurde Teil des häuslichen Lebens, wurde auch Ornament und Schmuck?

Falckenberg: Na ja, das waren die bürgerlichen Vorstellungen, die sehr viel auch mit Romantik zu tun hatten, mit Aufbruch, teilweise dann eben auch mit Bildung, ja, so als das Bildungsbürgertum. Aber es wurde noch nicht in dem Sinne Kunstpolitik gemacht, man hat nicht danach gesucht, welches ist der beste Künstler, was sind die neuesten Bewegungen, das hat sich alles dann in der Folge erst ergeben. Also hier ging es dann darum, wirklich schöne, doch wirklich auch häufig alte Schinken zu kaufen und in die gute Stube zu bringen, ja.

König: Ist dieses Beispiel des Hamburger Kunstvereins repräsentativ für die Stimmungen, Strömungen so im deutschsprachigen Raum zu jener Zeit?

Falckenberg: Soweit ich weiß, ja. Also so fing es alles an und dann kam erst die Auseinandersetzung eigentlich erhöhte Form, so um die Jahrhundertwendung, wo …

König: … die Sezessionsbewegung dann, die Abspaltung …

Falckenberg: … die Sezessionsbewegung, die Abspaltung, ja, wo dann Kunstrichtungen sich gebildet haben. Das war in dem Sinne in dem Verlauf des 19. Jahrhunderts wenigstens in Deutschland nicht der Fall und die Sezessionsbewegungen, das sind … Sezessionen sind ja die Vereinigungen von Künstlern, das sind nicht die Vereinigungen von Bürgern, sondern Künstler, die sagen, wir machen jetzt etwas zusammen und wir vertreten ganz bestimmte Richtungen der Kunst, moderne Richtungen von Kunst.

König: Also keine alten Schinken mehr.

Falckenberg: Keine alten Schinken mehr.

König: Also in Ihrem Sinne.

Falckenberg: Ja, ja gut, das hing ja auch mit dem Rahmen zusammen, der Rahmen ist ja noch immer die Bedrohung der Kunst und in den Sezessionsbewegungen und in diesen … da kam es dann zu sehr viel schlichteren Rahmen, die Arbeit spielte eine größere Rolle, ja.

König: Die Kunstvereine haben diese Abspaltungen aber gut überstanden?

Falckenberg: Ja, es sind ja die Organisationen, aus denen später die Museen geworden sind. Als die Kunstvereine sich organisiert hatten, meistens so um 1840, kam überall der Wunsch auf, Museen zu gründen, und viele Kunstvereine hatten sich verschätzt und schnell übernommen und dann wurde die Aufgabe, ein Museum zu bauen, vom Staat übernommen.

Es gibt einen Kunstverein, ich glaube, es ist der Einzige, dessen Museum noch im Eigentum des Kunstvereins ist, das ist die Bremer Kunsthalle. Und das ist ein Unikum, aber das zeigt, was für einen Bürgersinn die Bremer haben, im positiven Sinne. Ich fand es großartig, dass beim Neubau von 21 Millionen Euro – waren es D-Mark? Da möchte ich mich nicht ganz festlegen – also wenigstens ein großer, ganz großer Betrag von den Mitgliedern des Kunstvereins aufgebracht worden ist, als der Neubau passierte, die Kunsthalle …

König: … unglaublich, ja …

Falckenberg: …, das ist ganz großartig. Also das ist ein leuchtendes Vorbild, aber in aller Regel, also das ist hier die Ausnahme, sind die Museen dann schließlich vom Staat gebaut worden, aber fast immer auf Initiative der Kunstvereine.

König: Schauen wir mal auf die letzten 50 Jahre deutscher Kunstvereine, so in die Nachkriegszeit, dann Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre. Da werden viele Kunstvereine radikal zeitgenössisch. War das eine Folge auch, sagen wir, der allgemeinen Politisierung durch die ganze 68er-Bewegung, die sich dann langsam formierte?

Falckenberg: Nein, das war eine Frage, wie man sich abgrenzt gegen die Museen. Das hat etwas zu tun mit dem zunehmenden Ausstellungsbetrieb, die Museen haben aufgegeben, nur noch etwas zu zeigen, was in ihrem Bestand ist, sondern haben, um Besucher anzuziehen, Ausstellungsprogramme gemacht. Und dann kamen zu den Museen hinzu die Ausstellungshäuser wie hier in Hamburg die Deichtorhalle und, die wieder ein Ausstellungsprogramm machte, und damit war es notwendig für den Kunstverein, sich zu positionieren und natürlich auch mit dem wenigen Geld, was zur Verfügung steht in aller Regel für die Kunstvereine.

Und da haben sich die Kunstvereine, ohne sich abzusprechen, alle eigentlich auf ganz junge Kunst spezialisiert. Häufig, bei den meisten Kunstvereinen in Deutschland, auf lokale junge Kunst. Der Hamburger Kunstverein hat sich zur Aufgabe gestellt, internationale junge Kunst zu zeigen und damit zum Beispiel Künstler zu zeigen, die später auf die "documenta" kommen. Also unser Direktor hat die Aufgabe, die ganzen Bewegungen auf dem Kunstmarkt, aber auch in den Kunstrichtungen genau zu beobachten und zu antizipieren.

König: Dieser Weg hat sich ja eigentlich fortgesetzt, den Sie beschrieben haben: Heute suchen immer mehr Museen ihr Heil in Großausstellungen, also in Kunstevents, mit denen dann nach Möglichkeit auch Geld zu verdienen ist. Die Ankaufetats der Museen werden kleiner, immer mehr Sammler eröffnen eigene Museen … In welche Rolle geraten durch all diese Dinge die Kunstvereine? Ich habe manchmal den Eindruck, die Kunstvereine sind es, die noch den Gedanken überhaupt wirklich aufbewahren, dass Kunst auch eine gesellschaftliche Angelegenheit ist, also ein Ort der Auseinandersetzung, auch der Vermittlung.

Falckenberg: Also wir können uns glücklich schätzen, wenigstens in Hamburg: Wir bekommen Zuschüsse, kleine Zuschüsse, aber mit denen wir zurechtkommen, und wir haben anders als die großen Häuser eben nicht den Druck. Und das ist der riesige Unterschied, den Druck, eine Quote zu erzielen. Man billigt uns zu, dass man junge, unbekannte Kunst zeigt und damit auch nicht Hunderttausende von Besuchern anziehen kann. Das ist immer noch die Ausnahmestellung.

Und wenn ich jetzt die Diskussion über die Hamburger Kunsthalle mit den Etats mir so anhören muss, dann muss ich sagen, da sind wir doch in einer glücklichen Position, die wir eisern verteidigen, dass wir der Kultursenatorin und dem Kultursenat sagen, wir zeigen avantgardistische Kunst, bitte verfolgt uns nicht mit einer Quote!

König: Ja, das ist eine luxuriöse Position, in der Sie sich …

Falckenberg: … ja, luxuriös, nur mit sehr wenig Geld, aber damit sind wir zufrieden.

König: Apropos Geld: Um Geld von der Bundeskulturstiftung zu bekommen, habe ich jetzt gelesen, müssen inzwischen mindestens 50.000 Euro beantragt werden, wovon 20 Prozent, also mindestens 10.000 Euro selber hinzugegeben werden. Das dürfte viele Kunstvereine überfordern!

Falckenberg: Das ist richtig. Wir haben mit Herrn Waldvogel einen Direktor, der diese Fragen ganz gut handhabt, und diese … wir als Hamburger Kunstverein können uns das leisten, das ist richtig, aber viele Kunstvereine in Bad Salzdetfurth oder wo sie alle sind, sind mit diesen Beträgen schon hoffnungslos überfordert. Allerdings sind die dann auch sehr auf lokale Kunst eingerichtet und das ist ja immer die Frage, wie geht man mit der lokalen Kunst um. Nicht, Sie können sehr preiswerte, sage ich in Anführungsstrichen, eine wenig kostenintensive Ausstellung machen mit Künstlern aus der Stadt, ja, da gibt es keine Frage.

König: … die ja auch sehr substanziell sein kann.

Falckenberg: Ja, das ist richtig. Es geht im Grunde darum, was schreibt man sich auf die Fahne, wie richtet man sich aus. Wir haben das, weil wir in Hamburg eine Institution haben, eben so gemacht, dass wir auf die internationale Kunst schauen. Da sind viele Hamburger Künstler nicht ganz glücklich drüber, aber man muss ein Programm haben, und es gibt genug - gleich nebenan das Kunsthaus - es gibt genug Institutionen, die sich auf die lokale Kunst konzentrieren.

König: "Das Auge sieht, was es sucht", hat Max Slevogt mal geschrieben. An Herrn Falckenberg: Jemand kommt zu Ihnen, der Interesse hat, auch zu intellektuellen Leidenschaften fähig ist, aber nur schwer Zugang findet zur Kunst unserer Zeit. Womit würden Sie ihn locken wollen, verführen wollen zum besseren Verständnis, zur, weiß nicht, innigeren Beschäftigung mit Kunst?

Falckenberg: Ja, da ist eine sehr komplexe Frage. Übrigens dieses Zitat, was Sie eben gemacht haben, das ist sehr interessant. Sie sagten, das Auge sieht, was es sucht, ja. Das ist ein sehr moderner Ausdruck gewesen, denn wir wissen heute, dass das Auge nicht etwas in unser Hirn schickt, was dort zu Erfahrung verarbeitet wird, sondern dass umgekehrt unser Gehirn arbeitet und das Auge sich das aussucht, was das Gehirn schon wissen wollte. Das ist die sogenannte kognitive Wende. Aber … das ist eine schöne Aussage. Also es gibt die verschiedensten Weisen, wie man an Kunst herangeht: Man kann über ästhetische Gesichtspunkte herangehen oder – was mir nicht besonders liegt –, oder man kann über gesellschaftspolitische Gesichtspunkte herangehen, das ist so meine Absicht …

König: … dafür sind Sie berühmt, ja …

Falckenberg: … ja, und ich versuche, weniger das Kunstwerk in den Mittelpunkt der Betrachtung zu stellen als den Künstler und die künstlerische Haltung, die einen Ausdruck findet in dem Kunstwerk. Das ist mal ein ganz wichtiger Punkt. Und ob man sich mit Kunstwerken als solchen beschäftigen will oder in erster Linie nicht mit Kunstwerken, sondern mit der Kunst, mit der Haltung, die dahintersteht. Und das muss ich bei dem, der mich fragt, erst mal versuchen, herauszufinden, wofür er steht. Beides ist gut möglich.

Und dann würde ich ihm die Empfehlung geben, sich nicht so sehr nach seinem Gefühl auszurichten, sondern sich damit zu beschäftigen, sich schlau zu machen, auf Ausstellungen zu gehen, also natürlich besonders auch auf Messen zu gehen und versuchen, Kontakt zu guten Galeristen aufzunehmen, da muss man sich rumhören.

Und durch diese Gespräche mit Künstlern, mit Galeristen, Unterhaltungen auf Messen, kommt man in die Materie hinein. Und einfach so irgendwie an einem Laden vorbeigehen und sagen, oh das finde ich toll, das kaufe ich, das ist ein Standpunkt, von dem ich entschieden abraten würde.

Pokatzky: Harald Falckenberg vom Hamburger Kunstverein über die Geschichte der Kunstvereine in Deutschland. Morgen können Sie an unserer Reihe zu den Kunstvereinen in Deutschland Jürgen König im Gespräch mit den Direktorinnen des Kunstvereins Köln hören, mit Kathrin Jentjens und Anja Nathan-Dorn. Dann geht es um die aktuellen Positionen der Kunstvereine.

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