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Studio 9 | Beitrag vom 21.05.2019

Volltrunken am ArbeitsplatzWenn der Kollege trinkt

Von Stephanie Ley

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Eine Hand greift nach einem Schnapsglas. (EyeEm / Rainer Fuhrmann)
Vom einfachen Schichtarbeiter bis zur Führungskraft: In vielen Unternehmen gibt es Mitarbeiter, die zu viel trinken. (EyeEm / Rainer Fuhrmann)

Ein Alkoholproblem ist keine reine Privatsache. Daher empfehlen Suchtberater, den Missbrauch am Arbeitsplatz offen anzusprechen. Denn die Krankheit geht oft auf Kosten der Kolleginnen und Kollegen – und bringt andere sogar in Gefahr.

"Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen aus den Betrieben, der Verwaltung und sonst wo. Ich begrüße euch recht herzlich im schönen Bad Herrenalb. Ich freue mich, dass ihr so zahlreich erschienen seid."

Suchtberaterin Astrid Zapf-Freudenberg und 20 Teilnehmer sitzen im Stuhlkreis. Sie arbeiten in völlig verschiedenen Branchen: Maschinenbau, Logistik, Bankwesen, Elektrotechnik, Pflege. Sie alle haben sich zur "Fachkraft für Suchtfragen" ausbilden lassen, sind in ihren Betrieben Ansprechpartner unter anderem für Menschen mit Alkoholproblemen. Unter ihnen auch Rudi: seriöses Auftreten, modische Brille, Jeans.

In der Vorstellungsrunde outet er sich als "trockener Alkoholiker". Schon als Jugendlicher habe er regelmäßig getrunken, erzählt Rudi. Über die Jahre sei sein Konsum immer exzessiver geworden - auch an seinem Arbeitsplatz. 

Vier Bier in der Mittagspause

"Das konnte schon sein, dass ich in der Mittagspause drei oder vier Weizenbier getrunken habe. Abends dann zum Feierabend, ab 16 Uhr, wieder zurück in die Kneipe und dort bis zum Vollrausch. Ich habe immer versucht, am Sonntag nichts zu trinken, so dass ich Montag, Dienstag nicht auffalle im Betrieb. Und ab Mittwoch ging es aufs Wochenende los, und da wurde es jeden Abend mehr."

"Wie haben Sie denn im Betrieb getrunken?" - "Wir haben flexible Arbeitszeiten im Betrieb, das heißt ich hatte Zeit, von 11 Uhr bis 13:30 Uhr in eine nahe gelegene Kneipe zu gehen." Jahre sei das nun her.

Alle hier kennen solche Geschichten. Überall gebe es Betroffene, vom einfachen Schichtarbeiter bis hin zur Führungskraft. Bernd ist Sicherheitsbeauftragter in einem Unternehmen mit Sitz im Saarland mit zweieinhalbtausend Beschäftigten.

Sein neuester Fall macht ihn ein Stück weit fassungslos: 

"Wir haben vor vier Wochen einen Gabelstaplerfahrer erwischt, nachmittags um halb vier, mit 2,1 Promille. Wir haben ihn pusten lassen. Später ging der Weg dann ins Krankenhaus."

Mit 2,1 Promille auf dem Gabelstabler

Der Mann gefährde sich selbst, seine Mitarbeiter, seine Kollegen, letztendlich aber auch die Betriebsausrüstung, sagt Bernd.

"Er arbeitet in einem Hochregallager. Wenn dort ein Hochregal zusammenfällt, will ich gar nicht wissen, was da noch passiert."

Bei jedem fünften Arbeitsunfall sei Alkohol im Spiel, erfahren die Seminarteilnehmer in der Runde. Suchtkranke Mitarbeiter würden 16 Mal häufiger fehlen als ihre gesunden Kollegen. Und Alkohol mindere schon in geringen Dosen die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit.

Wie aber reagieren Beschäftigte, wenn ihr Gegenüber von der Krankheit betroffen ist?  

"Die Mitarbeiter, die das beobachten, fühlen sich bei uns im Betrieb auf gut Deutsch verarscht. Sie müssen für den Kollegen praktisch die Arbeit mitmachen. Sie müssen das dulden. Keiner traut sich das anzusprechen, weil sonst ist man ja das Kollegenschwein."

"Und wie reagieren dann Menschen in dieser Situation?"

"Viele erst mal mit Abwehr: 'Ich habe kein Problem. Wer sagt so etwas? Wer will mich da in die Pfanne hauen?' Wie hat mal ein Kollege zu mir gesagt? 'Die Wadenbeißer da draußen, die wollen mich kaputtmachen.'"

Glasige Augen, Lallen, Schweißausbrüche

Im Seminarraum wird fleißig geschrieben. Grün, rot, gelb – immer mehr bunte Zettel landen auf dem Clipboard, darauf Stichwörter über Erfahrungen aus dem letzten Jahr. Die Suchtberaterin empfiehlt, den politischen Druck zu erhöhen: Gemeinderäte anzusprechen, damit mehr Geld fließt für die Präventionsarbeit. Aber auch genaues Hinschauen ist ihr absolut wichtig. Eine Alkoholsucht falle nicht vom Himmel. Glasige Augen, Lallen, Schweißausbrüche - neben den körperlichen Anzeichen seien auch Fahrigkeit oder Nervosität für Betroffene typisch.

"Dann kann es sein, dass sich ein Mitarbeiter verändert. Das heißt, dass sich sein Arbeits- und Leistungsverhalten verändert, dass er sich sozial verändert, dass er vielleicht aggressiver wird. Und dass er sich auch von der Körperpflege, vom Äußerlichen verändert. Da kann man dann schon akute und chronische Erkrankungen ablesen." 

In den Betrieben seien klare Regelabsprachen nötig, so die Suchtexpertin. Feste Vereinbarungen, wie man mit Menschen umgehe, die Missbrauch betreiben. Vorgesetzte dürften Trinken nicht als Privatsache verstehen. Stattdessen sollten sie das Gespräch suchen und Therapiemöglichkeiten anbieten. Rudi hat das strikte System seiner Firma letztendlich geholfen. 

"Dieser Stufenplan hat bei mir insoweit funktioniert, dass die Dinge, die man tun musste – sprich Therapie, Selbsthilfegruppe, und so weiter ­– nach und nach abgearbeitet wurden. Bis zur zweiten Abmahnung, bei der es dann wirklich brenzlich wurde und ich für mich erkannt habe, dass ich jetzt etwas tun muss, da ansonsten mein Arbeitsplatz auf dem Spiel steht." 

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