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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.06.2011

Vollgesogen wie ein Löschblatt

Walter Benjamin, "Passagen, Kristalle", Hamburg 2011, 160 Seiten

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Benjamin konnte sein Passagen-Werk nicht vollenden (AP)
Benjamin konnte sein Passagen-Werk nicht vollenden (AP)

Eine bessere Einstiegsdroge in das voluminöse Spätwerk des Philosophen Walter Benjamin ist kaum denkbar: Die bibliophile, großzügig gesetzte Ausgabe einiger Abschnitte aus dem legendären "Passagen-Werk", das Benjamin unvollendet hinterließ, als er 1940 auf der Flucht vor den Nazis Selbstmord beging.

Zusammengestellt unter lockeren Rubriken zeigen die Texte in dieser Aufmachung, dass Benjamin als Stilist gar nicht geeignet ist für jenen asketischen Kleindruck der "edition suhrkamp"-Bände, in dem die "Passagen" über 1300 Seiten umfassen. Wenn er überhaupt noch als Theoretiker zu bezeichnen ist, da er alles Systemische hinter sich lässt und sogar die materialistische Dialektik bei ihm wie eine spirituelle Übung erscheint, dann ist Benjamin einer, der als Philosoph das Repertoire des Literarischen ausschöpft wie niemand seit Friedrich Nietzsche.

In Walter Benjamin kann man sich festlesen, ihn gar zum Inspirator einer neuen Schule ausrufen, wie es die Protagonisten der Kritischen Theorie taten oder Giorgio Agamben in seinem Neo-Gnostizismus. Die Faszination Benjamins nährt auch das Vexierbildhafte, das seine Prosaminiaturen der Passagen haben, die Melange aus Materialismus und Theologie, womit er gelegentlich auch kokettiert (wie ein Löschblatt sei sein Denken vollgesogen von der Tinte der Theologie).

Noch den unfrommen Kapitalismus seiner theologischen Strukturen zu überführen, darüber hinaus die Ideologien des 20. Jahrhunderts – das ist ein Feld, das als einer der ersten Benjamin bestellt hat. Mit seinen dichten, oft mit einiger Mühe zu entschlüsselnden Miniaturen, ausgehend von und mündend in die Ladenpassage als Kristallisationsort des ausgehenden 19. Jahrhunderts, färbt er die historisch-materialistische Analyse spirituell ein.

Der Arrangeur und Herausgeber Joachim Otte stellt den Texten Illustrationen, teils historisch, teils assoziativ gegenüber. Intuitiv zeigt sich hier eine versteckte Eigenschaft von Benjamins Gedankensplittern: Sie sind emblematisch, lesen sich wie die Unterschrift eines Sinnbildes. Die Illustrationen wirken wie das Entwicklerbad auf ein belichtetes Fotopapier. Dieser Effekt erhöht noch den Charme dieser ansprechend gestalteten Blütenlese.

Besprochen von Marius Meller

Walter Benjamin: Passagen, Kristalle
Ausgewählt von Joachim Otte
Corso Verlag, Hamburg 2011
160 Seiten, 24,90 Euro

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