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Religionen / Archiv | Beitrag vom 15.10.2011

Volksreligion und Christentum vermischt

Menschen mit indigenen Wurzeln suchen nach "ihrer" Theologie

Von Dorothee Adrian

Mit dem Christentum auch den westlichen Lebensstil annehmen? Nein, sagen indigene Theologen. (AP)
Mit dem Christentum auch den westlichen Lebensstil annehmen? Nein, sagen indigene Theologen. (AP)

Viele indigenen Menschen hatten in den vergangenen Jahrhunderten den Eindruck, mit dem Christentum müssten sie auch die westliche Kultur annehmen. Doch mittlerweile melden sich indigene Theologen zu Wort, die das für ein Missverständnis halten. Bleibt die Frage, wie sich eine indigene kulturelle Identität mit dem christlichen Glauben in Einklang bringen lässt.

"Wir haben festgestellt, dass leider in der Geschichte des Christentums das Christentum mit der ganzen europäischen Kultur gekommen ist. Oftmals wurde den Menschen, anstatt das Evangelium zu verkünden, eine bestimmte kulturelle Form aufgedrängt: Lebensformen, Stile, ein bestimmtes Verständnis, Symbole - die nicht zur Lebensrealität der Menschen passten und eben keine Antworten auf ihre existentiellen Fragen gaben!"

Abraham Colque ist Bolivianer und gehört zum indigenen Volk der Aymara. Er leitet das Höhere Ökumenische Institut für Andine Theologie "ISEAT". Vor 17 Jahren hat er die Fakultät mitgegründet, um eine indigene Theologie zu entwickeln und die Leiter christlicher Gemeinden fortzubilden.

"Wir machen uns diese ganze Arbeit, die Zusammenhänge zu erforschen, damit sie nicht dasselbe erleiden müssen wie wir vor langer Zeit. Diesen so starken Druck, sagen zu müssen: 'Nein, das hier ist nicht christlich. Wir müssen es ausradieren, eliminieren.' Sondern dass sie sagen können: 'Das hier unterstützt das Leben oder nicht. Es hilft unseren Leuten oder es hilft ihnen nicht.' Denn Christentum muss Leben sein. Es muss dem Leben Sinn geben, es muss helfen."

Pfarrer und Gemeindeleiter sollen im ISEAT zum einen ein Bewusstsein für die großartigen Möglichkeiten des christlichen Lebens bekommen, sagt Colque. Aber genauso wichtig ist ihm, dass sie den kulturellen Beitrag und die Traditionen der indigenen Völker wertschätzen lernen.

Das entspricht dem Wunsch vieler Christen mit indigenen Wurzeln: Ganz Christ und ganz Indigener sein zu dürfen. Inzwischen vernetzen sie sich international. Seit Ende 2008 gibt es in Genf die Beratungsstelle für indigene Völker vom Ökumenischen Rat der Kirchen. María Chavez Quispe, die ebenso wie Abraham Colque zu den bolivianischen Aymara gehört, arbeitet dort und hat dieses Jahr in La Paz ein Treffen von rund 40 indigenen Theologen aus der ganzen Welt organisiert. Die Bewegung der indigenen Theologie wird seit Beginn der 90er-Jahre immer stärker. Sie hängt eng mit dem politischen Kampf der indigenen Völker zusammen. Mit dem Ringen um politische Mitbestimmung, um ihr Recht auf Land und mit den Protesten gegen den Raubbau an der Natur. Das Thema der Tagung: indigene Spiritualität. Maria Chavez hat die Tagung organisiert:

"Es gibt nicht nur eine indigene Spiritualität, sondern Tausende. Aber es gibt Gemeinsamkeiten: Ich glaube, die größte und wichtigste ist die Beziehung der indigenen Völker zur Erde. Sie haben eine andere Weltanschauung. Die Spiritualität ist sehr viel ganzheitlicher. Sie schließt nicht aus, sondern ein. Und seit 20 Jahren gibt es immer mehr indigene Menschen, die ihre kulturelle Identität nicht vergessen wollen, sondern genau diese mit anderen teilen wollen, um eine andere Theologie auszuarbeiten."

Wichtig sei in diesem Zusammenhang die Erkenntnis, dass jede Form christlichen Glaubens zu einer bestimmten Zeit und in einem spezifischen Kontext entstanden ist. An dem Treffen der indigenen Theologen in Bolivien nahm auch Judy Berinai teil. Sie ist die erste indigene Dozentin am "Sabah Theological Seminary" in Sabah, Malaysia.

"Es war sehr interessant zu sehen, wie andere indigene Völker damit kämpfen, das Evangelium in ihren Kontext und ihre Kultur zu übersetzen. In Sabah ist das noch etwas Neues, wir fangen gerade erst an und gehen die ersten Schritte."

Die 49-jährige Theologin gehört zum Volk der Kadazandusun. Sie promoviert zur Zeit am "Oxford Centre for Mission Studies" zu der Frage, wie der christliche Glaube relevanter für die Malaien werden kann. In dem überwiegend islamischen Sabah sind rund 28 Prozent der Bevölkerung Christen. Judy Berinai beobachtet, dass viele der indigenen Christen beide Glaubensformen leben.

"Viele Menschen praktizieren beides: Natürlich feiern sie für die Missionare sichtbar den Sonntagsgottesdienst, sie besuchen Gemeindestunden, gehen ins Missionskrankenhaus. Aber wenn sie nicht gesund werden, gehen sie zum traditionellen Heiler."

Die frühen Missionare haben versäumt, die kulturellen und traditionellen Wurzeln der Menschen zu berücksichtigen, sagt sie.

"Sie wussten es vermutlich nicht besser - umso mehr bin ich davon überzeugt, dass es jetzt unsere Aufgabe als indigene Menschen ist, die Entwicklungen zurück zu verfolgen und zu sehen, wie beides zusammen finden kann."

Sie erforscht nun, wo Gemeinsamkeiten zwischen dem Christentum und dem traditionellen Glauben der indigenen Malaien bestehen. So gibt es dort beispielsweise auch einen Schöpfergott. Er heißt Kinoringan, hat eine Frau und eine Tochter. Diese opfert sich, als es eine große Hungersnot gibt. Sowohl die Dreieinigkeit als auch der Opfertod haben also in beiden Religionen eine zentrale Bedeutung. Gemeinsam mit Studierenden des STS untersucht Judy Berinai diese.

Ein weiteres Anliegen ist es ihr, zu erforschen, welche Elemente der eigenen Tradition mit dem christlichen Glauben vereinbar sind. Zum Beispiel die Heilkräutermedizin. Sie ist überzeugt, dass es den Menschen leichter fallen würde, zu glauben, wenn sie merken würden, dass sie dafür ihre Identität als indigene Malaien nicht verneinen müssen.

"Das war häufig unsere Wahrnehmung: Um Christ zu werden, musst du modern und westlich werden, irgendwie "zivilisierter"! Wir wurden früher als unzivilisiert angesehen, unsere traditionelle Religion wurde nicht als solche anerkannt. Stattdessen wurden wir "Heiden" genannt. Und so hat sich irgendwie diese Idee eingenistet, dass du als Christ nicht deine traditionellen Lebensformen ausleben kannst."

Abraham Colque sucht nicht nur nach Gemeinsamkeiten, sondern geht noch weiter. Er sagt: Unser traditioneller Glaube darf das Christentum bereichern. In diesem Sinne wird die Bibel aus der eigenen Perspektive gelesen. Ein Buch mit wunderschönen Geschichten, tiefen Zeugnissen der Liebe Gottes zu den Menschen und der Natur - das sei für alle Völker der Erde von Bedeutung.

"Aber wir finden auch Leerstellen. Ein Thema ist zum Beispiel, dass die Bibel in einem patriarchalischen System geschaffen wurde und die Frau oft abwesend ist! In den Geschichten unserer indigenen Völker finden wir aber ein sehr mütterliches Bild. Das Heilige, Gott, erscheint weiblich, als Göttin. Und das ist etwas sehr Starkes.

Mit unserer Stärke und unserem Glauben stellen wir also auch Fragen an die Bibel mit ihren Leerstellen. Für uns sind auch die mythischen Erzählungen unserer Völker Offenbarungen Gottes. Gott ist auch dort präsent. Das ist etwas kompliziert und macht es der westlichen Theologie nicht leicht. Denn das Wort Gottes ist für sie die Bibel und die Bibel ist Wort Gottes.

Also müssen wir an dieser Stelle vorsichtig sein. Aber als Indigene nicht zu sagen, dass Gott in unserer Geschichte ist, dass er in unserem alltäglichen Leben gegenwärtig ist, bedeutet, das eigene abzuwerten. Und das können wir nicht machen."

Ganz selbstverständlich sei in Bolivien auch eine Vermischung der Feste. An Allerheiligen bereitet sich Abraham Colque mit seiner Familie darauf vor, die Geister der Vorfahren zu empfangen - als zentrales Gebet sprechen sie das Vater Unser. Volksreligion und Christentum durchdringen einander. Und das seit 500 Jahren. Neu jedoch sei die bewusste Wertschätzung der eigenen Kultur, sagt Colque.

Judy Berinai wünscht sich, dass Christen in Malaysia sich den Glauben stärker zu eigen machen. Dass sie geistlich "genährt" werden. Als Schwerpunkt für ihre Dissertation hat sie das Thema "Anbetung" gewählt. Wie kann dieser Teil des Gottesdienstes relevanter für die indigene Bevölkerung werden? Zum Beispiel mit eigenen Melodien, Instrumenten und Texten, statt mit den musikalischen Importen aus England oder Amerika.

"Ich glaube, Anbetung ist sehr wichtig. Menschen kommen zu Gott und treten mit ihm in Verbindung. Wenn wir es schaffen, gute Elemente der indigenen Kultur in die Anbetung zu integrieren, wird das bereichernd sein und mehr indigene Menschen als indigen Glaubende zu Gott führen. Ich finde es wichtig, unsere jungen Leute darin zu fördern, ihre traditionellen Wurzeln nicht zu verlieren."

Noch gibt es keine "fertige" indigene Theologie. Wohl aber die lauter werdenden Stimmen indigener Theologen, die "christlich" nicht mehr mit "westlich" in eins setzen wollen. Sondern die im christlichen Glauben sogar eine Stimme für ihre Anliegen als indigene Menschen finden, die in vielen Ländern bis heute für ihre Rechte kämpfen.

"Wir sind davon überzeugt, dass Gott die Menschheit als Kinder ansieht, die untereinander gleich sind - und zwar alle. In dem Zusammenhang arbeiten wir viel mit der Frage, wer eigentlich Jesus war. Wie hat er gelebt? Jesus hinterfragt die ganze Zeit ein religiöses System, das ausschliesst. Sein Angebot ist aber ganz ganzheitlich, er bezieht ein. Mit diesem Jesus sind wir einverstanden. Und wir, die wir glauben, dass Jesus lebt und präsent ist und dass wir seine Hände sind, müssen für dieses integrierende Projekt von Jesus arbeiten. Und das ist es, was wir versuchen zu leben und zu lehren."

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