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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.09.2018

"Volksfeind"-Gastspiel in PekingDer Zensur gebeugt?

Tobias Veit im Gespräch mit Britta Bürger

Christoph Gawenda in Ibsens "Ein Volksfeind" an der Schaubühne Berlin (Arno Declair)
Christoph Gawenda in Ibsens "Ein Volksfeind" an der Schaubühne Berlin (Arno Declair)

Seit sechs Jahren tourt die Schaubühne Berlin mit Henrik Ibsens Drama "Ein Volkfeind" in der Inszenierung von Thomas Ostermeier um die Welt. Nach Avignon, New York, Indien und Russland ist jetzt China an der Reihe. Doch in Peking gab es nach der ersten Vorstellung Änderungswünsche.

"Welche Chance hat die Wahrheit in einer durchökonomisierten Gesellschaft?" Davon handelt Henrik Ibsens Drama "Ein Volksfeind". Die Geschichte kreist um einen Ort, dessen berühmtes Heilwasser durch verseuchtes Abwasser zunehmend die Gesundheit gefährdet. Der Fall spaltet die Stadtgesellschaft. Es geht um einen handfesten Umweltskandal und Korruption. Teil der Inszenierung von Thomas Ostermeier ist eine Diskussion mit dem Publikum.

Der Gastgeber wollte das Stück verändern

Nachdem die erste Aufführung in Peking mit Publikumsbeteiligung über die Bühne gegangen ist, gab es Änderungswünsche vom gastgebenden National Centre for the Performing Arts. Daraufhin wurde dieser Teil aus dem Stück genommen. Bei der Premiere hätten sich die Zuschauer sehr rege an der Diskussion beteiligt, sagt Tobias Veit, einer der Direktoren der Schaubühne. "In dem Kontext von China war es überraschend, wie offen die Dinge angesprochen wurden - Meinungsfreiheit, Umweltthemen und auch Repression", so Veit.

National Centre for the Performing Arts in Peking  (dpa)Das National Centre for the Performing Arts in Peking (dpa)

Zu viel Offenheit für das National Centre for the Performing Arts. Die Berliner wurden vor die Wahl gestellt - Absage der nächsten Vorstellungen oder Aufführungen ohne Publikumsdiskussion. Die Schaubühne entschied sich für letzteres, wollte allerdings die Änderung kenntlich machen. "Wir haben statt eines Gespräches mit dem Publikum geschwiegen und haben gesagt, dass hier eigentlich eine Diskussion mit dem Publikum stattfindet", erzählt Tobias Veit.

Es sei sowieso sensationell, dass "Ein Volksfeind" in China gespielt werden könne. "Weil das Stück verhandelt, wie die Macht mit einer unbequemen Wahrheit umgeht und wie ein Einzelner um seine Meinungsfreiheit kämpft. Das ist unglaublich politisch aufgeladen und das war auch im Publikum sehr stark spürbar", so der 49-Jährige.

Kein Kotau vor der chinesischen Regierung

Einen Kotau vor der chinesischen Regierung habe man aber nicht gemacht und sich auch nicht der Zensur gebeugt. "Im Gegenteil. Was ich an den Reaktionen des Publikums erlebt habe, (ist), dass die sehr genau verstanden (haben), was dort stattgefunden hat. Man steht vor der Wahl, entweder mit der erhobenen Fahne der Meinungsfreiheit nach Hause nach Hause zu gehen und einer abgesagten Vorstellung, deren Begründung für eine Absage unter den Tisch gekehrt wird - davon kann man ausgehen. Oder, dass die Aufführung stattfindet, was für sich genommen schon eine Sensation ist, was viele chinesische Zuschauer, die ich jetzt sprechen konnte, auch mir bestätigt haben. Was wichtig ist, ist dass man kenntlich macht, dass etwas anders ist als normal. Insofern würde ich das in keiner Weise als ein Kotau empfinden", sagt Schaubühnen-Direktor Tobias Veit.

(beb)

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