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Fazit / Archiv | Beitrag vom 06.04.2017

Volksbühnen-Premiere "Ein Rohspiel"Immer das Gleiche und immer neu

Von Michael Laages

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Die Rad-Skulptur vor der Berliner Volksbühne. (imago/Lem)
Die Rad-Skulptur vor der Berliner Volksbühne. (imago/Lem)

"Ein Rohspiel" läuft in Endlosschlaufe bei Ragnar Kjartanssons schrägem Dauer-Theater zum Abschied von der Volksbühne in Berlin. Ein belangloser Text wird rätselhaft und fallenstellerisch, dazu gibt es radikale Spiel-Fantasien eines einzigartigen Schauspielers.

Nein, ein "Theaterstück" ist das nicht; bestenfalls ein Stückchen Theater. "Raw Salon: ein Rohspiel", kreiert vom Isländer Ragnar Kjartansson nach einem Text der kanadischen Altgriechisch- und Hölderlin-Spezialistin, Übersetzerin und Lyrikerin Anne Carson, besteht aus einer kleinen Szene, die nur etwa zehn Minuten dauert, an drei Abenden allerdings je fünf Stunden lang immer und immer wieder gespielt wird – als theatralische Endlosschleife.

Einerseits. Andererseits ist natürlich keine Zehn-Minuten-Sequenz wie die vorige, und die nächste wird wieder anders sein. Wer mag, kann sich eine Jazz-Improvisation über das immer gleiche Thema vorstellen; oder eine jener Kompositionen der "minimal music", in denen winzige harmonisch-melodisch-rhythmische Verschiebungen für Bewegung sorgen, obwohl die Musik auf der Stelle zu laufen scheint.

Ein Zimmer mit Parkblick

Das "Rohspiel"-Ensemble der Volksbühne verschiebt nun immer wieder die Tönungen und Färbungen im Text und nutzt, für immer neue Positionierungen in Mit- und Gegeneinander, den opulenten Raum: ein voluminös-realistisches Zimmer mit Blick vielleicht auf den Central Park in New York, Klavier und Kamin, Sessel, Sofa und Standuhr sowie vielen Bildern an den Wänden und einer Treppe ins Obergeschoss.

Der Text bleibt so belanglos wie rätselhaft und fallenstellerisch: beginnt im Partyplausch bei den Sandwiches (die tatsächlich etwa sechsmal pro Stunde pünktlich herein gebracht werden) und mäandert über Familiengeschichten und allgemeine Weltsichten quasi ortlos hin und her. Nach etwa der Hälfte erweitert sich das Palaver-Duo zum Trio; jetzt ist von einer kuriosen (und ziemlich erniedrigenden) Begegnung mit der Schauspielerin Isabelle Huppert die Rede. Schließlich setzt sich der Dritte im Bunde ans Klavier und singt eine traurige Jazz-Ballade von gebrochenem Herz und ganz viel Champagner, um es zu betäuben.

Mehr ist nicht.

Oder doch? Ein Satz fällt in jeder neuen Runde auf, weil er nichts mit irgendwas zu tun hat – vom Ein- und Ausrasten irgendeines Knopfes ist die Rede, anlasslos und ohne jede Konsequenz. Da rastet bestenfalls der immer gleiche Text ein und aus … Und wer will, mag sogar die ewigen Wiederholungen des Alltags gespiegelt sehen … aber zwingend ist auch das nicht.

Extrem komische Variationen

Der Dritte am Klavier ist übrigens Regisseur Kjartansson persönlich (der sehr amüsant Deutsch spricht); zum Ereignis dieses vordergründig naturgemäß sehr langweiligen Fünf-Stunden-Abends aber werden Volksbühnen-Muse Kathrin Angerer und der noch einmal, kurz vor Toresschluss, an die Volksbühne zurückkehrende Bernhard Schütz, der vor 25 Jahren zu Frank Castorfs Gründungs-Ensemble gehörte (er kam aus Basel) und vielleicht der wichtigste Extrem-Schauspieler wurde und blieb, den es an diesem Hause je gegeben hat; ähnlich spektakulär wie Henry Hübchen oder Herbert Fritsch, nur noch viel handfester.

Keiner war wie er. Jetzt und für das finale "Rohspiel" erfindet er immer neue und häufig extrem komische Variationen für den kleinen Text, bricht auch mal den Spielablauf auf, indem er etwa Kjartansson eine ganze Sequenz lang am Klavier festnagelt und das Instrument unzugänglich weit weg schiebt; indem er plötzlich intime kleine Miniaturen in Tennessee-Williams-Manier oder schwere Philosophien anzettelt mit diesem Nichts an Text. Mal geht er auch auf Diebestour an den Wänden mit den Bildern dran …

Noch einmal die radikalen, nie vorhersehbaren Spiel-Phantasien dieses einzigartigen Schauspielers zu erleben, neben Kathrin Angerers Zauberwelt aus affektierten Tönen – das macht diese drei Abende unvergesslich. Wie das ganze "Projekt Volksbühne" – mit den letzten Monaten vor der Abwicklung wird es noch einmal so wichtig wie nichts sonst im deutschen Theater.

Informationen der Volksbühne zu "Ein Rohspiel"

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