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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.01.2014

Volksbühne BerlinAnalytisches Spiel von hoher Sinnlichkeit

Herbert Fritsch inszeniert seine Oper "Ohne Titel Nr. 1!"

Von Hartmut Krug

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Der Regisseur Herbert Fritsch posiert in Berlin im Haus der Berliner Festspiele für den Fotografen. (dapd/ Axel Schmidt)
Der Regisseur Herbert Fritsch hat eine Oper auf die Berliner Volksbühne gebracht. (dapd/ Axel Schmidt)

Ein Zauberer führt alberne Kunststücke vor, ein Komiker furzt im Takt der Musik und ein Mann redet in Fantasiesprache: In seiner Oper begibt sich Herbert Fritsch in die niedere Unterhaltung - bleibt aber immer kunstvoll.

Es ist ein ziemlich schräges Orchester, das sich da im gut einsehbaren Graben vor dem Eisernen Vorhang versammelt. In Glitzerjacketts und großen Showkleidern, die Haare mit Gel zu mächtigen wulstig-prächtigen Frisurungetümen auf den Köpfen fixiert und die Zähne unter weit aufgerissenen Augen knallweiß blitzend. Doch schon die Ouvertüre bekommt dieses Showorchester nicht ordentlich hin. Immer wieder stört etwas, schließlich muss ein knarrender Stuhl des Pianisten ausgetauscht werden, und dann geht sie endlich los, die schräge Musik.

Schwirrholz und Triangeln, Flöten, Luftpumpe und Baumstamm, aber auch "normale" Instrumente sind im Einsatz. Dabei wird im Hintergrund in der Mitte der leeren Bühne ein riesiges Sofa immer wieder in andersfarbiges Licht getaucht. Ein kleiner Anzugträger erklimmt das Sofa, und bis auf drei Musiker, die das weitere Geschehen auf der Bühne mit ihrer Musik in Gang setzen, bestimmen und kontrollieren, stürzen alle Musiker auf die Bühne.

Erst stoßen sich alle immer wieder den Kopf am Sofa, turnen und schaukeln, verstecken sich oder stechen in See. Dann werden sie zu Schauspielern und Sängern eines tollen bunten Programms, in dem alle Unterhaltungsformen der Bühne mit hoher Artistik zur Kenntlichkeit verzerrt werden. Oper, Operette, Musical und Show werden mit Szenen präsentiert, die nicht nur urkomisch sind, sondern die vor allem die dargestellten Genres auf ihren Ausdruckskern konzentrieren.

Klamaukig oder sinnlos wird es nicht

Das ist nie sinnloser oder unordentlicher Klamauk, sondern stets, selbst im darstellerischen Trubel, ein analytisches Spiel von hoher Sinnlichkeit und ungeheurer mimisch-gestischer Präzision.

Viele Typen sind vertreten: Bei den Frauen die Diva, die ihren Auftritt mit Chor hat, dann die ihren Auftritt erotisch aufladende Darstellerin, auch die muntere Junge, die in kurzem Röckchen herumtollt, und schließlich die Tragödin. Wie wechselnde Situationen gestellt werden und in Bewegung geraten, wie Solisten und Chor sich mal arrangieren, mal aufeinander losgehen, mal eine chorus line mit wedelnden Händen zeigen, wie also hier alle möglichen Tanz- und Gesangskunststücke vorgeführt werden, das ist in seiner Komik umwerfend und in seiner darstellerischen Ausdrucksweise von Regisseur Herbert Fritsch genial gesehen und inszeniert. Wie hier wunderbar gesungen und ungemein artistisch und ausdrucksgenau gespielt wird vom schier perfekten zwölfköpfigen Ensemble, das lässt immer wieder staunen.

Dialoge in einer fremden Fantasiesprache

Einer der drei Musiker vor der Bühne dreht manchmal eine Kurbel, mit deren knarzendem Geräusch er das Spiel in Bewegung setzt oder die Schauspieler zu Gruppenverhalten anhält: Mal verschrägen sich alle, dann starren sie ins Weite des Publikumssaals, und gern erschrecken sie auch heftig voreinander. Es gibt marionettenhafte Szenen, asiatisch wirkenden Gesang und auch kubanischen Rhythmus. Wenn sich alle aufs Sofa setzen, werden sie zu sich in einer Fantasiesprache erklärenden individuellen Charakteren, schüchtern, intellektuell, grob, albern oder ernsthaft.

Die Fantasiesprache, in der sie sich ausdrücken, scheint zwar sinnfrei, ist aber nicht sinnlos. Wenn ein rauchendes Paar in einer wie aus einem alten Hollywoodfilm stammenden Beziehungsszene sich in dieser Sprache unterhält, ergibt ihr Tonfall zusammen mit ihrem gestischen Spiel eine klare Verständlichkeit, was sie sich und uns sagen. Denn der spielerische Ausdruck erklärt die Szene völlig: Mit Rhythmus, Gestus, Mimik, Tonfall wird das soziale und gemachte der Bühnenfiguren deutlich. Schön auch, wenn alle in einer Reihe stehen und den Ton A in immer anderem Ausdruck hin und her wandern lassen.

Ein Komiker furzt lange und variationsreich

Ein Zauberkünstler bläst sich mit harmlosen, nicht immer ganz funktionierenden Kunststücken auf, ein anderer führt alberne Kunststücke mit einer angeblich sich selbst bewegenden Spielzeugeisenbahn vor, eine Sängerin macht so eklige wie erschreckende Züngeleien mit einer (nicht echten, aber echt wirkenden irre langen Zunge), ein Komiker furzt so lange wie variationsreich und wird dabei von den Musikern akustisch in immer größeres Tempo getrieben, bis er nicht mehr kann, und ein Mann hält eine hochintellektuelle, erklärende Rede. In Fantasiesprache, aber schön klar die so bekannten klug-wichtigtuerischen Reden entlarvend. Fritsch zeigt uns nicht nur die hohe, sondern auch die niedere Unterhaltungskunst. Alles aber immer höchst kunstvoll.

Es gibt noch eine Fülle von Situationen und Szenen an diesem anderthalbstündigen Abend, der nur im letzten Drittel für kurze Augenblicke seine grandiose Konzentration verliert. Zum Schluss ziehen sich alle in holzbraune Kleidung um auf dem Sofa, präsentieren eine tiefernste Opernszene und verschwinden bäuchlings auf dem Holzboden hinter einer Planke an der Rampe.

Wer Angst hatte, Herbert Fritsch würde sich in seinen bisher genutzten Ausdrucksformen nur austoben und absichern, der kann sich von dieser hochintelligenten und wahnsinnig unterhaltsamen Aufführung eines Besseren belehren lassen.

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