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Tonart | Beitrag vom 04.05.2015

Vogelstimmen in der MusikZwitschernde Künstler

Von Vincent Neumann

(picture alliance / dpa / Hinrich Bäsemann)
Für Olivier Messiaen waren die Vögel "die größten Künstler unter den Lebewesen". (picture alliance / dpa / Hinrich Bäsemann)

Drei Komponisten stehen exemplarisch für den nachdrücklichen und vielfältigen Einsatz von Vogelstimmen in der jüngeren Geschichte der Ernsten Musik. Eine klangliche Vogel-Spurensuche passend zur Vogelwoche im Deutschlandradio Kultur.

Musik: Olivier Messiaen: "Liturgie de cristal" aus "Quatuor pour la fin du temps"

"Zwischen drei und vier Uhr morgens – das Erwachen der Vögel: Eine Amsel und eine einzelne Nachtigall improvisieren hoch oben in den Bäumen, umgeben von klingendem Blütenstaub und von einem Lichthof aus verlorenen Trillern. Übertragen Sie das auf die religiöse Ebene, und sie werden die Stille der Himmelsharmonien vernehmen!"

Große Künstler

Olivier Messiaens tief-katholische Visionen durchziehen sein „Quartett für das Ende der Zeit", das 1941 in einem deutschen Kriegsgefangenenlager vollendet und uraufgeführt wurde, bei bitterer Kälte und auf kaputten Instrumenten. Doch unterhalb dieser mystischen Ebene sind es immer wieder Rhythmus und Melodie des Vogelgesangs, die seine Musik prägen. Rund 700 Vögel konnte Messiaen an ihrem Ruf unterscheiden – er nannte sie "die größten Künstler unter den Lebewesen". Die Ornithologie wurde sozusagen zur Grundlage für seine Kompositionen.

Musik: Olivier Messiaen: "Abîme des oiseaux"

Die Qualen des Gefangenlagers konnte Olivier Messiaen, der im Mai 1940 als Mitglied eines Militärorchesters in Kriegsgefangenschaft geriet, in Kreativität umwandeln: Er schrieb über die Offenbarung des Johannes, über das Ende der Welt – doch der Beginn der Ewigkeit war für ihn kein abschreckender, sondern ein tröstender Gedanke. Der Vogel – die Solo-Klarinette – scheint bei ihm Melancholiker zu sein: eher sehnsüchtig als klagend.

Musik: John Cage: „Bird Cage"

Inspiration und Wirkung

Die auf Vögel projizierte Sehnsucht nach unendlicher Freiheit, geboren aus Verzweiflung und Religiosität – es könnte wohl keinen größeren Gegensatz geben zur Arbeit von Messiaens Zeitgenossen John Cage. Auch der beschäftigte sich einige Jahre später mit den Stimmen der Vögel – sowohl Inspiration als auch Wirkung kommen in diesem Fall allerdings aus einer ganz anderen Richtung:

Bei einem Spaziergang durch Philadelphia stieß Cage 1972 auf eine Kneipe mit dem Namen „The Bird Cage". Ein Bierdeckel aus diesem „Vogelkäfig" wurde zur Grundlage des gleichnamigen Stückes, für das er innerhalb von nur zwei Wochen Vogelstimmen aufnahm und sie dann mit Alltagsgeräuschen wie Zähneputzen, Nase-Schnäuzen und auch seiner eigenen Stimme mischte, um – wie er sagte – „die Vögel weniger lächerlich erscheinen zu lassen".

Wo Messiaen die unendliche Freiheit der Vögel und die Vielfalt ihrer Stimmen feiert, hat der Cage-Ansatz also etwas viel Verspielteres. Er lässt bei „The Birdcage" einen Raum entstehen, „in dem Menschen sich frei bewegen und Vögel frei fliegen können": Zwölf Tonbänder, in einem Raum verteilt, mit verschiedenen Klangquellen, die eine Art akustischen Vogelkäfig entwerfen – Freiheit in klar definierten Grenzen also.

Musik: Einojuhani Rautavaara: „Cantus Arcticus"

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