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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 28.11.2018

Vogelschutzgebiet RheinauenBrüten, rasten, überwintern

Von Anke Petermann

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Ein Höckerschwan spreizt seine Flügel in der Nähe des Rheinufers, im Hintergrund geht die Sonne unter. (imago/Michael Schick)
Ein Höckerschwan spreizt seine Flügel in der Nähe des Rheinufers in Mainz-Kastel. (imago/Michael Schick)

Kormorane, Höckerschwäne oder Silberreiher: Die Rheinauen sind ein wichtiger Lebensraum für zahlreiche Vogelarten. Bei einer Schiffsfahrt durch das Schutzgebiet können Hobby-Ornithologen sie aus nächster Nähe beobachten – trotz Niedrigwassers.

Der starke Nebel hat sich mit dem Hellwerden gelichtet, dennoch waren die Posners auf ihrer morgendlichen Anfahrt von der hessischen Bergstraße bis zum Schluss unsicher, "ob's überhaupt stattfindet, - ja wegen Niedrigwassers – ist ja extrem!"

Doch pünktlich um 9:15 Uhr legt das zweistöckige Boot der Reeder-Familie Rössler in Bingen ab. Oben an Deck greift Eduard Memmesheimer vom NABU Rheinauen zum Mikrofon. Der pensionierte Mathelehrer hat sich beim Naturschutzbund zum Vogel-Exkursionsleiter fortgebildet.

"Guten Morgen, meine Damen und Herren, herzlich willkommen", begrüßt Memmesheimer die Ausflügler. Nur die wenigsten zieht es schon zum kühlen Tourauftakt ins Freie. Die Posners tragen wetterfeste Anoraks, haben ein großes Fernglas und einen dicken Vogelführer dabei. Üblicherweise steuert das Boot nach dem kurzen Stopp im hessischen Rüdesheim die strömungsarme und daher vogelreiche Stillwasserzone zwischen den Rheinauen am rheinland-pfälzischen Ufer und den Rheininseln an. Bei den fünf jährlichen Touren des Naturschutzbundes hat das Boot dafür eine Ausnahmegenehmigung, sagt der Mann vom NABU. Doch heute wird die nicht ausgeschöpft. Die Wassertiefe im ufernahen Stillwasser reicht nicht aus.

Beim Niedrigwasser wird es knapp

"Soviel ich weiß, braucht dieses Schiff etwa 1,30 und das wird knapp. Also, ich habe eben mit dem Kapitän gesprochen, der sagt, es ist sehr, sehr knapp, wir müssen höllisch aufpassen, dass die Schraube nicht kaputt geht und ähnliches. Aber wir werden sicher durchkommen."

Durch die Fahrrinne in der Strommitte. Diese Mitte wirkt schmal: Wo sonst nur winzige Strandsäume um Weiden und Pappelgruppen zu sehen sind, haben sich zu beiden Seiten riesige Sandbänke entblößt. Auf einer hocken schwarze Kormorane in einer Reihe, spannen die Flügel auf, wedeln damit – ihr Gefieder-Föhn. "Corvus Marinus – Seerabe", kommentiert Eduard Memmesheimer den Namensursprung. Im hessischen Rüdesheim hat er Verstärkung bekommen. Anne Geberth vom NABU Rheingau ergreift als Ko-Moderatorin das Mikrofon. Ihr Trost für enttäuschte Stillwasser-Fans:

"Der Vorteil von dem Niedrigwasser ist, dass wir die Vögel sehr viel näher sehen als sonst, trotzdem lohnt es sich, ein Fernglas zu holen, wer eins hat. Nur zu, ja."

Passagiere eines Schiffs stehen an der Reling und halten mit Ferngläsern Ausschau nach Vögeln am Ufer. (Deutschlandradio/ Anke Petermann)Baby-Stockente oder Höckerschwan-Junges? Vogelkundler Nico (11) hält Ausschau. (Deutschlandradio/ Anke Petermann)
Der NABU leiht sie gegen Pfand aus. Der elfjährige Nico greift zu, jetzt muss er sich nicht mehr mit dem zehnjährigen Ben abwechseln, die befreundeten Naturfans haben gleich zu Anfang einiges erspäht.

"Ja, Möwen - ich hab auch einen Falken gesehen, als wir hier losgefahren sind."

Außerdem:

Nico: "Babystockenten oder so – eine Schwanenfamilie dahinten."

Ben: "Und dort sind auch noch viele Schwäne."

Ben zeigt Richtung Rüdesheimer Aue. Die vermeintlichen Babystockenten identifiziert Anne Geberth als Höckerschwan-Junge. In Richtung Stillwasserzone jenseits der Insel hat sie neben den häufigen Graureihern etwa gleichgroße blütenweiße Vögel gesichtet.

"Zwei Stück, einer sitzt auf einem Baum am Ufer, einer sitzt am Boden."

Geberth deutet auf die weißen Kilometer-Schilder:

"Also hinter der zwei sind die Graureiher, hinter der drei die Silberreiher."

Bei dauerhafter Wärme droht Kettenreaktion

Nico beeindrucken die Silberreiher in ihrer majestätischen Eleganz. Der Elfjährige hört aufmerksam zu, was die NABU-Expertin über die Einwanderer erzählt:

"Die kommen ursprünglich aus dem Mittelmeergebiet und durch die Klimaerwärmung breiten die sich langsam mehr nach Norden aus, deshalb sind die hier noch nicht ganz so oft zu sehen. Und die sind halt strahlend weiß, deshalb fallen sie auf, sehen hübsch aus, die passen sich hier problemlos an."

"An der Tierwelt sieht man es eindeutig, an der Pflanzenwelt ja auch schon, dass die ganzen Wärme-liebenden Arten zunehmen", konstatiert Gina Gorzejeska in Bezug auf den Klimawandel. Die studierte Biologin kartiert hauptberuflich Vegetation. Gemeinsam mit ihrer Fachkollegin Lavinia Becker bleibt Gorzejeska die ganze Zeit an Deck, die jungen Frauen haben wasserfeste Sitzunterlagen dabei und tragen Wollmützen.

"Ich habe selber schon mal Führungen am Wattenmeer gegeben, und kenne die Vögel hier jetzt alle gar nicht so gut, deshalb interessiert mich das. Es ist einfach schön, die Auen zu sehen, weil ich die gar nicht so kenne."

Der Silberreiher steht auf Totholz am Wasser. Es handelt sich um einen Vogel mit weißem Gefieder, langen Beinen und dünnem, langen Schnabel. Der Hintergrund ist grau. (imago/imagebroker)Ein Silberreiher (Ardea alba) steht auf Totholz am Wasser. (imago/imagebroker)

Becker klemmt sich wieder das Fernglas vors Auge. Das Niedrigwasser 2018 – in den Augen der Biologinnen zunächst ein Wetterphänomen. Watvögel wie Möwen und Flussregenpfeifer profitieren sogar davon: Das Nahrungsangebot wächst mit der Größe der Sandbänke. Wenn es sommers immer wieder so heiß und trocken würde, gäbe es allerdings Probleme, glaubt Anne Geberth vom NABU Rheingau.

"Gerade im Sommer heizt sich das Wasser dann viel zu stark auf, der Sauerstoff geht raus, die Algen vermehren sich, die Fische sterben. Wenn's keine Fische mehr gibt, hat der Kormoran nichts mehr zu fressen, das ist ja immer so eine Kettenrektion. Also kurzzeitig ist es kein Problem, wenn es länger dauert wäre es schlecht."

Die Nilgans gibt den Flamingo

"Wie heißen diese Gänse nochmal, die aus Afrika gekommen sind", fragt Ben.

"Niigänse oder so."

Geberth:"Nilgänse"

"Das hat mir mein Vater erzählt. Es gibt so welche, die verbreiten sich hier auch, obwohl sie eigentlich auch aus Afrika kommen."

Wie die Kanadagänse vor vier Jahrzehnten als Federvieh für Parks importiert, heute mancherorts als Plage auf der Abschussliste. "Nicht zu füttern, wäre wirkungsvoller", kommentiert Anne Geberth, schon gar kein energiereiches Brot.

"Salat füttern wäre schon mal ein Fortschritt, ja."

Gerade entdeckt die studierte Landschaftsentwicklerin eine braune Nilgans am Ufer. Die gibt den Flamingo.

"Das ist auch so eine typische Ruheposition auf einem Bein stehend. Das sieht dann aus, als hätten die gar kein zweites. Das steckt dann aber unter den Federn."

Ein Eisvogel hat im Wasser etwas erbeutet und fliegt hoch. (imago/blickwinkel)Ein Eisvogel hat im Wasser etwas erbeutet und fliegt hoch. (imago/blickwinkel)
Aufregung unter den Biologinnen, sie haben einen bunt schillernden gedrungenen Vogel entdeckt.

"Der sitzt da auf dem Stock."

"Rechts wäre ein Eisvogel zu sehen."

"Da unter der 6."

"Unter der 6 direkt auf dem Stock."

"Unter der 6 auf nem Stock."

"Direkt auf dem Wasserrand."

"Eisvögel sind sehr selten, spatzengroß, oberseits blau, unterseits orange, ganz schillerndes Gefieder, die sind in den letzten Jahren wieder etwas häufiger geworden, durch Schutzmaßnahmen, aber es ist etwas Besonderes, den hier zu sehen."

Eisvögel können nicht im Trüben fischen

Die meisten der 90 Eisvögel leben in den Tropen. Warum die mitteleuropäische Art in dicht besiedelten industrialisierten Gegenden so stark zurückgegangen war? Anne Geberth erklärt es so:

"Sie brauchen wirklich glasklares Wasser zum Fischen, die müssen die Fische sehen. Der Kormoran spürt die so auf , auch in trübem Wasser, das kann der Eisvogel nicht, das heißt, das Wasser muss sehr sauber sein."

Und der Rhein ist sauberer geworden, außerdem dringen die Naturschützer vielerorts darauf, auf künstliche Steinschüttungen zu verzichten, um Uferbiotope wiederherzustellen. Der Eisvogel ist zum Brüten angewiesen auf natürliche Steilwände, in die er Bruthöhlen gräbt. Zu finden sind solche steilen erdige Abbrüche dort, wo Bäche mäandern, also Schleifen ziehen dürfen. Vielleicht auch bald wieder am Inselrhein. Als Ausgleichsmaßnahme für Naturzerstörung anderswo hat man ihm einen Seitenarm zurückgegeben. Eine neue Stillwasserzone ist so entstanden, eine von denen, die den Inselrhein zum international bedeutenden Vogelschutzgebiet machen.

"Also, für die ganzen Zugvögel, die vom Norden kommen und weiter nach Südeuropa oder Afrika fliegen ist der Inselrhein ein riesiger Rastplatz, so viele Inseln im Wassern sind schon selten, da machen viele Vögel gern Rast, hier haben sie ihre Ruhe, und können Kraft tanken für den Weiterflug. Ein Teil von denen fliegt bis Südafrika. Auch sehr kleine Vögel dabei, die Schwalben. Deswegen sind die Gebiete hier so wichtig."

Brückenbau kommt für Vogelschützer nicht infrage

Wie sich das mit der Diskussion über eine Brücke über den Mittelrhein verträgt? Gar nicht, kontert die Naturschützerin knapp. Selbst wenn das Niedrigwasser die Fährverbindungen zwischen der hessischen und der rheinland-pfälzischen Seite ausgedünnt hat, die Fähre zwischen Niederheimbach und Lorch liegt auch im November noch still. Aber:

"Durch den hohen Schutzstatus, den das Gebiet hat, ist es rechtlich überhaupt nicht möglich, eine Brücke zu bauen. Also, das erlaubt Vorhaben dieser Art nur, wenn es überhaupt keine zumutbare Alternative gibt. Die zumutbare Alternative, das sind halt die Fähren, die sind für die Vögel sehr viel störungsfreier, und so lange deren Einsatz möglich ist, ist es einfach nicht erlaubt, da eine Brücke zu bauen. Auch wenn verschiedene Politiker immer mal wieder was anderes behaupten, aber es wäre einfach illegal."

Die Aufnahme zeigt ein sehr breites Flussbett, in dem so wenig Wasser fließt, dass zahlreiche größere Steine aus dem Wasser stehen. (imago/ Ralph Peters)Niedrigwasser in Rhein und Nahe, bei Bingen in Rheinland-Pfalz (imago/ Ralph Peters)
Aufgrund der Klimaerwärmung wird der Inselrhein mehr und mehr zum Dauerlebensraum von Störchen, die nicht mehr wegziehen. Geberth deutet auf ein Nest auf einem abgebrochenen Stamm im Auwald, im Frühjahr wird es vermutlich vom alten Storchenpaar repariert und als Brutstätte recycelt. Arktische Vogelarten finden Temperaturen bis minus zehn Grad ohnehin kuschlig genug, um zu bleiben, wie der skandinavische Mittelsäger. Die Entengattung der Säger mit ihren langen, an der Spitze gebogenen und an der Kante gezackten Schnäbeln hat es den Imhäusers angetan. Deshalb freuen sich die beiden Hobby-Ornithologen schon auf die Winter-Schiffstouren:

"Also, wenn es im Winter richtig kalt ist, bei einer der Januar- oder Februar-Fahrten, ist so ein Highlight so ein Zwergsäger. Die kommen aus Skandinavien, aus Russland und sind halt nur hier wenn es extrem kalt ist. Das ist was Besonderes."

Die Singschwäne kommen erst, wenn es richtig kalt wird

Gertrude Döbel-Imhäuser zückt ihr Handy mit der Vogelbestimmungsapp, zeigt das Männchen, das seine Federhaube aufrichten kann, um an Größe zu gewinnen.

"Es ist ein sehr schöner Vogel – so weiß, so knallweiß, dass man den auch auf große Entfernung sieht, obwohl der so klein ist."

Vorfreude auch auf die Singschwäne, Brutvögel aus der osteuropäischen oder sibirischen Taiga.

"Die sind auch nur da, wenn's richtig, richtig kalt ist, also wenn in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern die Seen zugefroren sind und hier noch das Wasser offen, dann sind viele Vögel aus Skandinavien oder dem Baltikum da, die man sonst nicht sieht. Aber dafür ist es heute nicht kalt genug."

Sagt die Pädagogin, die mehr als drei Stunden lang gemeinsam mit ihrem Mann vom kühlen Schiffsdeck aus die Vogelwelt erkundet. Sie hofft auf Niederschlag. Und darauf, dass der Pegel beim nächsten Mal wieder für eine Bootstour durchs Stillwasser reicht.

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