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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.02.2012

Völlig zerschossen

Tom Buk-Swienty, "Schlachtbank Düppel. 18. April 1864. Die Geschichte einer Schlacht", Osburg Verlag

Eine dänische Flagge weht auf der Insel Bornholm im Wind (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
Eine dänische Flagge weht auf der Insel Bornholm im Wind (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Der deutsch-dänische Krieg war der erste der drei Reichseinigungskriege. Deshalb ist das spannende Buch über die Schlacht von Düppel für deutsche Leser wichtig. Tom Buk-Swienty räumt darin mit dem Mythos von Dänemark als verratenem Opfer auf.

Der 18. April 1864 dürfte für die Dänen noch einschneidender sein als der 9. April 1940, als die deutsche Wehrmacht in Dänemark einmarschierte. Die Erstürmung der Düppeler Schanzen hat sich ins kollektive Gedächtnis eingegraben, es war das Ende des dänischen Gesamtstaats, das heißt, eines praktisch zweisprachigen Landes mit den deutsch geprägten Herzogtümern Schleswig, Holstein und Lauenburg.

Fast 150 Jahre lang hat sich Dänemark in diesem Konflikt mit Preußen und Österreich als unschuldiges, von den Großmächten verratenes Opfer gesehen. Mit diesem Mythos räumt der dänische Autor Tom Buk-Swienty in seinem aufwühlenden Buch radikal auf. Dänemark selbst, so der Autor, trage die Hauptschuld am Zusammenbruch des Staates und, nicht zu vergessen, an den vielen Toten auf beiden Seiten. Schon in den Jahren davor ignorierte Kopenhagen durch Danifizierungsprogramme in den schleswigschen Schulen den Willen der Bevölkerung. Der Auslöser des Krieges aber war die dänische Novemberverfassung von 1863, die auch für Schleswig gelten sollte, was den Bruch des Londoner Protokolls von 1852 bedeutete. Bismarck, damals preußischer Ministerpräsident, machte sich das zunutze, aber ein Hinterhalt war es nicht.

Nun ist Buk-Swienty nicht nur studierter Historiker, sondern auch ein erfahrener Journalist, der keinen trockenen Bericht liefert. Zwar macht er uns zumindest in groben Zügen mit den Ereignissen bekannt, die auf das Jahr 1864 hinführen. Zugleich aber nimmt er persönliche Briefe und Tagebuchnotizen von gemeinen Soldaten und einfachen Offizieren, von Pressekorrespondenten und Rotkreuz-Vertretern zu Hilfe, um zu zeigen, wie die Beteiligten diesen Krieg erlebten. Dazu gehört auch die Beschreibung der unvorstellbaren Verwundungen der Soldaten sowie der auf Jahre hinaus zerstörten Landschaft um Düppel und des völlig zerschossenen Sonderburg auf der nordschleswigschen Insel Alsen, das am Ende aussah wie deutsche Städte im Mai 1945.

Natürlich wird Düppel für uns nie die Rolle spielen wie für Dänemark, das ist eine Frage der Größenordnung. Aber ohne Düppel womöglich kein Königgrätz (1866, als Preußen Österreich schlug), kein Sedan 1870 (der Sieg der deutschen Staaten gegen Frankreich) und, so suggeriert der Autor, vielleicht auch kein Deutsches Reich; der deutsch-dänische Krieg war ein Schritt zur deutschen Vereinigung, der erste der drei Reichseinigungskriege. Deshalb ist Buk-Swientys Werk auch für deutsche Leser wichtig. Die erzählende Form und die raffinierte Mischung aus bekannten Tatsachen, Forschungserkenntnissen, mutigen Klarstellungen und persönlichen Notizen der Teilnehmer machen das Buch spannend und mitfühlend: eine absolut empfehlenswerte Lektüre für eine breite, historisch interessierte Leserschaft.

Besprochen von Peter Urban-Halle

Tom Buk-Swienty: Schlachtbank Düppel. 18. April 1864. Die Geschichte einer Schlacht
Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg
Osburg Verlag, Berlin 2011
360 Seiten, 24,90 Euro

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