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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.01.2011

Völker im Rausch der Verzweiflung

Peter Ferdinand Drucker: "Ursprünge des Totalitarismus - Das Ende des Homo Oeconomicus", Karolinger Verlag, Wien 2010, 238 Seiten

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Adolf Hitler (AP)
Adolf Hitler (AP)

Anfang 1939 erschien Peter Ferdinand Druckers für das Verständnis des Totalitarismus elementar wichtiges Buch "The End of Economic Man. The Origins of Totalitarianism", das jetzt endlich auch auf Deutsch vorliegt.

Als 22-Jähriger hatte Peter F. Drucker kurz vor Hitlers Machtergreifung damit begonnen, die Alchemie des Totalitarismus akribisch unter der unbestechlichen Lupe seines scharfen Verstandes zu analysieren. Es ging ihm darum, die Struktur, die Mechanik und die Dynamik des aus seiner Sicht primär sozialen Phänomens des Totalitarismus zu verstehen.

Für Drucker ist der Nationalsozialismus weder ein zwangsläufig aus der deutschen Geschichte ableitbares genuin deutsches Phänomen noch der von marxistischer Warte aus gesehen letzte Atemzug des Kapitalismus. Zusammen mit seinen totalitären Varianten Faschismus und Sowjetkommunismus handelt sich es beim Nationalsozialismus um die extremste und pathologischste Ausprägung einer europäischen Krankheit. Zum Ausbruch kam diese die europäische Kultur tödlich bedrohende Krankheit deshalb, weil im Gefolge des Ersten Weltkriegs die Massen ihre wirtschaftliche Grundlage und jede Hoffnung auf Gleichheit und Freiheit verloren hatten.

Wie extrem Dogenabhängige wurden die entwurzelten Massen von den totalitären Regimen durch spektakuläre Groß-Events und immer wahnhafter gezeichnete Feindbilder in ihrem bodenlosen Verzweiflungsrausch ’gehalten’, bis es dann zu dem von Peter Drucker mit visionärer Detailgenauigkeit prognostizierten totalen inneren und äußeren Zusammenbruch am Ende des verlorenen Krieges kam. Dass sich das sowjetkommunistische System auf Dauer nicht aufrecht erhalten ließ, war für Drucker aufgrund seiner Analyse der totalitären Grundstrukturen sonnenklar.

Wie Sebastian Haffner, der bis 1938 ‚vor Ort’ das NS-Regime beobachten konnte, bis er dann nach England emigrierte, ist Peter F. Drucker, der bereits 1933 emigrieren musste, ein Kronzeuge dafür, dass es auf der Grundlage einer genauen Kenntnis der Geschichte und ihrer Gesetzmäßigkeiten sehr wohl möglich war, den Totalitarismus im europäischen Kontext zu verstehen. Anhand offen liegender Fakten beschreibt Drucker die Irrationalität totalitärer Regime. Für die Ära nach dem Zerfall des Totalitarismus forderte Drucker im Jahr 1939, dass sich das Nachkriegseuropa auf die Suche nach einer "neuen positiven nicht-ökonomischen Konzeption des freien und gleichen Menschen" machen sollte.

Besprochen von Hans-Jörg Modlmayr

Peter Ferdinand Drucker: Ursprünge des Totalitarismus - Das Ende des Homo Oeconomicus
Deutsche Erstübersetzung der 1939 erschienenen Originalausgabe
Karolinger Verlag, Wien 2010, 238 Seiten

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