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Konzert / Archiv | Beitrag vom 09.03.2017

Vladimir Jurowski leitet das London Philharmonic Orchestra Jede Menge Autorequiem

Aufzeichnung aus der Royal Festival Hall

Vladimir Jurowski (dpa / picture alliance / Sergey Pyatakov)
Vladimir Jurowski (dpa / picture alliance / Sergey Pyatakov)

Mit der 2. Sinfonie von Edison Denisow, dem Violinkonzert von Alban Berg und der Sinfonie Nr. 15 von Dmitrij Schostakowitsch präsentierte das London Symphony Orchestra unter Vladimir Jurowski drei Werke, die sich jedes auf seine Weise mit dem Tod auseinandersetzen.

Edison Denisow schrieb seine zweite Sinfonie wenige Monate vor seinem Tod - er starb am 24. November 1996 an den Folgen eines Verkehrsunfalls in Paris. In diesem Werk bringt Denisow auf sehr zielgerichtete Weise das zusammen, was er - trotz aller Verbote durch das Sowjetsystem - immer wieder versucht hat, in seiner Musik umzusetzen: Elemente der traditionellen Musik Russlands und seine Faszination für die westlichen Avantgardekomponisten, insbesondere für Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen. 

Alban Bergs einziges Violinkonzert entstand 1935. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland war Berg eine erhebliche Einkommensquelle weggebrochen – seine Musik durfte nicht mehr aufgeführt werden. Im Februar trat der US-Amerikanische Geiger Louis Krasner mit der Bitte an Berg heran, ihm ein Violinkonzert zu schreiben. Zeitlich kam das zwar ungelegen, denn Berg arbeitete gerade an seiner Oper "Lulu", das Honorar von 1500 Dollar konnte er aber gut gebrauchen, und so willigte er ein. Den entscheidenden Impuls, das Konzert zu schreiben, löste aber erst einige Monate später das Schicksal von Manon Gropius an. Die Tochter von Alma Mahler und Walter Gropius, die gute Freunde von Alban Berg waren, starb mit 18 Jahren an Kinderlähmung. Berg schrieb an Alma Mahler, dass er beabsichtige, sein Werk "dem Andenken eines Engels” zu widmen, in Erinnerung an Manon. Kurz nach Vollendung des Konzerts zog sich Berg nach einem Insektenstich eine Blutvergiftung zu, an deren Folgen er am 24. Dezember 1935, im Alter von 51 Jahren, starb.

Dmitrij Schostakowitsch wiederum schrieb seine letzte Sinfonie 1971. Zu diesem Zeitpunkt stand es um Schostakowitschs Gesundheit nicht zum Besten. Sehr wahrscheinlich ahnte der 65jährige bereits, dass ihm nur noch wenige Lebensjahre bleiben würden. Dabei sollte seine 15. Sinfonie eigentlich ein fröhliches Werk werden, wie er Freunden in dieser Zeit mitteilte. Und tatsächlich gibt es immer wieder leichte und verspielte Passagen. Als einen Rückblick auf sein Leben, so könnte man diese Sinfonie bezeichnen. Schostakowitsch verwendet diverse Fremdzitate von Beethoven, Wagner oder Rossini. Daneben setzt er zahlreiche Anspielungen auf eigene Werke, etwa Anklänge aus den frühen Balletten "Das goldene Zeitalter" oder "Der Bolzen". Wie sehr der Komponist den Tod vor Augen gehabt haben muss, zeigt die Einleitung zum Finale: Es ist die Musik der "Todesverkündigungsszene" aus Wagners Walküre. Schließlich endet die Sinfonie mit einem Schlagzeugsolo, das einem mechanischen Ticken ähnelt und irgendwann zum Stehen kommt. "Morendo" - "sterbend" - steht unter dem letzten A-Dur-Akkord.

Royal Festival Hall, London
Aufzeichnung vom 22. Februar 2017

Edison Denisow
Sinfonie Nr. 2

Alban Berg
Konzert für Violine und Orchester ("Dem Andenken eines Engels")

Dmitrij Schostakowitsch
Sinfonie Nr. 15 A-Dur op. 141

Patricia Kopatchinskaja, Violine
London Philharmonic Orchestra
Leitung: Vladimir Jurowski

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