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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 22.08.2014

Vitamin B1Die Mär vom gesunden Vollkornreis

Warum polierter Reis nicht weniger gesund ist

Von Udo Pollmer

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Die Honghe Hani Reisterrassen in China, ein UNESCO Weltkulturerbe (picture alliance / dpa)
Reisterrassen in China: Reis enthält B1 - auch in der polierten Variante. (picture alliance / dpa)

Das Vitamin B1 gilt als wertvolles Nervenvitamin. Ein B1-Mangel soll die Krankheit "Beriberi" auslösen. Deshalb bloß Naturreis und keinen polierten Reis essen! Warum das aber ganz und gar nicht stimmt, entlarvt Ernährungsexperte Udo Pollmer.

Die wunderbare Welt der Vitamine gibt schon wieder Anlass zum Staunen: Bisher hatte das Vitamin B1, auch Thiamin genannt, eine blütenweiße Weste: Es galt als Chemikalie, die selbst in hoher Dosierung keinerlei Schaden anrichten kann. Nun nimmt auch dieser Mythos ein böses Ende. Ein Forscherteam aus San Francisco und Peking stieß beim Studium des Thiamin-Stoffwechsels auf ein merkwürdiges Phänomen: B1 rief im Tierversuch, wenn es in höherer Dosis verabfolgt wurde, einen Leberschaden hervor, genauer gesagt eine Fettleber.

Erstaunlich, dass man nichts von dieser bahnbrechenden Arbeit in den Medien hört – warnen sie doch seit Jahren vor der "Volkskrankheit nichtalkoholische Fettleber", die angeblich durch "falsche Ernährung" entsteht. Dabei ist die genannte Forschungsarbeit in einem führenden Fachblatt, den Proceedings of the National Academy of Sciences erschienen; wegen ihrer grundlegenden Bedeutung wurde sie vom Herausgeber des ebenso namhaften Wissenschaftsmagazins Science eigens gewürdigt.

B1 galt als Nervenvitamin - zu Unrecht

Die nichtalkoholische Fettleber wird normalerweise durch einen Mangel an tierischem Eiweiß begünstigt. Nun treten als weitere Ursachen Vitaminpräparate und vitaminisierte Lebensmittel auf den Plan. Kein Wunder, wenn die Fallzahlen steigen.

Natürlich böte es sich an dieser Stelle an, die positiven Seiten von Vitamin B1 zu erwähnen. Der Stoff gilt landläufig als Nervenvitamin. Dummerweise hat sich dies als Produkt blühender Phantasie erwiesen. Der Internist Hans Glatzel, ehemals Chef der Ernährungsphysiologie am Max-Planck-Institut in Dortmund, berichtet genüsslich von Experimenten, bei denen die Probanden über längere Zeiträume eine Kost erhielten, die reich an Vitamin B1 war und dann wieder frei davon – und umgekehrt. Doch die Symptome, die die Probanden entwickelten, hatten rein gar nichts mit der Vitaminzufuhr zu tun. Sie traten immer nur dann auf, wenn der Versuchsleiter erzählte, jetzt sei die Kost arm an B1. Alsbald klagten sie über Appetitlosigkeit, Antriebslosigkeit, brennende Füße und Schmerzen – was halt in der Werbung damals so erzählt wurde. Teilte der Versuchsleiter mit, es sei wieder Vitamin B1 im Essen, obwohl es tatsächlich frei davon war, waren die Malaisen wie weggeblasen.

Mythen sind zäh. Dazu gehört auch die Mär vom polierten Reis, der vor über 100 Jahren eine schlimme Vitamin-B1-Mangelkrankheit ausgelöst haben soll, die Beriberi. Würde die Idee mit dem polierten Reis stimmen, müssten Völker, die stattdessen Weißmehl oder Obst essen, ebenso an Beriberi erkranken. Da ist genauso wenig Thiamin enthalten wie im weißen Reis. Beriberi gab es aber praktisch nur bei Reisessern. Auch wenn ganze Völker sich jahraus jahrein von weißem Reis ernährten, trat die Beriberi immer nur lokal begrenzt auf. Am B1 konnte es nicht liegen, schon damals war in Asien das Vitamin B1-reiche Schweinefleisch beliebt, neben zahlreichen weiteren B1-haltigen Speisen, wie z.B. Insekten. Aber das hatte offenbar keinen Einfluss auf Entstehung und Verlauf der Krankheit.

"Beriberi" verschwand, nachdem Qualitätskontrollen eingeführt wurden

Die auffälligsten Symptome einer Beriberi, nämlich Durst, Durchfall und Erbrechen, sind natürlich Zeichen einer akuten Vergiftung. Tatsächlich beruht die Erkrankung nicht auf einem Mangel, sondern auf einer Schimmelpilzvergiftung, die durch Fusarien auf Reis ausgelöst wird. 1972 identifizierten japanische Chemiker das verantwortliche Nervengift Citreoviridin. Bereits 1911 hatte die Beriberi-Studien-Kommission in Tokyo berichtet, dass die Krankheit nicht nur beim Konsum von poliertem Reis auftritt, sondern gleichermaßen bei Naturreis.

Die Beriberi ist aus Asien verschwunden, nachdem Qualitätskontrollen für Reis eingeführt und verdorbene Chargen aus dem Verkehr gezogen wurden. Gehalten hat sich aus dieser Zeit nur die Heldensaga vom vermeintlich gesunden Vollkornreis und die Mär vom Nervenschutz durch Vitamin B1. Würden die Menschen Amulette tragen, statt Vitamine zu schlucken, wäre damit auch manch einer Leber geholfen. Mahlzeit!

Literatur

Chen L et al: OCT1 is a high-capacity thiamine transporter that regulates hepatic steatosis and is a target of metformin.PNAS 2014; 111: 9983–9988
Kiberstis PA: A vitamin's dark side in liver disease. Science Editor's Choice – Highlights of the recent literature, 25. 07. 2014
Beriberi-Studien-Kommission: Mitteilungen der Beriberi-Studien-Kommission. Tokyo 1911
Glatzel H: Sinn und Unsinn der Vitamine. Kohlhammer, Stuttgart 1987
Miura K: Beri-Beri. A Hölder, Wien 1913
Ueno Y, Ueno I: Isolation and acute toxicity of citreoviridin. a neurotoxic mycotoxin of
Penicillium cilreo-viride Biourge. Japanese Journal of Experimental Medicine 1972; 42: 91-105
Tainsh AR: Beriberi and mycotoxicosis: an historical account. Nutrition and Health 1984; 3: 189-193

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