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Elektronische Welten / Archiv | Beitrag vom 06.03.2013

Virtuelle Therapie für Angstpatienten

Wissenschaftler aus Amsterdam entwickeln neues Verfahren

Von Remko Kragt

In Amsterdam werden Menschen mit ihren Ängsten konfrontiert, ohne dass sie einen geschützten Raum verlassen müssen. (AP)
In Amsterdam werden Menschen mit ihren Ängsten konfrontiert, ohne dass sie einen geschützten Raum verlassen müssen. (AP)

In Westeuropa wird jeder fünfte Mensch mindestens einmal in seinem Leben von einer Angststörung heimgesucht. Psychologen aus den Niederlanden behandeln dies nun mit moderner Computertechnik - und schicken ihre Patienten auf virtuelle Blind Dates oder Flugreisen.

In einem bekannten Restaurant in Amsterdam. Der Kellner führt mich an meinen Platz, jemand hat ihn für mich reserviert. Am Tisch sitzt bereits eine junge Frau. Ich stelle mich vor und sie antwortet.

Freut mich, sagt sie, ich heiße Marleen. Für uns wurde ein Blind Date organisiert. Das ist jedenfalls die Geschichte, die hier gespielt wird. Die entsprechenden Instruktionen habe ich kurz zuvor auf zwei kleinen Bildschirmen gelesen. Die habe ich direkt vor meinen Augen - in einer Videobrille, die mit einem Kopfhörer verbunden ist. Solche Konstruktionen kennt man von manchen Videospielen: Ich trage ein sogenanntes HMD, ein Head-Mounted-Display. Die Umgebung, die ich damit sehe und höre, ist in irgendeinem Computer gespeichert. Tatsächlich befinde ich mich im Virtual Reality Labor der Universität von Amsterdam. Empfangen hat mich die Psychologin Katharina Meyerbröker. Sie nutzt das Labor für ihre Doktorarbeit. Katharina Meyerbröker behandelt Angststörungen.

"Wir haben hier eine virtuelle Umgebung zur Behandlung von sozialer Angst. Das können soziale Situationen sein wie eine Party oder ein Geburtstagsfest, es können aber auch Arbeitssituationen sein. Also es ist meistens so, dass die Menschen sich aus Angst vor der negativen Beurteilung mehr zurückziehen und die Interaktion nicht mehr suchen mit anderen Menschen. Und hier haben wir jetzt eine virtuelle Umgebung, wo soziale Interaktion möglich ist. Das heißt: Sie können mit Leuten sprechen und die reagieren auch auf sie und da können sie das sozusagen üben."

Therapeuten behandeln Angst- und Panikstörungen häufig so, dass sie die Betroffenen unter Begleitung in die Situationen schicken, die ihre Ängste auslösen. Sie schicken Patienten etwa auf die Straße, wo sie einen Fremden nach dem Weg fragen müssen. Oder sie gehen in volle Fahrstühle oder verschlossene Räume. Ein neuer Weg ist der Einsatz von virtueller Realität mit dem HMD. Er bietet sich etwa für Situationen an, die nicht leicht nachgestellt werden können. Bei Flugangst etwa - auch dafür gibt es einen Versuchsaufbau im VR-Labor.

Eine soziale Realität, wie etwa einem Restaurant, ist komplex und vergleichsweise schwer zu simulieren. Die Psychologen nutzen dafür Programme, die an der technischen Universität Delft entwickelt wurden. Die simulierten Blind Dates gibt es in weiblichen und männlichen Versionen.

Ihr Verhalten kontrollieren die Psychologen hinter einer großen Glasscheibe. Fünf Bildschirme stehen dafür in einem Nebenraum. Ihre Funktion erläutert Isabel Kampmann. Auch sie promoviert an der Universität Amsterdam.

"Auf den beiden Linken sehen Sie genau, was der Patient selber auch sieht. Also sozusagen zwei für die zwei Augen. Und dieser Bildschirm ist eigentlich nur der Server. Und dieses ist das wichtigste für den Therapeuten. Hier kann man angeben, was gemessen werden soll. Also wir messen zum Beispiel die Herzfrequenz, dann den Galavanic Skin Response und auch die Stimmfrequenz. Hier sehen Sie verschiedene Regler, hier können Sie einstellen, wie freundlich der Avatar sein soll oder wie unfreundlich."

Die Psychologen steuern auch den Verlauf der Gespräche. Sie verfolgen die Konversation auf einem der Bildschirme. Mögliche Reaktionen der Avatare werden dort jeweils zur Auswahl angeboten. Isabel Kampmann deutet auf die grafische Gesprächsdarstellung.

"Hier ist immer der Dialog, also die Hauptlinie im Dialog - und hier gibt es Standard- Ausweichmöglichkeiten. Man kann die Dialoge auch verlängern oder irgendwie anders Variation hereinbringen. Auch wenn der Patient dann irgendwelche unerwarteten Fragen stellt oder Antworten gibt, kann man hier wieder zurückkommen auf den eigentlichen Dialog."

Etwa mit dem Einwurf: Ich komme noch mal auf meine Frage zurück.

Die Psychologen sind auf Standardsituationen angewiesen - auf Kosten des Eindrucks von Wirklichkeit. Auch meine Blind-Date-Partnerin wirkt ziemlich irreal. Sie dreht ab und zu den Kopf, blinzelt mit den Augen und führt ansonsten in einer fließenden Bewegung ihre Gabel zwischen Teller und Mund hin und her - aber sie rührt die Speisen auf ihrem Teller dabei nicht an. Drehe ich meinen Kopf, dann sehe ich den Raum. Aber schaue ich nach unten, dann sehe ich nichts. Ich selbst fehle in der Situation. So bleibt die Frage: Wie real ist die virtuelle Realität?

Katharina Meyerbröker: "Ja, das ist eine sehr interessante Frage. Mit Flugangststudien haben wir das auch gehabt. Wenn Menschen im Flugzeug saßen, konnten sie aus dem Fenster sehe,n wie das Flugzeug startete und konnten den Menschen neben sich sehen, und dann haben sie nach unten geschaut und dann saß keiner auf dem Stuhl, wo sie saßen. Dann waren die Menschen schon ein bisschen überrascht. Das haben wir jetzt pragmatisch angepackt in der neuen Flugangstumgebung, und zwar bekommen Menschen, wenn sie auf dem Flugzeugstuhl sitzen, eine Decke über die Beine, und in der virtuellen Umgebung, wenn sie dann nach unten schauen, dann sehen sie eine Decke auf ihren Beinen liegen."

Letztendlich sei das aber egal, sagt die Psychologin. Ihre Vergleichsstudien hätten ergeben, dass die Behandlung von Ängsten und Panikattacken in der virtuellen Realität zumindest nicht weniger wirksam sei als eine Behandlung in realer Konfrontation. Und am Schluss können sie dann vielleicht ganz souverän mit der verblüffenden Frage meiner Avatarin umgehen: Zu mir oder zu dir?

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