Mittwoch, 28.10.2020
 

Studio 9 | Beitrag vom 13.02.2020

Virtual Reality-Experiment in SüdkoreaNoch einmal mit der toten Tochter sprechen

Von Kathrin Erdmann

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Eine Frau mit Virtual Reality-Brille und Handschuhen berührt die Hand eines jungen virtuellen Mädchens. (Screenshot Youtube/MBClife)
"Mama ich habe Dich sehr vermisst": Szene aus dem südkoreanischen Dokumentarfilm "I Met You" über ein virtuelles Wiedersehen einer Mutter mit ihrer toten Tochter. (Screenshot Youtube/MBClife)

Es ist ein traumatisches Erlebnis, wenn Eltern ihr eigenes Kind verlieren. Einer südkoreanischen Mutter ist das passiert: 2016 starb ihre Tochter an einer seltenen Krankheit. Nun traf sie die damals Siebenjährige in der virtuellen Realität wieder.

Jang sieht aus, als sei sie bereit für ein Videospiel. Mit einer speziellen Brille und Datenhandschuhen steht die südkoreanische Mutter in einem Filmstudio mit grünem Hintergrund. Und plötzlich ist sie da. Im ärmellosen rosafarbenen Sommerkleid schaut Nayeon ihre Mutter an, um ihre Schultern baumelt eine kleine Handtasche. An den Füßen trägt sie grüne Flipflops. Im schulterlangen Haar steckt ein feiner Haarreifen.

"Mama ich habe Dich sehr vermisst, Du mich auch?"
"Ja, ich habe Dich auch sehr vermisst."

Die Mutter weint, greift mit ihren Händen nach der virtuellen Tochter, die sie mit großen Augen unbewegt anschaut. Mutter Jang weint und weint, überwältigt davon, ihrer toten Tochter wieder so nah sein zu können.

"Mama, Du willst meine Hand halten, oder?"

Stimme aus Originalaufnahmen rekonstruiert

Dann senkt die Kleine den Kopf, als wolle sie sich verbeugen. Doch dann rennt sie weg, über eine sattgrüne Wiese und zeigt Mutter Jang ihr neuestes Spielzeug. Der Höhepunkt aber ist, als sich Mutter und ihre Tochter an einen Tisch setzen – vor ihnen steht eine virtuelle Geburtstagstorte: "Wie hübsch", sagt die Tochter, nimmt ihr rosafarbenes Smartphone, macht ein Foto der Mutter und äußert dann einige Kinderwünsche: "Bitte mach, dass Papa aufhört zu rauchen. Und, dass sich meine Geschwister gut verstehen und keiner krank wird, und hm…" Ja, Mama soll nicht mehr weinen, wünscht sich Nayeon noch.

Die Stimme der Tochter hat ein Video- und Spieleproduzent für den südkoreanischen Fernsehsender MBC aus Originaltönen zusammengebastelt, Bewegungen und Mimik anhand eines anderen Kindes erarbeitet. Die Vorbereitungen dauerten fast ein Dreivierteljahr. Die Familie, die die ganze Begegnung im Studio mitverfolgt, kämpft mit den Tränen. Eine Schwester wischt sich mit dem Ärmel über die Augen: "Ihr Gesicht sieht ein bisschen anders aus."

"Mama, bleib bei mir"

In den sozialen Medien hat das Experiment eher positive Reaktionen ausgelöst – die meisten hat es tief berührt, manche würden ebenfalls gern Kontakt mit Verstorbenen aufnehmen. Einige finden die virtuelle Wiedervereinigung jedoch "geschmacklos" und ethisch fragwürdig.

Mutter Jang jedenfalls gibt sich am Schluss eher gelassen: "Manchmal spreche ich ins Leere, oder meine Hände gehen ins Leere. Ich bin diese Verrückte, die ,Hi‘ in die Leere sagt."

Die Begegnung ist für alle Beteiligten hochemotional – und mit den musikalischen Zwischenpassagen auch extra so aufbereitet. Am Ende der fast 10-minütigen virtuellen Begegnung legt sich Nayeon auf ein Bett: "Ich bin müde, Mama, bleib bei mir, ich liebe Dich."

Und dann verwandelt sich Nayeon in einen weißen Schmetterling, der langsam davonflattert. Die Mutter schaut in den Himmel hinterher.

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