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Buchkritik | Beitrag vom 29.06.2021

Viktor Jerofejew: "Enzyklopädie der russischen Seele"Taumeln durch ein brutales Russland

Von Olga Hochweis

Cover von Viktor Jerofejew "Enzyklopädie der russischen Seele" vor Aquarell-Hintergrund (Matthes & Seitz)
Viktor Jerofejews Buch erscheint jetzt mit mehr als 20-jähriger Verspätung erstmals auf Deutsch. (Matthes & Seitz)

Es sei sein "skandalösestes Buch" so Victor Jerofejew über den Roman, der schon vor 20 Jahren in Russland erschien und den Raubtierkapitalismus der 90er-Jahre thematisiert. Doch leider ist er voll billigster Stereotype über die Russen, so unsere Rezensentin.

Als Viktor Jerofejew Ende der 1990er-Jahre seine "Enzyklopädie der russischen Seele" schrieb, hatte Russland bereits das erste Jahrzehnt eines schonungslosen Raubtier-Kapitalismus hinter sich gebracht. Diese Erfahrung prägt nachhaltig Inhalt und Form des Buchs, das jetzt mit mehr als 20-jähriger Verspätung erstmals auf Deutsch erscheint. "Mein skandalösestes Buch" nennt Jerofejew es stolz in seinem neuen Vorwort. Tatsächlich hat es ihm in seiner Heimat zwei Klagen wegen Russophobie eingebracht und seinen Ruf als enfant terrible der russischen Literatur zementiert.

Zerrissenes Russland wieder Großmacht

Der Ich-Erzähler ist ein Intellektueller, der aufgrund eines Textes ("Sie haben da sowas geschrieben über das Morgenrot einer neuen Offenbarung") in den Kreis von Geheimdienstlern und "Kreml-Schranzen" gerät. Mit seiner Hilfe soll das zerrissene Russland wieder eine Großmacht werden. Gemeinsam mit dem Assistenten früherer Generalsekretäre Pal Palytsch und dessen Adlatus Sascha macht man sich auf die Suche nach einer mythischen Figur: dem Grauen – nichts weniger als eine Art Putin, wie Jerofejew in seinem Vorwort schreibt, den er damals schon vorhergesehen habe.

Zahlreiche amouröse Abenteuer

Zusammen taumeln die Figuren durch ein brutales Russland, das sich in größtmöglicher Schnelligkeit aller Tabus entledigt hat und wo "Bandit noch ein Kosewort ist". Aber es gibt auch zahlreiche amouröse Abenteuer mit einer Amerikanerin, der "großen Häsin" sowie einer Russin und der Französin Cecile. Die intellektuellen Debatten des 19. Jahrhunderts zwischen den Slawophilen einerseits - mit ihrer Idee von Russlands eigenem Weg - und andererseits den Westlern, die europäische Werte einforderten, erleben hier eine Neuauflage: mit dumpfen Ultra-Nationalisten auf der einen Seite und solchen, die sich in Paris oder in den USA wie ein Fisch im Wasser fühlen.

Stringenten Plot sucht man vergeblich

Einen stringenten Plot sucht man in diesem Roman dennoch vergeblich. Fragmentarisch und unzusammenhängend sind die kurzen, halb- bis vierseitigen Kapitel mit Überschriften wie "Die geilen Neunziger" oder "Matrjoschka" oder auch "Die Freude am Töten". Einige der Stichworte umfassen eine einzige Zeile, wie zum Beispiel der Eintrag "Wodka": "Wodka ist ein Tier. Eine Art Schwein."

Es sind die allerbekanntesten und leider auch billigsten Topoi und Stereotype über die Russen, die hier aufgerufen, nicht aber entwickelt oder gar analysiert werden. Provozierende Formulierungen wie "In Russland gibt es keinen ehrlichen Menschen" oder "Die Nuttigkeit der russischen Frau" begegnen dem Leser auf jeder zweiten Seite. Sie werden flankiert von lustvoller Fäkalsprache. Die explizit-vulgären Darstellungen von Sex lesen sich wie die Fantasien eines pubertierenden Jugendlichen, der seine Eltern schockieren will. Literarischer Sprengstoff klingt anders. Hier wirkt die permanente Lust am Tabu-Bruch nur bemüht und langweilig.

Jerofejew hat dieses Buch eine "lyrische Erzählung über Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion" genannt. Mit seiner ordinären Grobheit ist es leider weit davon entfernt.

Viktor Jerofejew: "Enzyklopädie der russischen Seele"
Matthes & Seitz Berlin
297 Seiten, 25 Euro

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