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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.01.2006

Vielfalt an Themen und Gestaltungen

Eva Strittmatter: "Poesie und andere Nebendinge"

Rezensiert von Holmar Attila Mück

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"Poesie und andere Nebendinge", der Titel des neu erschienenen Taschenbuchs könnte als Überschrift über dem Leben von Eva Strittmatter stehen. Der Band kam zum ersten Mal 1983 heraus. Sozusagen nachträglich zum 75. Geburtstag der Autorin hat der Aufbau Verlag eine erweiterte Neuauflage der Textsammlung vorgelegt.

Der Titel war und ist schön, aber auch irritierend. Der erste Satz verkündigt gleich ein Credo, ein Bekenntnis:

"Wer Gedichte schreibt, hat wohl ein besonders ausgeprägtes Harmoniebedürfnis. Er versucht, durch Poesie, Kräfte und Gegenkräfte ins Gleichgewicht zu bringen. Auch Kräfte und Gegenkräfte, die in ihm selber sind. Man versucht durch Worte eine Art "kosmisches Spiel" herzustellen."

Der letzte Satz des Buches stammt auch aus einem Interview - 15 Jahre später:

"Ich glaube nicht an den Untergang der Menschheit, nicht an den Weltuntergang: Es wächst das Rettende auch! Der Mensch ist trotz allem ein denkendes und viel erfindendes Wesen."

Zwischen dieser Klammer, den "Gesprächen zu Person und Werk", entdeckt man eine Sammlung sehr unterschiedlicher Texte aus mehr als drei Jahrzehnten; Reflexe auf Phasen eines konfliktreichen, aber selbstbewusst gelebten Lebens und Beweise einer unablässigen Suche nach Balance, eines Balance-Aktes zwischen der "poetischen Unperson" und der Star-Dichterin.

Poesie und andere Nebendinge, der Titel irritiert. Will er uns weismachen, dass die Poesie alles ist, was die Autorin interessiert, ihr Sein bestimmt, was für sie als das Absolute galt und gilt, will er sagen, dass sich das Alltägliche gewissermaßen am Rande abspielt?

Wer das Werk Eva Strittmatters kennt, weiß, dass sich ihre Poesie ja doch sowohl aus dem sehr prosaischen Alltag wie aus der intensiven Beschäftigung mit Literatur, ihrem Entstehen und Einfluss auf den Menschen, auf die Gesellschaft speist. Das belegen die alten wie die neu hinzugekommenen Texte dieses Bandes sehr eindrücklich. Es sind in der Neuauflage 19, darunter:

"Doktor Tschechow
Im tiefsten Russland. Über Konstantin Paustowskij
Bella Chagall
Der Alte Arno
Der Wanderer. Franz Schuberts "Winterreise""

Was diese Sammlung so interessant, so "unüberholt" macht, ist ihre Vielseitigkeit, dieses bunte Kaleidoskop von Themen und Gestaltungen.
Es sind sehr feinfühlige, respektvolle, aber auch leidenschaftliche Annäherungen an alle Formen künstlerischen Ausdrucks und ihre Schöpfer. Der ausladende - nicht aber ausufernde - Hymnus auf den Großdichter steht hier neben zwei Seiten einer amüsanten Geschichte um die kranke Anna Seghers, die sich von der nicht gerade leidenschaftlichen Köchin Eva Strittmatter statt eines Diktiergeräts lieber einen haltbaren Kuchen wünschte; oder: die fast banale Episode an einem "Septembermorgen" folgt dem stilistisch brillant gebauten Traktat über Anton Tschechow. Alles verträgt sich vortrefflich. Man kann auf dieser Lese-Reise, vorbei an den Grenzsteinen ihres Schaffens, zu jeder Zeit aus- und einsteigen.

Es macht Spaß, den Strittmatters in die Atelierstube von Hubertus Giebe zu folgen; eine atmosphärisch dichter Exkurs über das Malen, den Künstleralltag und die Kunstgeschichte. Über die Begegnungen mit bildenden Künstlern wie Karl Hermann Roehricht, Arno Mohr oder Marianne Gabor - formuliert sie das Resümee, die eigene Erfahrung:

"Immer wiederholt sich der Vorgang: Leben auf Risiko. Verwirklichung aus der eigenen Substanz, die assimiliert wird, was möglich und notwendig ist, und die abstößt, was ihr organisch nicht zusteht."

Bemerkenswert war diese Edition bereits im Erscheinungsjahr 1983. Denn schon in der Erstauflage kamen Texte ans Licht, die seit Jahren auf dem Index in der DDR standen, wie die mutige Kritik zu Alfred Wellms Roman "Pause für Wanzka" – in dieser Ausgabe leider nicht mehr vertreten - oder der gesamte Interviewtext zum Porträt-Film "Ich sehe was ich sehe", der fünf Jahre im Giftschrank verbrachte. Darin sagte sie, was die DDR-Literatur-Zensoren zur Skepsis animierte:

"Aber in dieser alltäglichen Welt der Notwendigkeiten will ich Freiheit zurück gewinnen, einen Schwebezustand des Trotzdem, durch Poesie. Durch sie gewinne ich Überlegenheit."

"Erweiterte Neuauflage" - das heißt: Der Verlag hat im Einvernehmen mit der Autorin, nach welchen Kriterien auch immer, Texte ausgetauscht. Die wesentlichen, bedeutsamen Arbeiten sind geblieben: ihre großartig erzählte Liebeserklärung an Paustowskij und vor allem Puschkin. Der Essay "Poesiefest in M." - gemeint sind die Poesietage auf Puschkins Gut Michailowskoje -
ist neu und ein Gewinn. Er überzeugt durch seinen sensiblen Zugang zum Dichter und die bemerkenswerte Sachkenntnis. Die Puschkin-Biografie und das eigene Empfinden verschmelzen zu einem faszinierenden "literarischen Reisebericht". Franz Schuberts "Winterreise" wird ihr zum Abenteuer. Eindrucksvoll bekundet dieser Aufsatz den hohen Stellenwert, den Musik - neben der bildenden Kunst - für ihre Poesie, ihr Existenz überhaupt hat. Schon vor 20 Jahren verkündete eine Rezension:

"Wer sich bislang nicht oder nur wenig mit den Arbeiten Eva Strittmatters befasst hat, dem können die versammelten Texte ein guter Einstieg in ihre Erlebniswelt sein; sie zeugen auch von ihrem enormen literarischen Wissen, ihrem souveränen Umgang mit Literaturen und der Form; zudem werden sowohl sehr persönliche Befindlichkeiten als auch ihre Problemen auf der Suche nach der eigenen Position in der Gesellschaft und Literatur deutlich."

Das gilt noch immer. Sieht man einmal von ihren Kinderbüchern, dem ersten Band der "Briefe aus Schulzenhof" und den Kritiken ab, die sie in der Zeitschrift "Neue Deutsche Literatur" publizierte, so stellte sie sich damals mit diesem Band erstmals als eine vielseitige und originelle Prosa-Autorin vor. Literarische Streiflichter in einer schönen, einer klugen Sprache vorgetragen; tiefgründige und auch simple Geschichten, frei jeder Sentimentalität, die durch ihre Leidenschaft und Leichtigkeit bestechen. Hier teilt sich ein Kosmos mit, in dem die Poesie dominiert, der aber keine heile Welt vorgaukelt. Das war und ist bei dieser Autorin auch nie zu befürchten.


Eva Strittmatter: Poesie und andere Nebendinge
Aufbau Verlag, Berlin, 2005
250 Seiten
8,95 Euro

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