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Fazit / Archiv | Beitrag vom 28.02.2010

Viele Herzen und wenige Könige

Immer mehr ausländische Sender ringen um die öffentliche arabische Meinung

Von Mona Sarkis

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Menschen vor dem Fernseher in Saudi-Arabien (AP Archiv)
Menschen vor dem Fernseher in Saudi-Arabien (AP Archiv)

Weder US-amerikanische noch europäische oder asiatische Regierungen scheuen Kosten, um im Mittleren Osten mit eigenem arabischsprachigen TV-Programm vertreten zu sein. Finanziert wird dies mit Steuergeldern. Dabei verraten die Einschaltquoten nichts Gutes. Doch das bremst die gewaltigen Investitionen nicht – im Gegenteil: auch der Privatsektor beteiligt sich in immer größerem Ausmaß.

Die Welle setzte mit der von den USA geführten Invasion in den Irak ein. 2004 lancierte die Bush-Administration einen amerikanischen TV-Sender in arabischer Sprache: Al-Hurra, "Die Freie". Kurz zuvor war bereits das iranische Programm Al-Alam an den Start gegangen. 2007 kamen die Russen, 2009 die Chinesen, und auch die Europäer sind längst vertreten – und wollen noch mehr: Von BBC Arabic über die Deutsche Welle bis France 24 streben alle die Ausweitung ihres bestehenden arabischsprachigen Programms an.

Nahida Nakad: "Wir werden von gegenwärtig 10 auf 15 Stunden expandieren. Ziel sind letztlich aber 24 Stunden. Dafür wird die französische Regierung das aktuelle Budget von sieben auf zehn Millionen Euro aufstocken."

Nahida Nakad leitet die arabischsprachige Abteilung von France 24.

Das alles klingt, als bestünde eine enorme Nachfrage beim arabischen Publikum. Wie sonst wäre zu erklären, dass allein Al-Hurra den US-amerikanischen Steuerzahler bislang über 500 Milliarden Dollar gekostet hat?

Doch die Statistiken zeichnen ein anderes Bild. So ergab bereits 2007 eine Umfrage des US-Institutes Gallup, dass 30 Prozent aller Saudis den arabischen Sender Al-Jazeera einschalten, aber nur zwei Prozent Al-Hurra. Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen Zogby International und die Universität von Maryland: 55 Prozent aller 2009 befragten Ägypter entschieden sich für Al-Jazeera. Al-Hurra rutschte unter die 0,5 Prozent-Marge.

Nahida Nakad liegen keine Zahlen für das arabischsprachige France 24 vor. Allerdings ist ihr die "französische Vision" des Senders auch wichtiger.

"Das heißt erstens: der französische Journalismus. Wir betrachten das Tagesgeschehen zunächst aus dem Blickwinkel der Gesellschaft und wenden uns dann erst an die Entscheidungsträger. Zweitens herrscht in Frankreich die Vision, dass die Kultur einen ebenso großen Stellenwert einnimmt wie Wirtschaft oder Politik. Drittens verfolgt die französische Vision kein politisches Projekt. Obwohl wir ein öffentlich-rechtlicher Sender sind, bewegen wir uns völlig unabhängig von der Regierung."

As'ad AbuKhalil mag an so viel unabhängigen Journalismus nicht glauben. Vielmehr sieht der Medienexperte und Politikprofessor von der Stanilaus University in Kalifornien bei allen Sendern einen klaren ideologischen Auftrag.

"Die USA suchen eine Bestätigung für ihre Kriege und ihre Politik. Auch die anderen tun das. Zugleich wollen sie – ob sie nun mit den USA konform gehen oder nicht – das Terrain nicht völlig den Amerikanern überlassen. Kurz: Es herrscht ein regelrechter Wettbewerb um die Eroberung der öffentlichen arabischen Meinung. Frankreich und auch Deutschland akzentuieren zudem noch die Verbreitung ihrer Kultur – vor allem angesichts der von den USA geprägten Globalisierung."

Kultur hin oder her – die Schlacht spielt sich vor allem auf dem politischen Parkett ab. Wie, das zeigt das Beispiel Iran. Mitte Februar, zum Jahrestag der Islamischen Revolution, unterbrach der Iran im Land die Ausstrahlung von Voice Of America, BBC und der Deutschen Welle. Die mit dem Westen verbündeten Staaten Ägypten und Saudi-Arabien hatten ihrerseits das iranische Al-Alam-TV bereits vor Monaten von ihren Satelliten genommen. Faysal Abdel Sater, Pressesprecher von Al-Alam:

"Das waren politische Entscheidungen von höchster Stelle. Saudi-Arabien erlaubt uns zwar wieder die Ausstrahlung, aber das wohl nur, weil sein Konflikt mit dem Iran größer ist als der zwischen Ägypten und dem Iran. Eine dauerhafte Unterbindung hätte für eine extreme Zuspitzung der Situation gesorgt."

Der Medienexperte As'ad AbuKhalil erwartet indes eine Verschärfung im Kampf um die Meinungsbildung. Zumal nun auch der Privatsektor die Arena betritt. Jüngstes Beispiel: Rupert Murdoch beteiligt sich an Rotana, dem Medienunternehmen des saudischen Milliardärs Walid Bin-Talal. 20 Prozent der Rotana-Aktien kaufte der US-Medienmogul im Dezember auf.

As'ad AbuKhalil: "In der Folge werden einige arabische Stationen wie Varianten von Murdochs extremistischem Nachrichtensender Fox News auftreten. Meines Erachtens wird die öffentliche arabische Meinung dadurch derart gereizt, dass die Kluft zwischen ihr und der politischen Ausrichtung der saudischen Medien immer größer wird.""

Fast könnte man also meinen, die ausländischen Bemühungen seien, finanziell wie ideologisch, reine Eigentore. Zumal kürzlich noch eine Initiative des US-Kongresses scheiterte. Dieser wollte Sender, die er als "terroristisch" einstuft, auch von arabischer Seite her sanktioniert sehen. Auf der Liste stand jedoch kein "Al-Qaida"-Sender, der ohnedies nirgends Sendeerlaubnis erhält, sondern unter anderem Al-Manar, der US-kritische Sender der libanesischen Hizbollah. Die Intention war somit recht durchsichtig und die arabische Antwort entsprechend eindeutig: Des einen Terroristen, des anderen Widerstandskämpfer. Keiner dieser Sender würde sanktioniert.

AbuKhalil, der Politikprofessor aus Kalifornien, sieht aber auch hier die Lage eher komplex. Denn der Vorstoß des US-Kongresses habe auf eine Entpolitisierung der arabischen Zuschauer abgezielt. Die aber würde längst inoffiziell betrieben und zwar – hausgemacht.

As'ad AbuKhalil: "Es wird zu wenig über die Strategie der einheimischen Sender gesprochen, darüber, wie sie die Zuschauer mit Seifenopern, Musik- und Sportsendungen regelrecht bombardieren, eben mit allem, außer Politik, um sie genau davon zu entfremden."

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