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Musikfeuilleton | Beitrag vom 13.12.2019

Vicki Baum. Weltbestsellerautorin, Musikerin und Chronistin „Von der stolzen Gewissheit durchdrungen, die beste Harfenistin auf Erden zu sein.“

Von Richard Schroetter

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Porträt der Musikerin und Schriftstellerin Vicky Baum. (imago images / Cola Images)
Zuerst Harfenistin, dann Bestseller-Autorin: Vicky Baum (imago images / Cola Images)

Die unvollendeten Memoiren von Vicky Baum, die in bearbeiteter Fassung erst nach ihrem Tod 1962 erschienen, sind ein einzigartiges Dokument.

Vicky Baum war vor ihrem Welterfolg als Schriftstellerin eine hochtalentierte Harfenistin, spielte in diversen Orchestern in Wien, Darmstadt, Kiel, Hannover und Mannheim. Diese frühen Musikerinnen-Jahre, wie ihre Erinnerungen "Es war alles ganz anders" eindrucksvoll belegen, scheinen die glücklichste Zeit ihres Lebens gewesen zu sein. 

Die außergewöhnliche musikalische Begabung von Vicky Baum zeigte sich schon früh. Bereits im Alter von 13 Jahren ging sie ans Wiener Konservatorium, wo sie zur Harfenistin ausgebildet wurde. Mit ihrem Abschluss im Jahr 1910 konnte Vicki Baum fast sicher sein, eine Anstellung zu finden. Sie wurde Harfenistin des "Wiener Concertvereins" (heute Wiener Symphoniker). 

"Unser hohes, verehrtes Idol"

Die überragende Musiker-Persönlichkeit, die sie nun näher kennenlernte, war unbestreitbar Gustav Mahler, der von 1898 bis zu seiner Demission 1907 Generalmusikdirektor der Wiener Oper war. 

"Wir schwitzten vor Anstrengung, diese neue Musik zu verstehen, das Orchester schwitzte, um den immer größer werdenden klanglichen und technischen Schwierigkeiten gerecht zu werden. Wir spürten, dass unser Beifall, unser Verständnis zur Musikgeschichte von morgen gehörten. Und überdies würden wir später erzählen können, wie Mahler aussah, was er bei den Proben sagte, wie es war, als wir 'Das Lied von der Erde' zur Uraufführung brachten, und was bei dem wilden Skandal geschah, den die Sechste Symphonie entfachte."

Erster Roman "Frühe Schatten"

1909 heiratet Vicki Baum in Wien den Schriftsteller und Journalisten Max Prels, von dem sich sie bereits 1913 trennt. Nebenbei fängt sie mit dem Schreiben an, zunächst inkognito. Das Schreiben geht ihr erstaunlich leicht von der Hand. Sie beteiligt sich an einem Preisausschreiben der Münchener Satirezeitschrift "Licht und Schatten" und gewinnt den ersten Preis. Dass in der Jury so prominente Schriftsteller wie Ludwig Thoma und Thomas Mann sitzen und für sie stimmen, macht sie besonders stolz. Und es erscheint ihr erster Roman "Frühe Schatten", in dem sie die Geschichte ihrer unglücklichen Kindheit frei paraphrasiert. 

Vicky Baum 1931 in Hollywood, schreibt an einem Tisch mit einer Feder und guckt in Richtung Kamera. (picture alliance / AP Images)Vicky Baum 1931 in Hollywood. (picture alliance / AP Images)

Statt München - Mannheim

Und noch ein Ereignis fällt in diese Zeit. Sie lernt den jungen jüdischen Dirigenten Richard Lert kennen. Im Kriegsjahr 1916 heiratet sie ihn. Lert bekommt Engagements in Darmstadt, Kiel und Hannover, wohin sie ihm folgt. Das sensationelle Angebot Bruno Walters, als Harfenistin nach München in sein Orchester zu kommen, schlägt Vicky Baum aus. Ihre nächste Station als Musikerin (im Gefolge ihres Mannes) ist Mannheim. Richard Lert bekommt dort die Stelle als Generalmusikdirektor angeboten.

Das "dumme Instrument, das launische Ding" 

Obwohl Vicki Baum seit 1916 mit dem Musiker und Dirigenten Richard Lert, wie es scheint, glücklich verheiratet ist, empfindet sie ihren Harfenistinnen-Beruf in den Provinzorchestern mehr und mehr als Belastung, ja als Folter. 1926 beendet Vicki Baum ihre Laufbahn als Harfenistin. Sie hatte ja nebenher schon längst mit dem Schreiben angefangen und sich mehr und mehr als Unterhaltungsschriftstellerin durchgesetzt.

"Menschen im Hotel"

1929 wird sie mit ihrem Roman "Menschen im Hotel" schlagartig berühmt. In einer bearbeiteten Bühnenfassung und schließlich in der Hollywoodverfilmung mit Greta Garbo macht er weltweit Furore. 1931 folgt Vicki Baum einer Einladung in die Vereinigten Staaten, um an der Broadway-Premiere von "Menschen im Hotel" teilzunehmen. Aber sie kehrt noch einmal zurück. 1933, kurz vor Hitlers Machtergreifung, zeigt sie sich auf dem Berliner Presseball und lässt sich als die weltbekannte Ullstein-Autorin feiern. Und sie besucht noch einmal ihren unbelehrbaren jüdischen Vater, der germanophil und absolut blind für die politischen Verhältnisse ist
Vicki Baum hält nichts mehr in Europa. So kehrt sie in die Vereinigten Staaten zurück. Mit ihrem Umzug in die USA scheint sie auch der Musik (und der Harfe) endgültig Adieu gesagt zu haben.

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