Verzweifelte Jagd durch die Kaufhäuser

24.06.2008
Bei einem Blick auf den weihnachtlichen Geschenkeberg kam Sara Bongiorni die Idee, ein Jahr lang auf Produkte aus China zu verzichten. Die freiwillige Selbstbeschränkung wurde für die US-Familie zur Nagelprobe. Keiner hatte damit gerechnet, in welchem Ausmaß das "Made in China" bereits unser Alltagsleben dominiert.
Es ist kein Boykott Chinas aus ideologischen Gründen, den die amerikanische Journalistin Sara Bongiorni betreibt. Guantanamo oder die Omnipräsenz von Coca-Cola könnten genauso gut anderswo auch einen Boykott amerikanischer Produkte nahe legen.

Menschenrechte und Marktmacht mögen zwar der Ausgangspunkt gewesen sein, als die Autorin an einem Weihnachtsfeiertag daheim auf den Geschenkeberg sah und ihre Idee entwickelte. Doch es sollte eher ein sportliches Abenteuer werden, ab Jahreswechsel zwölf Monate lang nichts Chinesisches mehr über die Schwelle des Einfamilienhauses der amerikanischen Familie kommen zu lassen.

Was sich einfach anhörte, entwickelte sich im Lauf der Zeit als Prüfung für die Haltbarkeit von Ehe und freundschaftlichen Beziehungen sowie der Bewältigung von gemeinschaftlichen Festen. Geburtstagsfeiern wurden wegen der freiwilligen Selbstbeschränkung zum Spießrutenlauf: Die Spielwarenindustrie, die Elektrobranche, der Bekleidungssekttor - alles scheint inzwischen in chinesischer Hand zu sein.

Sara Bongiorni schildert auf amüsante Weise ihre verzweifelten Jagden durch Kaufhäuser auf der Suche nach Produkten aus aller Welt, nur nicht aus China. Mit viel Selbstironie erzählt sie vom stundenlangen Überprüfen von Herkunftsetiketten und der hoffnungslosen Heimkehr mit leeren Händen. Drastisch beschreibt sie die traurigen Augen ihres vierjährigen Sohnes, wenn er ein Lichterschwert "Made in China" nicht geschenkt bekommen kann, die Gefahr, von verständnislosen Verwandten und Bekannten als Rabeneltern gebrandmarkt zu werden.

Weihnachten mit seiner ausschließlich aus dem Fernen Osten kommenden Dekoration wird zur letzten, fast unüberwindlichen Hürde. Schließlich triumphiert doch die Fantasie der Eltern: Schlafsäcke für die beiden Kinder näht der Vater aus koreanischem Vlies mit amerikanischem Garn. Er erhält von der Gattin Hosen aus Kambodscha. In letzter Sekunde werden für die Zweijährige und ihren Bruder leuchtende Wandsterne aus Uruguay und ein Spiel aus Rumänien gefunden.

Dänische Legosteine retten ausweglose Situationen. Oft sind es aber notwendige Artikel des täglichen Lebens, die aus keinem anderen Land als China erwerbbar sind, was die Ehepartner zermürbt. Monatelang brühen sie Kaffee mit der Hand, weil die Maschine kaputt ist, der Fernsehapparat flimmert bei jedem Krimi, die Autorin muss Dokumente im Büro des Mannes ausdrucken lassen, weil alle Druckerpatronen aus China zu kommen scheinen.

Auch sonst müssen die beiden ihren Vorsatz heftig biegen, um dem Boykott halbwegs treu bleiben zu können. So sind Geschenke anderer von der Boykottregel ausgenommen, was den Eltern Umgehungsmöglichkeiten eröffnet.

Das gleichermaßen unterhaltsame wie ernüchternde Buch von Sara Bongiorni in der Übersetzung von Marlies Ferber gibt nicht nur einen Eindruck davon, wie sehr die Weltwirtschaft bereits von chinesischen Produkten dominiert ist. Es gibt auch Einblick in die Konsumgewohnheiten amerikanischer Haushalte: Andere Alternativen als riesige Supermärkte scheint es nicht mehr zu geben, zu einem hohen Anteil wird über Internet bei Versandhäusern bestellt. Und Kinder erwarten bei jedem Einkauf mindestens ein überdimensionales Spielzeug für sich.

Für den Leser in unseren Breiten bietet das Buch zudem die Möglichkeit zu überprüfen, zum einen, ob es hier auch schon so weit gekommen ist und zum anderen beim Lesen von Herkunftsbezeichnungen Bongiornis Experiment im Selbsttest fortzuführen.

Rezenseniert von Stefan May

Sara Bongiorni: Ein Jahr ohne 'Made in China', Eine Familie - ein Boykott - ein Abenteuer
Verlag Wiley, Weinheim 2008
262 Seiten, 19,90 Euro