"Verzichten lässt sich für Kollektive schlecht verordnen"

Moderation: Liane von Billerbeck · 02.01.2008
Seit 1. Januar gilt in den meisten Bundesländern in Restaurants das Rauchverbot. Die Verordnung könne zu einer neuen Pausenkultur des Vor-die-Tür-Gehens führen, sagt Thomas Macho, Kulturhistoriker an der Berliner Humboldt-Universität. Andererseits beruhe der Verzicht auch auf Freiwilligkeit und lasse sich durch Verbote nicht erzwingen.
Liane von Billerbeck: Kein Qualmen mehr in Gaststätten, kein Pfeifchen mehr nach einem guten Essen im Restaurant, jedenfalls nicht mehr öffentlich und in geschlossenen Räumen. Wo liegt die Grenze zwischen Verzicht und Askese? Kann es so was überhaupt geben: eine demokratische Kultur des Verzichts? Oder hat der Gesundheitswahn inzwischen den Grad einer Ersatzreligion erreicht? Das alles wollen wir wissen von Professor Thomas Macho, der an der Humboldt-Universität einen Lehrstuhl für Kulturgeschichte hat. Willkommen im Deutschlandradio Kultur!

Thomas Macho: Ja, herzlichen guten Morgen!

Billerbeck: Herr Macho, Hand aufs Herz: Rauchen Sie?

Macho: Nicht mehr. Ich habe vor etwas über einem Jahr aufgehört. Da ich das Datum meiner letzten Zigarette noch exakt benennen kann, vermute ich, dass es mir immer noch fehlt.

Billerbeck: Was fehlt Ihnen denn so besonders daran? Was vermissen Sie?

Macho: Die Unterbrechung. Die Zigarette war eine phantastische Gelegenheit, innerhalb der Arbeit, während des Schreibens, aber auch im Gespräch mit jemand, zu unterbrechen, nachzudenken, sozusagen Minipausen, die den Alltag strukturieren und die gleichzeitig verbunden sind mit einer kleinen Belohnung.

Billerbeck: Es gab ja mal einen sehr schönen Film, der hieß "Smoke". Und der sang genau das hohe Lied nicht bloß aufs Rauchen, sondern eben auf die Pause, auf dieses Den-Rauchringen-Hinterhersinnen und dem Nachdenken, diesen Moment des Innehaltens. Gäbe es denn auch eine andere Möglichkeit, sich so eine Minipause zu organisieren ohne Glimmstengel?

Macho: Ich hab’s ja jetzt seit über einem Jahr versucht. Und tatsächlich sind die Möglichkeiten etwas begrenzter, als man am Anfang sich ausgemalt hat. Wobei ich denke, dass natürlich gerade der verordnete Zwang, jetzt eben im Restaurant oder in der Gaststätte auf die Gasse zu gehen, wenn man rauchen will, vielleicht sogar eine neue Pausenkultur erzeugen wird, sodass man sagen kann: Komm lass uns mal gemeinsam eine rauchen gehen!

Billerbeck: Das heißt aber, dass die anderen, die nicht rauchen, die müssen in der Zeit entweder mit rausgehen, jetzt in die Kälte, und dort stehen und den Rauchern lauschen. Oder sie müssen alleine im Restaurant bleiben und da ihr trauriges Dasein fristen solange?

Macho: Ja, die müssen dann ihr trauriges Dasein fristen in dieser Zeit. Aber ich vermute, das schaffen die ganz bequem. Es stellt sich natürlich auch heraus, ich habe das ja auch schon ein-, zweimal selber erlebt, und zwar nicht am eigenen Leib, denn ich rauche ja leider nicht mehr, sondern am Leib von Kolleginnen und Freunden. Es stellt sich natürlich auch heraus, dass man gar nicht so viel rauchen muss, wie man am Anfang dachte. Man geht vielleicht ein-, zweimal während eines längeren Abends raus. Und das genügt auch. Kettenraucher allerdings haben es schwer.

Billerbeck: Sie sind ja Kulturhistoriker. Wenn Sie sich erinnern: Gab’s so was schon mal, Rauchverbote für öffentliche Räume?

Macho: Nicht, dass ich wüsste. Die Kultur des Rauchens ist ja nicht ganz so alt, sodass man das gut überblicken kann. Und wenn ich Filme so zwischen den 20er und den 80er Jahren mir ansehe, dann sind die gerade da unentwegt am Qualmen und man kriegt nicht das Gefühl, dass es hier irgendwo ein Rauchverbot gegeben haben könnte. Das sitzen die in den Flugzeugen und qualmen. Man muss sich dran zurückerinnern, dass das mal möglich war, dass man nicht nur in Taxis, sondern eben auch in Zügen, in Flugzeugen und dergleichen rauchen durfte. Und Beispiel Rauchverbot in Flugzeugen: Daran haben wir uns vollständig gewöhnt, dass das herrscht.

Billerbeck: Es gab ja auch immer so politisch konnotierte Raucherverbindungen. Ich erinnere an das Tabakskollegium von Friedrich II. Oder wir denken an das Foto Gerhard Schröder mit Brioni und Zigarre oder die berühmten Karikaturen des Klischeekapitalisten, der Melone und Zigarre hatte. Wieso war das eigentlich immer die Zigarre? Abgesehen davon, dass das für mich immer so nach Phallussymbol aussieht. Weshalb musste es die Zigarre sein?

Macho: Es war eben einfach historisch die Zigarre zuerst. Man hat zuallererst, und damit fangen die Tabakskollegien an, hat Pfeifen geraucht. Pfeife war das Erste, was mit dem neu entdeckten Gewächs des Tabaks in Europa und natürlich nicht nur in Europa anzustellen wusste. Damals war das so, dass die Pfeife, Tabakskollegium und das genüssliche Rauchen, das unterbrochene Rauchen, im Zentrum standen. Die Zigarre war schon eher das schnellere Rauchen. Das ist dann im 19. Jahrhundert, gab’s dann berühmte Zigarrenfabriken. Denken Sie an die Zigarrenfabrik in Sevilla, die die Oper Carmen begleitet. Damals war die Zigarre interessanterweise eben gerade kein Boss- und Chefzeichen, sondern war das Zeichen, dass man sich die Pfeife nicht leisten konnte. Wer Pfeife rauchen konnte, der hatte Zeit für Pausen, der gehörte zur Aristokratie oder mindestens in deren Nähe. Zigarre, das war das schnelle Medium. Das haben die Arbeiter geraucht. Einen Rest davon merken Sie, die proletarische Zigarre merken Sie auch noch, wenn Sie die Bilder von Brecht sehen. Da hat man eben auch die proletarische Zigarre geraucht und nicht nur die kapitalistische Zigarre. In gerader Weise wurde die Zigarre kapitalistisch in dem Moment, in dem die Zigarette aufkam. Und das war dann doch deutlich noch mal später. Eigentlich erst im Zuge des Ersten Weltkrieges hat sich das wirklich durchgesetzt.

Billerbeck: Mir fällt gerade ein, dass es in der DDR eine Zigarrenmarke gab, die hatte den schönen Namen "Sprachlos". Was sagt denn so ein Name über diesen Moment des Zigarrerauchens? Man kann da rauchen miteinander. Man kann so eine Art Einigkeit ausdrücken. Aber man muss nicht unbedingt Worte finden?

Macho: Genau. Das ist die Idee des gemeinsamen Rauchens, auch sozusagen der Friedenspfeife. Die Friedenspfeife ist ja auch sprichwörtlich, umgangssprachlich in unserem Bewusstsein immer noch etabliert. Und wenn man die Friedenspfeife miteinander raucht, heißt das, man muss nicht mehr reden. Der Konflikt ist ausgestanden.

Billerbeck: Nun gibt es aber genügend Leute, die sagen: Das ist ja wunderbar, dass jetzt endlich Schluss ist mit dem Qualmen. Denn dieser erzwungene Verzicht für die einen ist ja auch ein Lebenslustgewinn für die anderen. Was ist denn falsch daran?

Macho: Da ist, glaube ich, gar nichts falsch daran. Das Problem sehe ich eher darin, dass es eben ein erzwungener Verzicht ist. Denn in dem Wort Verzicht schon liegt etwas von Freiwilligkeit, von bewusst auf sich genommener Übung und Anstrengung. Und das kann man durch Verbote eigentlich nicht erreichen. Verzichten, allein das Wort kommt vom Nicht-mehr-Bezichtigen, keine Vorwürfe mehr machen, aus einem Rechtsstreit aussteigen und dergleichen. Und das kann man ja schlecht per Verordnung durchsetzen, sondern das ist eine individuelle Haltung, die man sich erst erobern muss. Deshalb ist die Rede vom erzwungenen Verzicht wahrscheinlich etwas Problematisches. Und deshalb ist die Stimmung zwischen Rauchern und Nichtrauchern wahrscheinlich nicht immer die Beste.

Billerbeck: Nun ist das aber ja eine demokratisch getroffene Entscheidung. Es ist ja nicht diktatorisch angeordnet worden: Ihr dürft jetzt nicht mehr. Es ist ja beschlossen worden von gewählten Vertretern, also eine demokratische Kultur des Verzichts. Ist das ein Widerspruch?

Macho: In gewisser Hinsicht ist es deshalb ein Widerspruch und etwas Schwieriges. Darüber denken ja Kollegen von mir auch schon seit vielen Jahrzehnten nach, wie man demokratische Kulturen des Verzichtes überhaupt erzeugen kann. Es ist ein Widerspruch deshalb, weil Verzichten eben eine individuelle und daher freiwillige Entscheidung voraussetzt und eben nicht eine für Kollektive getroffene, und sei sie auch von gewählten Repräsentanten des Kollektivs getroffene Entscheidung darstellen. Das heißt, ich fürchte, Verzichten lässt sich für Kollektive schlecht verordnen, sondern eben nur als individuelle Haltung entwickeln. Und das kann man dann aber wiederum in die Kultur einführen. Das heißt, man kann so was wie eine Idealisierung des Verzichts in Nachfolge der (…)konfessionen (Anmerk. d. Red.: im Hörprotokoll schwer verständlich), die das in ihren Fastenzeiten immer schon praktiziert haben, die kann man versuchen, wieder einzuführen.

Billerbeck: Nun ist ja diese Kultur des Verzichts etwas, das ist, glaube ich, noch nicht so lange so. Ist das nötig, das wir eine Gesellschaft des Überfluss', der Überfülle haben, dass man auch so eine Kultur des Verzichts installiert?

Macho: Ja, das ist aus vielen Gründen sinnvoll und notwendig, nicht nur in Bezug auf das Rauchen, sondern eben beispielsweise auch in Bezug auf das Fleischessen. Man sieht immer wieder, dass es sinnvoll oder dass diese alten Verzichtsordnungen, die es eben eher aus Konventionen vielleicht noch gegeben hat, dass die auch gesund waren, nebenbei gesagt.

Billerbeck: Viele junge Leute, die bekennen sich ja inzwischen, Vegetarier zu sein oder gar Veganer oder gar Fruttarier. Sind das so Zeichen dafür von: Ich will mich nicht ausliefern, ich will über meinen Körper selbst bestimmen? Oder ist das so die Durchökonomisierung: Ich will besonders effizient, also besonders gesund, also besonders leistungsfähig sein?

Macho: Mit Kontrolle und vielleicht auch Angst vor Kontrollverlust hat das sicher was zu tun. Wobei junge Menschen natürlich mit beidem gern experimentieren, sowohl mit der Enthemmung und dem Exzess als auch mit der Steigerung der Kontrolle, weshalb man eben auch in jungen Jahren beides finden wird, sowohl die Magersucht als Extrem der Kontrolle als auch andere Formen von "Süchten" unter Anführungszeichen, weil ich das jetzt gar nicht pathologisieren will.

Billerbeck: Ich will Ihnen mal zwei Zitate vorlesen. Und Sie dürfen dann entscheiden, welchem Sie eher anhängen. Eins ist von Thomas Mann: "Wenn ich aufwache, so freue ich mich, dass ich tagsüber werde rauchen dürfen. Und wenn ich esse, so freue ich mich wieder darauf. Ja, ich kann sagen, dass ich eigentlich bloß esse, um rauchen zu können." Das ist aus dem Zauberberg. Und Goethe hat gesagt: "Das Rauchen macht dumm. Es macht unfähig zum Denken und Dichten. Es ist nur für Müßiggänger, für Menschen, die Langeweile haben." Wem stimmen Sie zu?

Macho: Emotional stimme ich nach wie vor Thomas Mann zu und denke, Goethe wusste noch nicht, was man alles für Genüsse dem Rauchen entlocken kann. Ich sage das mit Bedauern, weil ich, wie gesagt, selbst nicht mehr rauche.

Billerbeck: Über Genuss und Askese und die Frage, ob es eine demokratisch legitimierte Kultur des Verzichts geben kann, sprach ich mit dem Berliner Kulturhistoriker Professor Thomas Macho. Ich danke Ihnen schön!

Macho: Herzlichen Dank!