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Profil / Archiv | Beitrag vom 15.03.2007

Verwirrspiel um Identität

Nachwuchsregisseur Nurkan Erpulat inszeniert zwischen den Welten

Von Anna Bilger

Nurkan Erpulat hofft, bald auch an großen Bühnen inszenieren zu können. (Stock.XCHNG / Raphael Wimmer)
Nurkan Erpulat hofft, bald auch an großen Bühnen inszenieren zu können. (Stock.XCHNG / Raphael Wimmer)

Er ist der erste türkische Regie-Schüler unter den wenigen Auserwählten, die die renommierte Berliner Ernst-Busch-Schule aufgenommen hat. Jetzt hat Nurkan Erpulat ein Bühnenstück über Identitäten inszeniert und ist damit beim Berliner Theaterfestival "beyond belonging" vertreten. Vielleicht hat er danach weniger mit Vorurteilen zu kämpfen.

"Guten Tag."
"Guten Tag allerseits."
"Ich darf mich vorstellen mein Name ist Ahmed Göktürk."
"Sie sehen einem Türken aber gar nicht ähnlich."

Mit seinen dunklen Augen und dem leichten Bartschatten sieht er schon wie ein Türke aus – und als solcher fühlt sich Nurkan Erpulat auch.

"Ich habe erstmal in Deutschland begriffen, dass ich Türke bin – in der Türkei wusste ich das nicht."

Der 32-jährige, dessen Haare schon ein wenig grau werden, ist ein Exot. Er ist der erste und bislang einzige Türke unter den wenigen auserwählten Regiestudenten an der renommierten Hochschule Ernst Busch in Berlin.

"Wenn es zum Beispiel um Shakespeare-Inszenieren geht, hat Abteilungsleiter Herr Kleinert ein bisschen den Verdacht, dass ich das nicht machen kann, und er fragt mich mehrmals, ob ich mit Shakespeare was anfangen kann. Der Witz ist dabei, dass ich in der Türkei schon Schauspiel studiert habe und ein Jahr lang nur mit Shakespeare beschäftigt war. Wahrscheinlich kenne ich Shakespeare zehnmal besser als meine Mitstudenten dort."

Hochkultur traue man als ihm oft nicht zu, sagt Nurkan Erpulat. Er sei eher der Mann für Folklore und Türkengeschichten.

"Wenn es um Neuköllner Jugendliche geht, Stück inszeniert werden soll, dann komme ich in Frage."

Doch statt sich zu ärgern, greift er lieber zu und inszeniert. Eine Chance, die viele Mitstudenten gar nicht hätten, weil es genug deutsche Regisseure gebe, sagt Nurkan.

"Kleine Zigarettenpause – dann machen wir von ‚Herr Doktor’."

Nurkan Erpulat – schlank, groß, heute ein bisschen blass – steht im Probenraum des Hebbeltheaters in Berlin-Kreuzberg. Er trägt Zimmermannshosen und einen groben Wollpulli. Draußen brettert die U-Bahn vorbei. Seine Schauspieler wirken etwas zerstreut, die letzte Probe liegt schon einige Wochen zurück.

"Bitte, bleibt einfach konzentriert und genau wie wir in dem ersten Teil geübt haben, klar deutlich, sauber, einer nach dem anderen."

Stets ist der 32-Jährige sehr höflich, bedacht darauf, alle Anweisungen verständlich rüberzubringen. Regie zu führen – das war sein Traum, als er vor sieben Jahren aus Istanbul nach Berlin kam. Der ausgebildete Schauspieler verehrte Brecht, wollte unbedingt mal ins Berliner Ensemble gehen. Die ersten Tickets und den Deutschkurs finanzierte er sich mit Putzjobs. Hat dann in Berlin als Schauspieler gearbeitet und begonnen, Theaterpädagogik zu studieren. Nach drei Jahren wird er endlich zur Prüfung an der Hochschule Ernst-Busch zugelassen. Er inszeniert kleinere Theaterstücke, eine Kurzoper.

"Faked" ist jetzt seine erste lange Regiearbeit und für ihn sehr wichtig. Es basiert auf einer Vorlage des türkischen Autors Kerem Kurdoglu, ist ein Verwirrspiel um Identitäten. Der Regisseur und seine Schauspieler haben auch eigene Erfahrungen eingebracht, vieles selbst dazugeschrieben. Besonders wichtig ist Nurkan der Monolog des jungen Mannes:

"Ich bin schwul und das ist auch gut so. Und ich bin Türke, das ist auch gut so. Oder nicht? Das ist komisch, meine Freunde oder Bekannte finden, mein Schwulsein ist viel sympathischer als mein Türkesein."

"Das ist auch meine Erfahrung, wenn Menschen wissen, dass ich schwul bin, dann sehen sie mich mit anderen Augen, obwohl ich genauso derselbe Mensch war."

Nurkan Erpulat hatte sein Coming Out noch in der Türkei, lebt jetzt in Berlin-Kreuzberg mit einem Spanier zusammen. Warum man in Deutschland als türkischer Schwuler gleich ein viel besserer Mensch zu sein scheine – darüber will Nurkan demnächst ein ganzes Stück machen.

"Ich glaube, es hat mit diesen Vorurteilen zu tun, dass man sich einen Türken als Macho, so mit fünf Kindern, als Frau schlagenden Mann vorstellt, und wenn er schwul ist, fällt vieles aus, ne?"

Mit seiner Homosexualität geht er offen um. Eigentlich. Nur mit seinen Eltern – Vater türkischer Beamter, Mutter Hausfrau – redet er darüber nicht. Die nehmen auch sein Regiestudium in Deutschland noch nicht richtig ernst, sehen ihn irgendwann wieder als Schauspieler in der Türkei.

"In der Türkei gibt es zentrale Staatstheater, wo man einmal eine Aufnahmeprüfung macht, wenn Du die Prüfung schaffst, bist du da Beamter bis zum Tode."

Wer ich bin? Was machen die anderen aus mir? Um diese Fragen, die auch Nurkans sind, kreist das aktuelle Stück. Dass seine Regiearbeit jetzt auf die Bühne kommt und beim Festival "beyond belonging" dabei ist – das macht Nurkan Erpulat stolz. Weil es ein Schritt ist auf dem langen Weg in den Kulturbetrieb der etablierten Häuser – das jedenfalls wünscht er sich:

"Ich hoffe, dass ich mit meinem Stück den Intendanten und anderen Dramaturgen irgendwie Eindruck machen kann, dass ich auch Shakespeare inszenieren kann."

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