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Studio 9 | Beitrag vom 05.11.2018

Verteilungsbericht der Hans-Böckler-StiftungWer arm ist, bleibt arm

Von Mathias von Lieben

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Ehrenamtliche Helfer von "Laib und Seele" sind bei der Essensausgabe von bedürftigen Menschen in einem Vorraum der Evangelischen Advent-Zachäus Kirche beschäftigt. (Annette Riedl / dpa )
Essensausgabe in einer Berliner Tafel. (Annette Riedl / dpa )

Nach einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung ist die Zahl der Menschen, die in dauerhafter Armut leben, gestiegen: 5,4 Prozent der Bevölkerung sind betroffen. Generell sind deutlich mehr Frauen und mehr Menschen in Ostdeutschland von Armut betroffen.

Wer arm ist, bleibt mit hoher Wahrscheinlichkeit arm. Wer reich ist, bleibt reich. Und das dauerhaft. Zu diesem Ergebnis kommt der neue Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts, WSI, der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.

Die Ränder verfestigen sich

Trotz positiver konjunktureller Entwicklungen, sagte die Autorin der Studie, Dorothee Sparnnagel, würden sich die Ränder verfestigen. Für Sparnnagel ist klar, "dass damit die Gefahr gegeben ist, dass sich Lebenswelten auseinander bewegen. Und ich halte das für eine große Gefahr für die Demokratie. Dass eine gut integrierte Mitte verloren geht und dass alles auseinander bricht."

Als dauerhaft arm gelten dem Verteilungsbericht nach Haushalte, die fünf Jahre lang durchgehend ein verfügbares Netto-Einkommen inklusive aller Transferzahlungen unterhalb der Armutsgrenze hatten. Als arm gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Für einen Ein-Personen-Haushalt waren das 2015 etwas mehr als 12 000 Euro im Jahr.

Als reich werden Haushalte bezeichnet, die mindestens das Doppelte des mittleren Einkommens erzielen.

Armut als Dauerzustand

Armut in Deutschland wird der Studie zufolge für immer mehr Menschen zu einer Art Dauerzustand: Lebten Anfang der Neunzigerjahre noch 3,1 Prozent der Bevölkerung in dauerhafter Armut, sind es laut Studie aktuell schon 5,4 Prozent - eine Steigerung um 74 Prozent. Gleichzeitig sei seit 2005 der Anteil der dauerhaft Reichen wieder gestiegen, der Anteil der Haushalte mit mittleren Einkommen aber gesunken.

Zurückzuführen sei der Anstieg der dauerhaft Armen vor allem auf die Zuwanderung, sagt Anke Hassel, wissenschaftliche Direktorin des WSI. Die Gefahr sei dabei, dass für Zuwanderer "wirklich ein Platz im Niedriglohnsektor bereitgehalten wird, der mit Armut behaftet ist. Und es macht Integration umso schwieriger, wenn Menschen die hier ankommen, erstmal über lange Zeit unter Armutsverhältnissen leben müssen."

Erhebliche Unterschiede zeigen sich dem Bericht zufolge auch in der Betrachtung nach Geschlecht und Region. So sind bspw. etwa zwei Drittel der Wohlhabenden männlich und generell mehr Frauen von Armut betroffen als Männer. In Ostdeutschland kommt dauerhafte Armut etwa sechs Mal so häufig vor wie in den alten Bundesländern, dauerhafter Reichtum liegt zu 95 Prozent in Westdeutschland.

Bildung als Schlüssel gegen Armut

Um die soziale Kluft in Deutschland nicht größer werden zu lassen, empfiehlt Studienautorin Sparnnagel, die Kinderbetreuung deutlich zu verbessern, flexible Arbeitszeitmodelle für Eltern auszuweiten und Langzeitarbeitslose besser zu fördern:

"Bildung ist eben da tatsächlich der Schlüssel, um das nachhaltig zu machen."

Verbände und Opposition nutzen die Studie für Kritik an der Bundesregierung: Die Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland, Verena Bentele, forderte mehr Umverteilung durch eine Steuerpolitik, die Menschen mit großen Vermögen für das Gemeinwohl stärker in die Pflicht nehme.

Die Linken-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Sahra Wagenknecht, forderte, dass endlich Politik für die Mehrheit statt für Millionäre gemacht werden müsse. Grünen-Sozialexperte Wolfgang Strengmann-Kuhn forderte gegenüber dem Deutschlandfunk:

"Wir brauchen eine Kindergrundsicherung, wir brauchen eine Garantierente und wir brauchen insgesamt ein Garantieeinkommen, mit dem automatisch ein Mindesteinkommen garantiert wird für die erwerbsfähige Bevölkerung."

Grundlage für die Studie sind die Daten des sogenannten sozio-ökonomischen Panels, der seit 1984 vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung durchgeführt wird. Dafür werden derzeit 30.000 Personen in 11.000 Haushalten regelmäßig befragt.

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